Wenn es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der "Kritik" geht, dann folgt auf dem Fuße der Hinweis auf den Ursprung des Wortes. Doch wer "Kritik" nur auf die Bedeutung von "unterscheiden" zurückführt, hat noch nichts geleistet. In der Antike sprach man von "kritike techne", also von der "Kunst des Unterscheidens", die in den Texten dann auch praktiziert wurde. Eindrucksvoll, und für die Entwicklung des "Kritik"-Begriffes bis hin zu Immanuel Kant von kaum zu unterschätzender Bedeutung ist das, was Aristoteles zu Beginn seines Traktates "Über die Teile der Tiere" schreibt.
Danach ist der, der den Titel "Kritiker" tragen darf, einer der in "allen oder fast allen Bereichen des Wissens" über "universelle Bildung" verfügt. Er sei unbedingt von all denen zu unterscheiden, die sich ein "spezielles Wissen" angeeignet haben.
Was ist Kritik? Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 375 Seiten, 14 Euro.
Was hier als philosophisches Programm angelegt ist, findet eine eigenständige Fortsetzung bei Kant. Dessen gegen Dogmatismus und Skeptizismus gleichermaßen gerichtetes Programm bezeichnet den Weg der universalen, vernunftgeleiteten Kritik als den noch einzig "offenen", stellt zum Gehen dieses Weges die theoretischen Modelle zur Verfügung und gibt schließlich eine systematische Anleitung für ihre Handhabung in den drei "Kritiken".
Die Philosophen der Frankfurter Schule und diejenigen, die sich deren Anliegen verpflichtet fühlten, ersetzten den "Kritik"-Begriff von Aristoteles und Kant durch neue Analyseinstrumente: Ideologiekritik, soziologische und historische Kritikformen lauteten die Stichworte der ersten Generation.
In der Art und Weise wie etwa Jürgen Habermas, und wiederum mit neuen Akzenten Axel Honneth oder Rainer Forst, das "kritische Geschäft" (Kant) weiterentwickelte, die Ansätze Theodor W. Adornos aus ihren Aporien löste und somit das "Frankfurter" Potential für amerikanische und französische Debatten öffnete, machte er "Kritik" als Kategorie wieder hoffähig. Doch diese Denkbewegungen haben nicht verhindern können, dass der philosophische "Kritik"-Begriff kaum Konjunktur hat, vielmehr in der Affirmation der Verhältnisse gleich mit verabschiedet wurde.
Die beiden Philosophen Rahel Jaeggi und Tilo Wesche haben jetzt den beachtlichen Sammelband "Was ist Kritik?" vorgelegt, der Bestandsaufnahme und Reanimation in einem sein möchte und in seinen besten Beiträgen auch ist. Es geht den Herausgebern um die unterschiedlichen Formen der "Kritik", wobei die Konzentration naturgemäß auf bereits erprobten Modellen liegt. Dass sich bei diversen Relektüren Abnutzungserscheinungen feststellen lassen, tut der Bedeutung des Bandes keinen Abbruch.
Allgemein lässt sich festhalten, dass "Kritik" stets auf einen Praxisbezug hin gedacht wird und es den Beiträgern darauf ankommt, diese Verbindung und ihre normativen Gehalte plausibel zu machen. Sehr schön kann man das etwa bei dem in Basel lehrenden Philosophen Emil Angehrn verfolgen, der die in den Siebzigern geführte Debatte zwischen Habermas und Gadamer über den Status der Hermeneutik rekonstruiert, um diese mit der kritischen Aufgabe zu verkoppeln, Defizite am Verstehensbegriff aufzuklären und gleichzeitig weiter gegen die "Falschheit bzw. Selbstverhüllung" von Gegenständen anzugehen.
Die Annahme, dass diese "Gegenstände" Ideen und Ideologien sein können, teilen zahlreiche Beiträge. So plädiert Mitherausgeber Tilo Wesche in einem Überblicksbeitrag eindrucksvoll für eine Programmatik der "Kritik", die sich an der "Genese der Vernunft" orientiert. Das heißt für Wesche, sich ständig neu jener Simplifikationen zu entreißen, die die vermeintliche Wirklichkeit in Form der Alternative etwa von Gut und Böse auferlegt.
An dieser Stelle setzt der zentrale Beitrag des Bandes an: Rahel Jaeggis Versuch, die - nicht zuletzt durch ihre eilfertigen Anwender - scheinbar "erledigte" Ideologiekritik zu rehabilitieren. Wie bereits in ihrer Abhandlung über das Konzept der "Entfremdung", begibt sich Jaeggi gezielt in die argumentative Struktur der von außen hineingetragenen und nicht minder dem "Ideologiekritik"-Begriff selbst inhärenten Widersprüche. Sie betreibt somit Aufklärungsarbeit dort, wo sonst Verblendungszusammenhänge leichtfertig konstatiert werden. Ideologiekritik gewinnt, so könnte man Jaeggis komplexe Überlegungen zusammenfassen, ihre subversive Kraft erst dann, wenn sie sich transparent geworden ist. Und das gelingt nur im unauflösbaren Streit mit der Wirklichkeit, denn sie ist die Produzentin des Scheins, aber auch jener Ort, an dem sich die Verhältnisse abbilden.
Jaeggis Plädoyer jedenfalls könnte die Schockstarre auflösen, die sich allenthalben in den Reaktionen auf die derzeitige Situation beobachten lässt. Der Titelfrage "Was ist Kritik?" wäre dann mit den guten Gründen der Beiträge ein "Sapere aude!" optimistisch entgegenzuhalten.