Eine der perfidesten Erklärungen für das spurlose Verschwinden von mehr als 30000 Menschen unter der argentinischen Militärdiktatur 1976 bis 1982 lieferten offenbar willfährige Psychologen. Es sei typisch, schrieben sie, um die Bevölkerung zu besänftigen, dass die Ehemänner des Landes eines Tages ohne jede Erklärung davon gingen. Sie litten eben unter dem Wakefield-Syndrom, benannt nach einem jungen Mann in einer Erzählung von Nathaniel Hawthorne, der seine Frau verlässt und sie von einem Haus im nächsten Block aus beobachtet, um nach 20 Jahren wieder aufzutauchen.
Tomás Eloy Martínez (1934 bis 2010) erzählt diese furchtbare Anekdote über das große Trauma der argentinischen Gesellschaft in seinem Roman „Purgatorio“. Im Purgatorio, im Fegefeuer, leidet Emilia, deren Mann Simón Cardoso wenige Monate nach der Hochzeit und dem unmittelbar folgenden Militärputsch 1976 verhaftet wurde und verschwand. Dass er tot sei, wie mehrere Zeugen aussagen, will die Verzweifelte nicht glauben. Sie sucht ihn jahrelang. Nach dem Fall der Junta, hinter der ihr Vater als intellektueller Kopf und Chefpropagandist stand, verlässt Emilia Argentinien, um in den USA zu leben. Dort begegnet ihr eines Tages Simón wieder. Er ist dreißig Jahre alt wie damals und auch so schön, sie ist dagegen drei Jahrzehnte älter und genießt als Sechzigjährige, was sie lange hat vermissen müssen: die Liebe.
Das ist eine ziemlich waghalsige Konstruktion. Die Militärdiktatur wird aus der Perspektive einer Familie erzählt, die Täter und Opfer vereint und in der Emilia dem Juntaführer mehrmals als Freund ihres Vaters begegnet. Das allein würde schon genügen für einen Roman, doch „Purgatorio“ erzählt zudem vom beschädigten Leben nach der Diktatur und lässt den Verschwundenen mit dem biblischen Namen dann auch noch wie im magischen Realismus zurückkehren. Viel Holz für 280 Seiten.
Martínez, mit einigen Büchern erfolgreicher Autor, spart nicht mit Bezügen
Martínez beginnt mit der wunderlichen Rückkehr des Verschwundenen und erzählt von Emilias Drama mit vielen Rückblenden. Seiner Hauptfigur stellt er in New Jersey eine zweite Exil-Argentinierin zur Seite, die sich als Autorin des Romans bezeichnet und Emilia als intelligente Bekannte mit seltsamen Anwandlungen schildert.
Außerdem spart der mit einigen Büchern recht erfolgreiche Autor, Journalist und Kritiker nicht mit Bezügen: Auf den gleich mehrfachen, jedoch für den Roman folgenlosen Hinweis, dass Emilias und Simóns Beruf, die Kartographie, der Literatur ähnele, folgen zahlreiche literarische Zitate bester Provenienz, zu Borges, Kafka und Dante gesellt sich schließlich noch Orson Welles. Martínez geizt weder mit Themen noch mit Anspielungen.
Nur hat er mit den wohlfeilen Zutaten nichts anzufangen gewusst. Die furchtbare Geschichte der Diktatur verkommt ihm zum traurigen Drama der plötzlich verwitweten Tochter: Dass Vater Dupuy ein gefühlloser Machtmensch ist, lässt alles andere, ob Folter, Mord oder Krieg, verblassen. Allerdings agiert Dupuy mit der Überzeugungskraft einer Aufziehpuppe. Seine Zusammenkünfte mit dem Juntachef und dessen Ehefrau scheinen einer Soap Opera entlehnt.
Auf diesem Niveau bewegen sich auch die Charakterisierungen. Stets aufs Neue wird der Diktator als „Aal“, seine Frau durch dicke, mal verhüllte, mal nicht verhüllte Beine charakterisiert. Und Dupuys zwei, drei exemplarisch präsentierte Intrigen (in einer testen zwei auf sein Geheiß als schwangere Maria mit Joseph verkleidete Journalisten die Barmherzigkeit des Volkes und müssen ihre desaströsen Erfahrungen entsprechend dem katholischen Staatsglauben zurechtlügen) lehren das Gähnen.
Der Kolportage zumindest nahe stehen auch die übrigen Ereignisse und Personen. Allein Emilias Sehnsucht und Simóns fiebrig erlebte Rückkehr lassen ahnen, welches Buch Martínez im Sinn hatte.
Wahrscheinlich waren auch das Lektorat und Übersetzer Peter Schwaar enttäuscht. Wie sonst wäre es zu erklären, dass der Roman unverständliche Sätze enthält (Tragödien, „von denen Nancy in Highland Park Bestand aufgenommen hatte“, S. 85), erstaunliche Bilder („Der ganze Horror der Vergangenheit überflutete nun die Deiche“, S. 199), misslungene Metaphern („Geschichten, die einem den Herzschlag einfrieren lassen“, S. 120), begriffliche Fehler („angelsächsische Diktion“ statt Artikulation, S. 82) und manch falschen Plural („Lexiken“, S. 91). Im Schnitt durchfährt es einen alle sieben, acht Seiten. Möge dieses Purgatorium jedem Leser erspart bleiben.
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