Allen Ginsberg, bekanntester Poet und Guru der amerikanischen Beatnikbewegung, porträtierte ihn einst in einem "Supermarkt in Kalifornien": "I saw you, Walt Whitman, childless, lonely old grubber, poking among the meats in the refrigerator and eying the grocery boys" - der kinderlose Walt Whitman als einsamer Alter, der das abgepackte Fleisch in der Tiefkühltruhe durchwühlt und nach den Ladenjungen schielt. Das mag zunächst respektlos scheinen, ist aber tatsächlich Teil einer eindringlichen Liebeserklärung - und gleichzeitig das Eingeständnis, dass die eigene Dichtung ohne das Werk des großen Vorläufers schlichtweg nicht vorstellbar wäre.
So deutlich muss man es sagen: Ohne Walt Whitman, der auf alten Fotos mit gewaltigem Rauschebart, offenem Hemd und breitkrempigem Hut eher wie ein Goldgräber als wie ein Literat des 19. Jahrhunderts posiert, hätte es die gesamte amerikanische Dichtung, wie wir sie kennen, nie gegeben. Und nicht nur die Moderne der USA hätte sich wohl in eine andere Richtung entwickelt: Für den Europäer D. H. Lawrence war Whitman der größte Dichter, den die Welt je gesehen hat, und auch Pablo Neruda verdankt dem Vorläufer im Norden nicht wenig. Sie alle sind nur zufällig ausgewählte Beispiele aus einer riesigen Schar von Bewunderern, und so hat es seine Richtigkeit, wenn Ginsberg in seinem "Supermarket in California" Whitman pathetisch und ohne Umstände als Vater anredet: "Ah, dear father, graybeard, lonely old courage-teacher."
Ralph Waldo Emerson hegte 1837 in seiner Abhandlung "The American Scholar" die Hoffnung, dass sich die amerikanische Literatur in naher Zukunft vom europäischen Einfluss werde befreien können, so dass eine ganz eigene Dichtung entstünde. "Erbaut also eure eigene Welt", lautete sein Appell an die Zeitgenossen und Kollegen. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es tatsächlich zu dem beschworenen Aufbruch. Emerson selbst zählte zu den wichtigen Vertretern der jungen amerikanischen Literatur, dazu Thoreau, Hawthorne, Melville - und eben Walt Whitman. Sie alle legten die Grundlage für das, was man mit Fug und Recht eine eigenständige Nationalliteratur nennen kann.
Dabei hilft es, sich vor Augen zu führen, was zuvor und auch noch zur selben Zeit veröffentlicht wurde, zum Beispiel in der Lyrik. Hier widmete man sich zwar amerikanischen Themen, kopierte aber in formaler Hinsicht die europäische Tradition. Das gilt vor allem für Dichter wie Henry Wadsworth Longfellow und John Greenleaf Whittier, die als "Fireside Poets" bekannt wurden - und Whitman später äußerst skeptisch gegenüberstanden. Es gilt aber sogar für einen Dichter wie Edgar Allen Poe, der sich deutlich unterschied von den Autoren, die sich ums offene Kaminfeuer versammelten, sich jedoch ebenfalls von Europas romantischer Schule inspirieren ließ - und nicht ohne Grund in Europa seinen größten Einfluss ausübte.
Walt Whitman selbst begann mit eher herkömmlichen Versen; nichts deutete darauf hin, dass der 1819 in West Hills auf Long Island im Bundesstaat New York Geborene der große Neuerer der amerikanischen Poesie werden sollte. Whitman wuchs als eines von neun Kindern eines Farmers und Zimmermanns auf. Zu seiner Mutter hatte er zeitlebens ein engeres Verhältnis als zu seinem Vater; als sie starb, schlief der Erwachsene noch jahrelang auf ihrem Kopfkissen und widmete ihr ein überaus anrührendes Gedicht.
Die Familie zog oft um, unter anderem nach Brooklyn, was Walt und seine Geschwister einer Vielfalt wechselnder Umgebungen und Eindrücke aussetzte: "Ein Lernender bei den Schlichtesten, ein Lehrer bei den Gedankenvollsten,/Ein Neuling am Anfang, mit der Erfahrung von Myriaden Jahreszeiten,/Von jeder Färbung und Kaste bin ich, von jedem Rang und jeder Religion,/Ein Farmer, Handwerker, Künstler, Gentleman, Matrose, Quäker,/Zuchthäusler, Zuhälter, Rowdy, Advokat, Arzt, Priester."
Schon im Alter von elf begann Whitman zu arbeiten, erst als Bürojunge, dann bei einem Arzt. Als Zwölfjähriger erhielt er eine Ausbildung als Setzer und Drucker und war schließlich als Journalist bei diversen Zeitungen tätig, manchmal allerdings nur für kurze Zeit: Eine Anstellung verlor er wegen angeblicher Faulheit, eine andere, weil er sich energisch gegen die Sklaverei aussprach. Während des amerikanischen Bürgerkriegs schließlich war er Krankenpfleger in den Lazaretten der Union: "Dann die Verwundetenlager - O Himmel, welch eine Szene ist dies? - ist dies tatsächlich Menschlichkeit - diese Schlächtereien?", notiert er in "Specimen Days" über seine Erlebnisse.
Whitman, der seine Bildung als Autodidakt erwerben musste und sich sein umfangreiches Wissen anlas, arbeitete als Lehrer, Bauunternehmer und Zimmermann, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er, der selbst als Sechzigjähriger noch in eher prekären Verhältnissen lebte, verlor nie den Kontakt zum amerikanischen Alltag; gleichzeitig hörte der Opernliebhaber alle berühmten Sänger und Sängerinnen seiner Zeit, widmete einer von ihnen, Marietta Alboni, gar ein Gedicht - und mutmaßte, dass er ohne die großen, aufwühlenden Emotionen der Oper sein eigenes Werk, die "Leaves of Grass", nie hätte schreiben können. Gleiches lässt sich über seinen ungewöhnlich wechselhaften Lebenslauf sagen, sein unstetes Erwerbsleben. Angesichts dieser Biographie wirkt die berühmte Selbstbeschreibung nur folgerichtig: "Walt Whitman, ein Kosmos, der Sohn Manhattans,/Ungestüm, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend,/Kein Gefühlsduseler, keiner, der über Männern und Frauen steht oder abseits von ihnen,/Nicht mehr bescheiden als unbescheiden."