Ganz einfach, dieser Comic ist eine Liebeserklärung. Aber was für eine: „Maria ist Maria und ich bin ihr Vater, manchmal ärgern wir einander, meistens lachen wir, wir reden pausenlos, vor allem sie. Ich zeichne gern für sie und mag es, auf diese Weise mit ihr zu kommunizieren. Maria ist die beste Tochter, die sich ein Vater wünschen kann.“ Das schreibt Miguel Gallardo und fügt eine Zeichnung hinzu, eine Vignette, die ihn als spitzohrigen, bebrillten Hund zeigt, den Maria – „Wie immer. Typisch!“ – an der Leine zu sich zerrt. Es ist eine seiner ersten Zeichnungen für sie. Im Laufe der Jahre sind sehr viele Zeichnungen entstanden.
Dabei haben Vater und Tochter eine Form der Verständigung gefunden, die ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Wie sehr eigen, beginnt man zu ahnen, sobald man Gallardos Comic „Maria und ich“ in Augenschein nimmt, ein Comic, der nicht nur Comic ist. Vielmehr besteht das Buch aus einer Vielzahl von Genres, ist Bilder- und Tagebuch, Skizzenblock, Erlebnisbericht und Erklärungsversuch. Mal bestehen die Seiten aus Einzelbildern mit oder ohne Sprechblasen, dann finden sich dort nur handschriftliche Passagen, vielleicht mit einer kleiner Schmuckzeichnung versehen, doch zumeist geht alles durcheinander – oder ineinander über.
Miguel Gallardo engagiert sich auch sonst für ein Verständnis für den Autismus in der Gesellschaft.
Seit 2006 betreibt er ein Blog für und über Maria.
Was er sonst so macht, kann man auf seiner Website erfahren.
Im Jahr 2007, als das Buch entsteht, ist Maria zwölf Jahre alt. Sie lebt bei ihrer Mutter auf den Kanaren, sie verfügt über einige außergewöhnliche Begabungen, vor allem kann sie sich die Namen aller Menschen merken, die sie jemals kennengelernt hat, selbst wenn die Begegnungen nur flüchtig waren. Sie liebt es, darüber Listen zu führen und immer wieder zu sprechen. Maria fremdelt manchmal mit ihrer Umgebung, doch fasst sie schnell Vertrauen. Sie kann dann sehr direkt sein, etwa, wenn sie jemanden sehr mag oder gar nicht mag: Dann nämlich kneift sie feste. Sie „hat ein ansteckendes Lächeln“, wie uns der Vater verrät, „und einen besonderen Humor und Autismus“.
Freie Form
Miguel Gallardo lebt in Barcelona und hat sich in Spanien als Illustrator einen Namen gemacht, er zeichnet aber auch für amerikanische Zeitungen wie die Herald Tribune oder Zeitschriften wie den New Yorker. Er gehört zu den Gründern des Comic-Magazins Makoki. Gleichwohl gehört „Maria und ich“ zu seinen wenigen erzählerischen, sehr frei an der Form des Comics orientierten Arbeiten und ist seine erste Veröffentlichung in Deutschland. Dabei haben wir es allerdings nicht nur mit der hinreißenden Liebeserklärung eines Vaters an seine Tochter zu tun, auch nicht nur mit dem eindrucksvollen Protokoll eines sehr innigen Gesprächs zwischen den beiden.
„Maria und ich“ ist vor allem auch eine – beinahe – unwiderstehliche Aufforderung, sich in die Erlebniswelten eines autistischen Kindes hinein zu sehen und zu lesen. Mit seinem kunstvollen Genre-Potpourri gewährt uns Gallardo einige Einblicke in diese vielgestaltige Andersheit: Maria erträgt die Blicke fremder Menschen nur schwer, dagegen fühlt sie sicher, wenn sich Ereignisse wiederholen lassen, so wie die Namen auf ihren Listen, die sie bei aus unserer Sicht passenden und vor allem unpassenden Gelegenheiten aufzuzählen liebt. Und dann sind da noch die Zeichnungen des Vaters, die ihr helfen, die Welt zu verstehen.
Kein gerader Weg
Sehr früh hat Miguel Gallardo erkannt, dass er Maria mit seinen Zeichnungen glücklich machen, ihr Geborgenheit und Sicherheit geben kann. In dieser Hinsicht kündet „Maria und ich“ auch von einer fundamentalen Kraft: der welterschließenden und -erklärenden Kraft der Bilder. Oder der Zeichen, die es in ihrer Einfachheit dem Menschen erlauben, seinen Ort im Leben zu finden, die aber nie nur einer Leserichtung folgen, sondern uns über viele Umwege führen können. Maria spricht wie aus einer anderen Dimension zu uns, in der sie isoliert, gefangen zu sein scheint und aus der niemals nur ein gerader Weg zu uns führt.
Miguel und Maria Gallardo unternehmen eine kurze Urlaubsreise in den Süden von Gran Canaria, liegen an den Stränden, erstellen Listen von den Menschen und schlagen sich durch die Buffets. Am Schluss aber, nach einer letzten Restaurantschlacht, „sagt Maria, in meinem Schoß zusammengerollt, zu mir: DU UND ICH... So einfach, noch nie hatte ich so schöne und schlichte Liebesworte gehört“. Eine Gnade. Der Weg bis dahin war sehr weit.