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Literatur

15. November 2012

Walter Nowojski: Klemperers Schüler und Entdecker

 Von Fritz Rudolf Fries
Walter Nowojski (1931-2012).  Foto: dpa

Zum Andenken an den Germanisten Walter Nowojski

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Wer ihn gekannt hat, wird nicht glauben wollen, ihm nur noch in der Erinnerung begegnen zu können. Am 9. November verstarb Walter Nowojski in Berlin, kurz vor seinem 81. Geburtstag. Seine humorvolle, oft sarkastische Art, mit den Zeitgenossen von gestern und heute umzugehen, wird auch mir fehlen.

Bei einem Versuch, sein Lebenswerk zu überschauen, meine ich, er hat es verstanden, „seinen Garten zu bestellen“. Wie sein bewunderter, von den Nazis verfolgter Lehrer Victor Klemperer (1881–1960) wusste der 1931 in der Niederlausitz geborene Arbeiterjunge Walter Nowojski, ein guter Lehrer ist kein Diktator, sondern ein Förderer unserer Sensibilität. Nowojskis Arbeit als Verlagslektor, Dramaturg, Chefredakteur der „Neuen Deutschen Literatur“, als Herausgeber der Tagebücher Victor Klemperers – zeigte sich da nicht ein Lehrer, der im Auftrag der Göttin Literatur das Klassenziel einer pädagogischen Provinz erreichen will, die sich DDR nannte?

Unter Lebensgefahr geschrieben

Als er Klemperers 1947 erschienene Untersuchung über die Sprache des Dritten Reiches (LTI) entdeckt, weiß er, dass er sich von nun an dem Werk des Ordinarius für Romanistik widmen wird. Klemperer zeigt, wie eine verkommene Sprache, wenn man zu lesen versteht, eine verkommene, verlogene Gesellschaft ankündigt.

In den frühen Sechzigerjahren, als ich einen in der DDR nicht erwünschten Roman in Westdeutschland veröffentlichte, verlor ich meine Anstellung an der Akademie der Wissenschaften sowie jede Möglichkeit, mit kleineren Beiträgen am Rundfunk der DDR meine Brötchen zu verdienen. Damals lernte ich Walter Nowojski kennen, der sich zusammen mit der Redakteurin Marianne Konzak über die Bürokratie in seinem Haus hinweg setzte und mich als „freischaffenden Autor“ beschäftigte. Als mein erster Roman in der DDR erschien, organisierte Nowojski in der NDL uneingeschränkte Gesprächsrunden zwischen Autor und Kritikern – ein wenig kamen wir uns vor wie in der „Gruppe 47“.

Nowojskis unermüdliche, erschöpfende Arbeit Klemperers Tagebücher und Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit zu bringen, die unter Lebensgefahr im Dresdner „Judenhaus“ entstandenen Seiten zu entziffern und zu kommentieren, mag als Vermächtnis gelten, uns Nachgeborenen die aus Intoleranz geborene Brutalität einer noch immer unbewältigten Vergangenheit zu zeigen. Hier entstand eine „Wiedergutmachung“, die heute im Streit der Parteien oft zur Phrase wird. Dass Nowojski es ablehnte, für seine Arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt zu werden, zeigt seine moralische Integrität, sich nicht mit Äußerlichkeiten begnügen zu wollen.

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