Literatur

28. November 2007

Weltenbummelei: Alberto Manguels "Bibliothek bei Nacht"

 Von CHRISTIAN THOMAS
In Deutschland tauchte Manguels Name erstmals 1981 mit einem dreibändigen Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur auf: "Von Atlantis bis Utopia" (gemeinsam mit Gianni Guadalupi). Die herrliche Rarität ist seit langem vergriffen. Foto: Simon Neri

Als wäre das Heimatproblem nicht immer schon eine weltweit besondere Herausforderung gewesen. Doch jetzt zeigt sich, dass der ansonsten wenig

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Der Autor

Alberto Manguel, 1948 in Buenos Aires geboren, wuchs in Israel auf und ist kanadischer Staatsbürger. In Deutschland tauchte Manguels Name erstmals 1981 mit einem dreibändigen Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur auf: "Von Atlantis bis Utopia" (gemeinsam mit Gianni Guadalupi). Die herrliche Rarität ist seit langem vergriffen.

Manguels Bücher wie "Eine Geschichte des Lesens" wurden in alle Weltsprachen übersetzt. Im S. Fischer Verlag liegen vor: "Stevenson unter Palmen" und "Tagebuch eines Lesers". Auf Englisch erschien soeben Manguels eigenwillige Lesart der Ilias und der Odyssee (Atlantic Books).

Die Lesung aus "Die Bibliothek bei Nacht" (Frankfurt a. M. 2007, Fischer Verlag, 400 S., 19,90 Euro) findet am Donnerstag, 29. 11., in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt a.M. statt. Weitere Stationen am 30.11. in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, am 3.12. in Berliner Staatsbibliothek und am 4.12. in der Staatsbibliotkek in Hamburg, jeweils 19.30 Uhr.

Als wäre das Heimatproblem nicht immer schon eine weltweit besondere Herausforderung gewesen. Doch jetzt zeigt sich, dass der ansonsten wenig Heimatverbundene sich mit dieser Heimat stets arrangieren konnte. Und das, obwohl sie fortwährend ein Aufenthaltsraum der fundamentalsten aller Fragen war: Wer sind wir? Und die Fragen, so einfach wie beunruhigend, fanden nicht etwa ein Ende, wenn es hieß: Was erwartet uns?

Allein schon wegen solcher nicht abreißender Fragen (Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?), die diese Heimat beständig aufbrachte, hat sie sich gehalten bis heute, Plünderungen oder vollständigen Zerstörungen zum Trotz. Trotz aller Anfeindungen, trotz provinzieller Kenntnislosigkeit oder der globalen Konkurrenz durch das Worldwideweb. Erasmus von Rotterdam, einer der Renaissanceriesen, dachte nicht nur an ein bescheidenes Zuhause, als er schrieb: "Dort ist meine Heimat, wo ich meine Bibliothek habe".

Auch für den Leser von Alberto Manguels soeben erschienenem Buch "Die Bibliothek bei Nacht" besteht Hoffnung für die Heimat. Wenn Manguel erst im letzten Kapitel auf "Die Bibliothek als Zuhause" zu sprechen kommt und das Wort "Heimat" eher beiläufig einführt, darf sich der Lesende doch sicher sein, dass in jedem einigermaßen geschlossenen Kreis von Büchern so etwas wie die Aussicht auf eine konkrete Utopie besteht. Nämlich auf ein "Universum mit eigenen Gesetzen, die tun, als übersetzten oder überhöhten sie jene des gestaltlosen Universums ringsum."

Manguel, ein Verehrer des Universums, 1948 in Buenos Aires geboren, in jungen Jahren Vorleser des blinden Borges, spätestens seit dieser Weltliteraturschule in mehreren Sprachen zu Hause, Verlagslektor, Literaturdozent und Übersetzer zwischen Paris, Mailand, London und Toronto, Verfasser so erfolgreicher wie stupender Kulturgeschichten, nimmt den Leser mit auf eine büchergestützte Weltreise. In fünfzehn Kapiteln, angefangen von "Der Bibliothek als Mythos" bis hin zur "Bibliothek als Zuhause" durchstreift Manguel einen Kosmos, von dem es an einer Stelle heißt, er sei ein grenzenloser Raum. Am Ende schlägt der Leser ein Buch zu, das ihn glücklich gemacht hat wie sonst vielleicht nur noch eine Heimatgeschichte aus Kindertagen.

Woher kommt Manguel? Wohin geht er mit dem Leser? Es sind solche vier Wände, in denen keines der heute im Wirtschaftsleben geltenden Gesetze auch nur annähernd erfüllt werden. Diese vier Wände, im Großen oder im Kleinen, ob als private Einrichtung oder als nationale Institution, sind äußerst immobil - und auch wenn man sich unter Büchern im Kreis "der gedruckten Freunde" (Rousseau) befinden mag, tendiert doch jeder Aufenthalt zum Unkommunikativen, ja Asozialen.

Dass Manguel die eigene Bibliothek, die aus einer Scheune des 15. Jahrhunderts hervorgegangen ist, auf einem Hügel, irgendwo südlich der Loire, nicht nur an den Anfang seiner Überlegungen stellt, sondern mit ihr das Kapitel "Mythos" und damit sein Buch eröffnet, verweist den Leser einerseits auf die glückliche Tatsache, dass es sich bei dem Mythos um so etwas Großartiges wie ein Welterklärungsmodell handelt, und andererseits auf die weniger tröstliche Erkenntnis, dass auch dieser Mythos, das liegt in der Natur der Sache, unbeherrschbar ist. Denn er ist ein "unablässig wachsender Organismus", ein Raum der "kein Vakuum" erträgt. Es ist dieser Gedanke an eine "ewige Baustelle", der sich durch das Buch zieht wie ein roter Faden.

Gleich einem Kaleidoskop greift Manguels Essay zwischen den denkbar am weitesten auseinander liegenden Polen aus, zwischen den Büchernarren und den Bücherverbrennern, den Universalgelehrten und den Dogmatikern, zwischen der inneren, geistigen Bibliothek und der physisch präsenten, zwischen den untergegangenen, den von der Inquisition ausgelöschten Bibliotheken der Azteken oder einer nicht minder sagenumwobenen, der rekonstruierten Aby Warburgs. Manguel lässt an die bibliophilen Himmelreiche denken ebenso wie an die Hölle von Birkenau, wo sich der Überlebenswille an ein Buch klammerte.

Manguels schweifender Blick kreist um die eigene Bibliothek wie um einen strahlenden Kern. Wobei eine der Umlaufbahnen, auf die er sich mit seiner Weltreise begibt, nicht von ungefähr die nächste Nachbarschaft in seiner Bücherscheune aufsucht, den kleinen Ort Chinon, die Geburtsstadt Rabelais', des Erfinders der, wie er ausführt, vielleicht ersten "imaginären" Bibliothek. Kaleidoskopisch und alles andere als systematisch, herrlich anekdotisch und hanebüchen weitschweifig geht der kosmopolitische Bibliomane vor.

Insgeheim die episodisch- rabelais'sche Methode aufgreifend, die dem Leser, wie er ihm beiläufig zusteckt, "fast völlige Freiheit in Reihenfolge und Deutung lässt", stellt Alberto Manguel auf seinem Weltenbummel eine "assoziative Ordnung" in einer Weltgegend her, die nichts anderes ist als ein Kosmos, der ins Unendliche ausgreift. Was Wunder, dass, eine weitere Abschweifung, im Bücherreich des Jorge Luis Borges eine Radierung von Piranesi hing.

Das Buch als Labyrinth. Und wie immer man zu ihm stehen mag, glücklich oder untröstlich, als leidenschaftlicher Buchhalter oder penibler Freigeist: Die öffentliche Bibliothek verlangt nach einer anderen Architektur als eine private. Diese mag nach so ordentlichen Prinzipien wie dem Alphabet oder der Epoche eingerichtet werden. Oder nach so schrulligen wie Farbe, Kaufdatum oder Format. Welche Regelung aber sollte exzentrischer sein als die in der kaiserlichen Bibliothek im China des 3. Jahrhunderts? Hier waren es ganze Abteilungen, die nach graphischen und phonetischen Aspekten in die Regale gestellt wurden. Und das war noch nichts gemessen an dem Ordnungsprinzip, das sich dem "Reim der letzten Silbe des letzten Wortes im Titel eines Buches" verdankte.

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