Literatur

16. Juli 2012

Widmanns Lesegedanken: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann
Jeden Monat stellt Ihnen Arno Widmann besondere Bücher vor (Symbolbild). Foto: dpa/dpaweb

Was folgt sind keine Rezensionen, nicht einmal Kurzrezensionen. Es sind – sehr altertümlich gesagt – Lesefrüchte. Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle.

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Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet. Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit,  einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu wird vom Nachttisch geräumt.

Über Klimt - Ganz in weiß

Gustav Klimt und Emilie Flöge, Prestel, München 2012.
Gustav Klimt und Emilie Flöge, Prestel, München 2012.
Foto: Prestel

Reden wir von Gustav Klimt (1862-1918). Sehen wir uns die Fotografien  an, die Anton Josef Trcka 1914 von dem Wiener Maler machte. Wir können  das jetzt tun in dem Band „Gustav Klimt und Emilie Flöge“. Darin sind mehr als 250 Fotos von Gustav Klimt und Emilie Flöge (1874-1952). Nicht sehr verlockend für Menschen, die Klimts Bilder mögen, aber an seinem Privatleben eher uninteressiert sind. Die zugegebenermaßen knapp gehaltene Einleitung aber weist auf die große Rolle der Fotografie für die gesamte Wiener Malerei  des Fin de Siècle, insbesondere für Gustav Klimt hin. Sie erinnert an einen Tagebucheintrag der jungen Alma Schindler-Mahler-Gropius-Werfel vom 28. Juni 1899, in dem es heißt, Klimt habe zu malen begonnen, „indem er Fotografien vergrößerte und kolorierte“. Das Buch bietet auch einen schlagenden Beleg für Klimts Malen nach Fotografien. Seine berühmte Salomé von 1909 orientiert sich sehr stark an einem Foto, das Lili Marberg als Salomé zeigt. Die Schauspielerin hatte Franz oder Mary von Stuck für eine ganze Reihe von Aufnahmen posiert. Stuck hatte ein anderes Foto aus der Serie schon für seine Bilder der tanzenden Salomé aus dem Jahre 1906 verwendet. Klimt hat aber nicht nur nach solchen gewissermaßen künstlerisch wertvollen fotografischen Vorlagen gemalt. Er griff auch ganz wie die Popkünstler nach dem zweiten Weltkrieg nach Produkten der Massenkultur. Sein Gemälde Litzlbergkeller entstand womöglich  nach einer Ansichtskarte, die er ein paar Jahre zuvor seiner Mutter geschickt hatte. Die Einleitung erklärt, wie Klimt diese Landschaftsbilder komponierte. Der Vordergrund ist, was er ist. Den Hintergrund zoomt er mit einem Opernglas heran. Die Entfernungen verschwinden. Der Raum wird weggedrückt. Alles steht in einer Fläche. Für die Motivsuche hatte Klimt sich einen Sucher gebastelt. Aus Pappe, wie wir als Kinder, als wir „Fotograf“ spielten. Ob Klimt selbst fotografiert hat, weiß man nicht, erklärt  Alfred Weidinger in seiner Einleitung.

So präpariert blättert man doch gern durch den Band, der Klimt, seine Freunde und immer wieder ihn und wieder ihn, immer wieder im gleichen Bauernkittel, der aber womöglich ein von der Designerin  Emilie Flöge entworfenes Reformgewand ist. Es gibt auch ein paar Aufnahmen von Geselligkeiten der Wiener Künstlerszene. Also zum Beispiel:  Alma Mahler, Max Reinhardt, Josef Hoffmann, Gustav Klimt bei der Kaffeejause. Sehr schön auch die Aufnahmen von der Eröffnung der Kunstschau am 1. Juni 1908. Die Damen in Weiß mit Sonnenschirmchen wie in Schlöndorffs Proustverfilmung. Doch wie kleinbürgerlich wirkt Wien daneben. Aber das Gros sind doch Porträts von Klimt und Modeaufnahmen von Emilie Flöge. Es sind auch ein paar sehr schöne Farbfotos dabei. Und immer wieder der kleine -  jedenfalls kleiner als Emilie Flöge -  aber sehr imposant sich darzustellen vermögende Gustav Klimt. Und wer, fragt der Leser sich jetzt, war Emilie Flöge? Sie war gelernte Schneiderin, wurde eine sehr erfolgreiche Unternehmerin. Ihren Salon musste sie, da ihre Kundinnen vor dem Anschluss geflohen waren, nach 1938 schließen. Seit 1891 war sie wohl  die Lebensgefährtin von Gustav Klimt. Es geht die Legende, der Kuss stelle ihn und sie dar. Auch dieses Bild muss man sich dann wohl nach einem Foto gemalt vorstellen.

Agnes Husslein-Arnold, Alfred Weidinger: Gustav Klimt und Emilie Flöge, Prestel, München 2012, 240 Seiten, 253 Abbildungen,  24,95 Euro

 

Christa Wolf - Der blinde Fleck

Am vergangenen 1. Dezember starb Christa Wolf. Wer ihre Bücher gerne liest, wer sie gerne hatte, der wird in diesem halben Jahr immer wieder an sie gedacht, er wird sie vermisst haben. Er wird sich darüber freuen, dass in der Insel-Bücherei ihre frühe literarische Suchbewegung „Unter den Linden“ von 1974, wieder vorliegt, zusammen mit neuen Bildern von Harald Metzkes. Er wird sie gerne lesen, denn gleich in den ersten Sätzen steht, dass sie erst über die Straße schreiben konnte, als sie begann von ihr zu träumen. Die Welt selbst schreibt sich nicht. Christa Wolf gehörte nicht zu denen, die glauben, sie abschreiben zu können. Sie war definitiv keine Liebhaberin von Protokollsätzen. Sie wusste, dass sie erst dann schreiben konnte, wenn es ihr gelungen war, sich die Welt zu eigen zu machen. Das heißt aber, dass sie sie schreibend wieder aus sich herausholen musste. Das war ihre Arbeit. So schön das Wiedersehen mit „Unter den Linden“ auch ist, der Christa Wolf Leser wird sich stürzen auf „Rede, dass ich dich sehe“, eine Sammlung von Essays, Reden und Gesprächen aus den Jahren 2000 bis 2011. Neben vielem Bekannten finden sich hier auch drei bisher unbekannte Texte. Auf einen  möchte ich die Aufmerksamkeit lenken. „Nachdenken über den blinden Fleck“ ist eine Rede, die sie 2007 auf dem 45. Kongress der Psychoanalytischen Vereinigung hielt. „Rede, dass ich dich sehe“, darum haben ihre Leserinnen und Leser sie immer wieder gebeten. Und Christa Wolf ist dieser Bitte immer wieder – so glaube und hoffe ich – gerne nachgekommen. Dabei gibt es doch kaum einen Autor, den man, auch wenn man nur seine Bücher liest, so gut sieht wie sie. Vielen sind Christa Wolfs Bücher darum ja zu persönlich. Diese ihre Nicht-Leser erklären oft, sie würden schon bei der Lektüre gar zu sehr in die Seele, ja in den Körper der Autorin gezogen. Vor so viel Berührung schrecken sie zurück. So nah soll ihnen die Fremde nicht kommen. Mein Verdacht ist, dass sie weniger vor der Fremden  als vor dem Eigenen zurückschrecken, vor der Erkenntnis nämlich, dass es in ihrem eigenen Körper, ihrer eigenen Seele kaum anders zugehen könnte, als in der von ihnen belächelten schwachen Christa Wolf. Sie wollen in ihren Panzern bleiben, darum legen sie so viel Wert darauf, dass auch andere sich panzern. Auf dem Umschlag des Buches steht ein Satz von Volker Braun, dem guten Freund: „Christa Wolf hat der deutschen Literatur wie wenige Würde und Weltbewusstsein gegeben.“ Das stimmt sicher, aber es verschweigt das Eigentliche von Christa Wolf: Sie hat die Würde durch Würdelosigkeit und das Welt- durch Selbstbewusstsein erreicht. Sie hat sich nicht gescheut, alles herkömmliche Verständnis von Würde abzustreifen und zum Beispiel in „Leibhaftig“  eine Kranke in ihrem körperlichen und geistigen Verfall zu zeigen. Sie tat das als Ich-Erzählerin. Sie war klug genug zu wissen, dass nur wer bereit ist auf Würde zu verzichten, sie gewinnt. Aber sie tat es nicht, weil sie das wusste, sondern weil sie nicht anders konnte. Sie, die gerne Kriminalromane las, hätte auch gerne welche geschrieben. Aber das ging nicht.  Plot langte ihr nicht. Sie musste sich selbst dreingeben. So stark ihr Interesse an Welt und Gesellschaft war, so intensiv sie sich auch beschäftigte mit dem, das die Wissenschaften an Erkenntnissen und Gesichtspunkten bereitstellen, schreiben konnte sie erst über das, das Eindruck, auf sie gemacht, das in sie eingesunken war, das nicht nur ihr Verstand sondern auch ihr Unbewusstes bearbeitet hatte. Das aber folgt eigenen Gesetzen. Wir können nicht darüber verfügen. Es verfügt über uns. Ihr „Nachdenken über den blinden Fleck“ belegt das eindringlich. Das Erinnern und das Vergessen sei seit langem ihr Thema, habe sie, so schreibt sie, „in Konflikte und Krisen gestürzt“. Es wird niemanden geben, der an dieser Stelle, dem zweiten Satz ihres Vortrages, nicht daran gedacht hätte, dass sie 1990 erfuhr, dass sie in den Jahren 1959 bis 1962 für die Stasi gearbeitet hatte oder doch in deren Akten als IM Margarete geführt worden war. Sie erfuhr es, weil sie es vergessen hatte. Sie, die seit Jahren im Konflikt mit der Staatsführung des in ihren Augen besseren Deutschlands lebte, hatte in den blinden Fleck nicht der Wahrnehmung sondern der Erinnerung abgeschoben, absinken lassen, wozu sie – für eine gute Sache – fähig war. So sehr, dass sie nicht nur nicht mehr erinnerte, was sie damals getan hatte. Sie wusste nicht einmal mehr, dass sie es getan hatte. So jedenfalls sagte sie, nachdem die Akten der Gauck-Behörde uns – und sie – in Kenntnis gesetzt hatten. Wer nach den ersten Sätzen meint, Christa Wolf habe die Gelegenheit dieses Vortrages vor einem Fachpublikum genutzt, um über ihre Erfahrung mit dem blinden Fleck zu sprechen, der täuscht sich, der wird enttäuscht. Sie spricht über Thomas Mann, über den Erinnerungsstau über den „Erinnerungsverlust der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, der ja meistens Verleugnung von Mit-Wissen und Mit-Schuld war“. Die ganze Rede ist ein einziges Ausweichen vor dem eigenen blinden Fleck, eine Fluchtbewegung, die freilich immer wieder dem gefürchteten Gegenstand sich nähert, um nur immer wieder weiter weg zu springen: zu Goethe und Schiller, nach Auschwitz und dann der letzte Satz, der eine Ablenkung scheint,  zu ihrer geliebten Günderode, der dann aber, taghell erleuchtet, warum der blinde Fleck ein blinder Fleck ist, warum sie es nicht schafft, ihn aufzuklären: Sie wäre dann gezwungen, „was mich tötet, zu gebären“.

Christa Wolf: Rede, dass ich dich sehe – Essays, Reden, Gespräche, Suhrkamp, Berlin 1912, 208 Seiten, 19,95 Euro.

Christa Wolf: Unter den Linden, Suhrkamp, Berlin 1912, 73 Seiten, 13,95 Euro.

 

Alexandre Dumas - Mit einer Zeitung gegen die Camorra

Alexandre Dumas, der Ältere (1802-1870) war nicht nur der Bestsellerautor von zum Beispiel der Drei Musketiere. Er war auch politisch aktiv. 1860 begleitete er Garibaldi auf seiner Propaganda-Feldzug-Expedition der Tausend nach Süditalien. Dumas blieb dann drei Jahre in Neapel. Er schrieb dort. Natürlich sagen Sie? Aber, was heißt bei einer Schreibfabrik wie Alexandre Dumas schon natürlich? Er saß nicht zu Hause, schrieb einen Roman und gab den, als er fertig war, einem Verleger. Alexandre Dumas machte in Neapel das, was er gewohnt war: er gründete eine Zeitung. Diesmal hieß sie nicht „Der Musketier“. Sie hieß „L’Indipendente“. Die erste Ausgabe erschien am 11. Oktober 1860. Am 13 September erst war er nach Neapel gekommen. Wenn man etwas will, dann kann man es auch. Und man kann es schnell. Ganz ohne Markt- und Leseranalyse, und man macht es allein. Dumas füllte das Blatt von der ersten bis zur letzten Seite, Tag für Tag. Ein paar Übersetzer hatten ordentlich zu tun. „L’Indipendente“ war das neapolitanische Kampforgan der Partei für die Vereinigung Italiens. Im Zentrum der achthundertzweiundvierzig von Alexandre Dumas gezeichneten Artikel steht der Kampf gegen die Camorra. Diese Artikel sind jetzt in einer – die Dumas’schen Originale sind nicht erhalten – französischen Übersetzung erschienen: „La Camorra et autres récits de brigandage“. Man verneigt sich vor dem Fleiß, der Kraft, der Konzentration Dumas’. Das ist eine Art von Journalismus, die wir nicht mehr kennen. Vielleicht wird sie online wieder zum Leben erweckt werden. Aus der Not heraus, dem Drang, dem Engagement.

Dumas ist mittendrin. Er sieht sich um. Er beschreibt, was er sieht, was ihm zugetragen wird. Er prüft und schreibt. Er sieht zurück, lässt sich erzählen, wie es zu dem kam, was er sieht. Er schreibt in Eile, denn er will hinaus aus diesem Jetzt. Er schreibt auf, was ein Camorrista dem Polizisten zu zahlen hat. Es sind feste Tarife. Die bourbonische Staatsmacht arbeitet eng mit den Zerstörern des Staates zusammen. Beide sind Räuber, die sich streiten oder einigen, je nach dem, wie sie mehr aus der Bevölkerung herausbekommen können. Er erzählt davon, wie hohe, aber verarmte Adlige, die freilich in der Verwaltung Neapels und Siziliens eine wichtige Rolle spielten, Urlaub machten in den Villen der Großbourgeoisie. Allerdings – die Zeiten ändern sich doch – warf der eine oder der andere auch mal einen Blick in die Fabriken und sah sich die Arbeiterinnen dort an. Dumas berichtet von den Versuchen, der Camorra und ihren bewaffneten Räubern das Handwerk zu legen. Es sind Versuche nicht der Regierung, sondern Unternehmungen der Revolutionäre. Sie scheitern. Wie sehr sie scheiterten, wissen wir erst heute. So lebendig Dumas schreibt, so anregend seine Liebe zum Detail ist, so lähmend ist doch diese Lektüre. All diese Kraft, der Enthusiasmus, das Engagement – vergebens. Die Camorra hat gesiegt und sie scheint weiter zu siegen.

Alexandre Dumas: La Camorra et autres récits de brigandage, Texte établie, présenté et annoté par Claude Schopp, les textes italiens ont été traduits par Mariel Péchaudra Lartigue, La Librairie Vuibert, Paris 2011, 403 Seiten, 19 Euro

 

Max Liebermann - Gesund wie die von Franz Hals


Über den Maler-Kollegen Alfred Stevens schreibt er: „Die Hand ist wunderbar, Es hat etwas von Pfirsich, allerdings eine, die, wie A Dumas fils sie beschreibt, etwas verfault ist. Nicht etwa die Malerei, die ist gesund wie die von Frans Hals; aber das Modell. Das Ganze – u. das finde ich den Hauptreiz recht modern fin de siècle. Leider muss ich gestehn, dass ich in meiner Begeisterung für das Bild ganz allein stehe; sämtliche übrigen, die es gesehn, finden es – galant gesagt – scheußlich. Und das ist das Traurige bei der Sache, dass das Verständnis für wahre und schöne Malerei hier ganz fehlt.“ So schreibt Max Liebermann am 30. Oktober 1890 aus Berlin. Zwei Wochen zuvor hatte er berichtet, dass ein Enthusiast eigens aus Amsterdam angereist sei, um eines seiner Bilder zu kaufen: „eine ältere Arbeit, eine Sau mit Ferkeln, die gefüttert werden“. Er hat, vermerkt der 43-jährige Liebermann, auch einen ordentlichen Preis für ein kaum 50 Zentimeter großes Bild gezahlt. Man spürt den Triumpf und man weiß, er hätte es auch für weniger abgegeben und amüsiert sich ein wenig über den Käufer, der so viel zu zahlen bereit war. Es gehört zu den Vergnügungen der Nachwelt,  in Tagebüchern und Korrespondenzen spontane Reaktionen entdecken zu können, Sätze, die nicht durch die Filter der inneren PR-Abteilungen gegangen sind. So liest man einen Brief vom Mai 1881 interessiert. Und erfreut sich als einer, der Liebermanns Bilder früh lieben lernte, besonders an dem letzten Satz des Absenders: „Man kann Sie mit der Lupe betrachten wie einen Terborgh oder von weitem wie einen Manet: immer ist es richtig und interessant. Sie sind ein wahrer Meister, ein zweiter Menzel.“ Aber ganz hellhörig wird man doch erst, wenn man den Kommentar liest: „Diesen Brief hat Liebermann zeitlebens wie einen Talisman bei sich getragen. Er fand sich in dem Visitenkartentäschchen, das Liebermann bis zuletzt in Gebrauch hatte.“

Man grübelt. „Zweiter Menzel“ – war Liebermann davon begeistert? Oder war es doch, dass Terborgh und Manet jeder nur ein halber Liebermann war? Das kommt einem zwar verdammt vermessen vor, aber das spricht doch eher dafür, dass Liebermann gerade darauf ansprang. Der Autor des Briefes war Léon Maitre, ein Pariser Sammler. Ein Kenner, aber keiner, dessen Einfluss über Karrieren bestimmte. Liebermann fühlte sich wohl erkannt in diesem Brief. Möglicherweise noch mehr in dem, das er wollte, als in dem, das er tat. Darum und nicht wegen der Prominenz des Absenders bewahrte er diesen Brief auf. Und er bewahrte ihn auf, weil er wusste, dass er Zustimmung brauchen konnte, dass es seinem Gemüt gut tat, in schwierigen Situationen auf solche Bestärkungen zurückgreifen zu können. Glücklich wer so einen Brief und nicht einen Umschlag mit Koks mit sich führt. Die Vorstellung, dass Liebermann, diesen Brief eben nicht zeitlebens mit sich getragen hat, sondern erst, als die Nazis daran gingen, ihm das Leben schwer zu machen!

Max Liebermann: Briefe Band 1 (1869-1895), zusammengetragen, kommentiert und herausgegeben von Ernst Braun, Deutscher Wissenschaftsverlag, Baden Baden 2011, 591 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 39,90 Euro

 

J.W. Goethe - Schöne Luna, sei uns gnädig

„Goethes Monde“ - eine Sammlung von Texten und Zeichnungen Goethes über den Mond. Ein kleines Inselbändchen, in dem ich nur blättern wollte und in das ich mich dann verguckt habe. Ich mag die blassen Zeichnungen, in denen man manchmal suchen muss nach dem Mond. Einmal weil er so klein, ein andermal, weil er so groß ist. Man kann etwas verstecken, indem man es fast das ganze Blickfeld einnehmen lässt. Venedig im Mondlicht – wie gut, dass ich nicht im Büro war, als ich diese Zeichnung sah. Ich hätte einen Flug gebucht und wäre ab. Diese Bilder wecken die Sehnsucht, in dem sie an sie erinnern. Eine Sehnsucht, der ihre Erfüllung nicht hat schaden können. Dann ein Text und ich weiß wieder, wie sehr ich Goethe liebe. Nicht erst „Willkomm und Abschied“, sondern schon das frühe vom Herausgeber geschmähte „An den Mond“. Schon allein bei dem „in wollustvoller Ruh’“, das doch auf den Mond gemünzt ist, der auf die Geliebte des Dichters blickt, fühle ich mich ertappt. Ich mag die virtuose Intelligenz, mit der hier der Leser vom Dichter zu dessen Voyeur gemacht wird. Man mag darin das Maskenspiel des Rokoko erkennen, aber ist das ein Grund, es als nur raffiniert zu betrachten? Die Empfindung verliert nichts, wenn sie sich als Empfindung weiß. Das Bewusstsein schmälert nicht, es steigert den Genuss.  Und diese Stelle aus einem Brief an Charlotte von Stein, 1777 von der Wartburg aus geschickt: „Wenn ich Ihnen nur diesen Blick der mich nur kostet aufzustehn vom Stuhl hinüberseegnen könnte. In dem grausen linden Dämmer des Monds die tiefen Gründe, Wiesgen, Büsche, Wälder und Waldblösen, die Felsen Abgänge davor, und hinten die Wände, und wie der Schatten des Schlosses unten alles finster hält und drüben an den sachten Wänden sich noch anfasst wie die nackten Felsspizzen im Monde röthen und die lieblichen Auen und Thäler ferner hinunter, und das weite Thüringen hinterwärts im dämmer sich dem Himmel mischt.“ Wie schön, dass hier kein Duden geschulter Lektor die Wörter, die Sätze, die Zeichensetzung auf Linie gebracht hat. So höre ich den Autor atmen, frankfurterisch atmen. Aber ist dieses „Thüringen“ darin nicht einfach gewaltig? All diese Beredsamkeit, die durch Umständlichkeiten der Beschreibung aufgehaltene und dadurch nur desto schöner sich verströmenden Gefühle und da hinein dieses biedere Thüringen! Und nun gar noch das weite Thüringen! Dieses Duodez-Reichleinchen! Niemals gab es einen Geheimrat wie diesen!

Goethes Monde – Texte und Zeichnungen, herausgegeben von Mathias Mayer, mit farbigen Abbildungen, Insel Bücherei 1351, Berlin 2012, 79 Seiten, 13,95 Euro

David Foster Wallace - Eine Rede gegen die Wut

Im Mai des Jahres 2005 hielt David Foster Wallace (1962-2008) eine Rede vor den Absolventen des Kenyon College. Es ist ein einfacher, logischer, dabei zu Herzen gehender Text. Keine Sprachakrobatik, kein Spiel, kein „Unendlicher Spaß“, sondern eine sehr ernste, sehr berührende Ansprache an junge Leute, die gerade begonnen haben, sich und ihre Kräfte zu entdecken. Sie stehen in der Schlange vor der Kasse am Supermarkt. Irgendjemand trödelt, sagt Wallace, Sie sehen sich das an, nichts passiert. Sie haben es eilig. Wirklich eilig. Was trödeln die da rum? Sie spüren, wie in Ihnen Wut aufkocht. Sie halten sie zurück. Aber es passiert nichts. Jetzt sind Sie kurz davor zu explodieren. Tun Sie es nicht, sagt Wallace. Nicht aus moralischen Gründen, nicht, weil Sie ein guter Mensch sein sollen. Denken Sie einfach daran, die Wut, die sie in sich spüren, dieses Gefühl, dass jeder Andere Ihnen im Wege steht – das sind nicht Sie. Das ist die Standardeinstellung. So sind wir alle geeicht. Jeder, der einfach tut, was ihm gerade durch den Kopf geht, wird dieser Aggression  nachgeben. Er tut es nicht, weil es in seinem Interesse liegt. Er tut es, sagt David Foster Wallace, weil er nicht nachgedacht hat. Auch nicht über seine eigenen Interessen. Wallace erwähnt das nicht, aber jeder, der ein Kind hat, weiß, wie dumm es ist, diesem Reflex nachzugeben. Das Kind steht immer im Weg. Es macht nie, was man will. Wer es darum anfährt, dem antwortet es mit einer Heulorgie, die um vieles schlimmer ist, als wäre man mit ihm vor einem Baum stehen geblieben und hätte den Regenwurm aus dem Boden gezogen. Sowie man Kinder hat, muss man die Standardeinstellung verlassen. Nicht weil man ein guter Vater, eine gute Mutter sein will, sondern weil das Leben mit Kindern  in Standardeinstellung einfach nicht zu schaffen ist. „Die Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreichs zu sein, allein im Mittelpunkt der Schöpfung. Diese Freiheit hat vieles, was für sie spricht. Die wirklich wichtige Freiheit dagegen erfordert Aufmerksamkeit und  Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.“

Und dann,  ganz am Ende, die schrecklichen Sätze: „Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.“  David Foster Wallace erhängte sich am 12. September 2008.

David Foster Wallace: Das hier ist Wasser, deutsch und englisch, übersetzt von Ulrich Blumenbach, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2012, 62 Seiten, 4,99 Euro

 

Claudio Magris - Ein großer Zauderer

Claudio Magris ist ein begnadeter  Erzähler. Einer, der das auch vor sich selbst lange verbarg. Seinen ersten großen Roman tarnte er noch als Sachbuch. „Donau – Biographie eines Flusses“ hieß der Roman, der vorgab keiner zu sein. Das war 1986. Magris war damals siebenundvierzig Jahre alt. Er war bereits eine Berühmtheit. Er galt als einer besten Kenner der Literatur Mitteleuropas, als großer Essayist. Das ist er weiter geblieben. Im vergangenen Jahr erschien „Das Alphabet der Welt – Von Büchern und Menschen“, eine Sammlung von Artikeln, die meist im Corriere della Sera erschienen. Es sind Rezensionen darunter wie die von Faulkners „Absalom, Absalom!“ oder ein Loblied auf den chinesischen Romancier  Mo Yan. Noch schöner sind freilich die Texte, da er sich löst von einem Buch, von einem Autor und sich aufmacht ins Eigene. Selbst heute, da er seit so langer Zeit schreibt und so frei und schön schreibt, wie er es tut, spürt man, dass er immer noch in erster Linie ein Leser ist, einer also, der  sich nur schwer von einem Buch trennt. Man spürt, wie Magris einer kleinen Sonderanstrengung bedarf, wie sich seine Muskeln spannen, wie Adrenalin aufsteigt, wenn er sich lösen muss vom Text eines anderen und allein angewiesen ist auf das, was ihm jetzt in den nächsten Sätzen einfällt. Ein Schiffer, der sich nicht recht hinaus traut ins freie Meer. Er weiß nicht, ob sein Kahn ihn trägt. Er kennt die Gewalt der Wellen. Aber dann ist er draußen, sieht das Land nicht mehr und siehe da: Das Boot kentert nicht. Es nimmt Fahrt auf. Der Schiffer verliert die Angst, er hat Spaß an der Freiheit des reinen Erzählens. Er entdeckt, dass er, schon als er über die anderen schrieb, immer auch über sich geschrieben hatte. Jetzt schreibt er über sich und damit auch über andere. Die werden nicht mehr analysiert und kommentiert sondern herbeizitiert in die eigenen vier Wände, die so groß sind wie die Welt: „Die Literatur ist eine ständige Reise zwischen dem Tag-Schreiben, in dem ein Schriftsteller für seine eigenen Werte und seine eigenen Götter kämpft, und dem Nachtschreiben, in dem er hört und wiederholt, was ihm seine Dämonen sagen – jene Doppelgänger, die auf dem Grund seines Herzens wohnen, obwohl sie Dinge sagen, die seine eigenen Wertvorstellungen dementieren. Die Literatur ist auch ein Abstieg in die Labyrinthe der Hölle – auch in das, was Flaubert ‚die Latrine des Herzens‘ genannt hat.“ Schöner wäre der Verzicht auf das Zitat gewesen und schöner erzählt wäre es, wenn Magris  statt  „obwohl sie Dinge sagen“ „dort sagen sie Dinge“ geschrieben hätte. Aber es ist dieses Changieren zwischen Essay und Erzählung bis in jeden Satz hinein, diese zarte Unsicherheit, die gerade den Reiz, ja den Zauber  der Texte von Claudio Magris ausmachen.

Claudio Magris: Das Alphabet der Welt – Von Büchern und Menschen, aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend, Carl Hanser Verlag, München 2011, 302 Seiten, 21,90 Euro

 

Ausländer-Probleme

Unheimliche Eroberer – Invasive Pflanzen und Tiere in Europa, hrsg. Von Wolfgang Nentwig, Haupt Verlag, Bern 2011.
Unheimliche Eroberer – Invasive Pflanzen und Tiere in Europa, hrsg. Von Wolfgang Nentwig, Haupt Verlag, Bern 2011.
Foto: Haupt Verlag

Der Riesen-Bärenklau ist die größte krautige Pflanze in Europa. Dabei ist er erst seit nicht einmal zweihundert Jahren auf unserem Kontinent. Er stammt aus den Hochlagen des Kaukasus. Von dort wurde er 1817 in den königlich-botanischen Garten nach Kew bei London gebracht. Als bestauntes Schauobjekt. Von dort aus verbreitete er sich. Dasselbe tat er 1862, als er als Zierpflanze ins Schloss Königswart in der heutigen Tschechischen Republik verpflanzt wurde. Inzwischen gibt es unterschiedliche Bärenklau-Arten in Europa. Ihre Hochzeit hatten sie unter Stalin. Der ordnete an, sie als Viehfutter zu verwenden. Leider schmeckte den Menschen die Milch der mit Riesen- Bärenklau gefütterten Kühe nicht. So war Schluss mit der staatlich subventionierten Riesen-Bärenklauvermehrung. „Unheimliche Eroberer“ heißt das Buch, dem ich diese Informationen entnehme. Es geht um Ausländer und unseren Umgang mit ihnen. Allerdings ausschließlich um Pflanzen und Tiere. Zum Beispiel Schmuckschildkröten. Sie werden in Louisiana in riesigen Farmen gezüchtet und von dort in Zoohandlungen auf der ganzen Welt verschickt, die wiederum darauf setzen, dass wir die zierlichen Tierchen in unseren Wohnungen halten. In den neunziger Jahren waren das etwa sechs bis acht Millionen Jungtiere. In unseren Behausungen angekommen fressen die Schmuckschildkröten, fressen und wachsen und fressen. Das kleine Aquarium stinkt, das danach gekaufte größere Aquarium stinkt. Irgendwann haben die Schmuckschildkrötenhalter keinen Spaß mehr an der Schmuckschildkröte und werfen sie weg, setzen sie aus. Dort vermehren sich die viel fressenden Schmuckschildkröten. In den Städten ist der einzige natürliche Feind einer Schmuckschildkröte der Fuchs, der dort, so meinen Puristen, ja eigentlich auch nichts verloren hat. So vermehrt sich die Schmuckschildkröte ganz prächtig und aus dem possierlichen Gesellen wird  eine Land-, nein eine Gewässerplage. Seit dem 22. Dezember 1997 gibt es in der Europäischen Union ein Importverbot für Rotwangen-Schmuckschildkröten. Keine Ahnung, was inzwischen passiert ist. Außer dass die Preise gestiegen sind. Die argentinische Ameise schaffte es vor zehn Jahren bis auf die Seite 1 der Zeitungen und in die Tagesschau. Forscher hatten herausgefunden, dass eine einzige Kolonie dieser Ameise sich von der Nordküste Spaniens über Portugal, die spanische Südküste, die französische Riviera entlang bis nach Norditalien erstreckte. Das sind sechstausend Kilometer. Man spricht dann von Superkolonien. In solchen Superkolonien herrscht Friede. Wenigstens innerhalb dieser Ameisen-Art. Dafür gehen die kleinen Tierchen sehr rabiat mit den einheimischen Ameisen, viel größeren, aber ihnen nicht gewachsenen Tieren, um. Die ersten argentinischen Ameisen, von denen wir in Europa wissen, wurden Mitte des 19. Jahrhunderts auf Madeira gesichtet. Inzwischen beherrschen sie den Mittelmeerraum. Aber selbst in Nordeuropa vermehren sie sich gerne. Allerdings vorwiegend in Gewächshäusern und menschlichen Behausungen. Draußen ist es ihnen zu kalt. Von einer Klimaerwärmung würde erst einmal die argentinische Ameise profitieren.

Unheimliche Eroberer – Invasive Pflanzen und Tiere in Europa, hrsg. Von Wolfgang Nentwig, Haupt Verlag, Bern 2011, 251Seiten, rund 220 Farbabb., 24 Karten, EUR 39.90.

 

Sergej Prokofjev - Dank seiner geringen Größe

Elke Heidenreich hat in ihrer Edition bei Bertelsmann eine ganze Reihe sehr schöner Bücher über Musik herausgebracht. Zum Beispiel Mary Bauermeisters Erinnerungen an ihr Leben mit Karlheinz Stockhausen oder das ganz wunderbare „Die Welt in sechs Songs“ von Daniel Levitin oder Hans Neuenfels‘ Bastardbuch. Aber es gibt eines, dafür sollten wir ihr kniefällig danken. „Der wandernde Turm“ heißt es. Ein Band mit Erzählungen. Was hat das in dieser Edition zu tun? Der Autor heißt Sergej Prokofjev (1891-1953). Nie hatte ich davon gehört, dass Prokofjev auch ein Erzähler war. Also bestelle ich den Band. In der Erwartung einer Kuriosität. Das war dumm. Jeder Leser eines Programmheftes weiß, dass der Text zur Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ zwar auf einem Märchenspiel von Carlo Gozzi beruht, aber von Prokofjev selbst geschrieben wurde. Ich hätte also wissen müssen, dass Prokofjev schreiben kann. Nicht nur Noten, sondern auch Buchstaben, Sätze. Es sind phantastische Geschichten, Märchen. Geschichten, in denen Elefanten sprechen, Türme wandern. Sie entstanden zwischen 1917 und 1921. Als in Russland noch alles Umbruch und Bürgerkrieg war. Logik spielt keine Rolle. Na doch, das Spielen mit ihr und ihrem Widerpart der Unlogik. Darum geht es. Alice im Wunderland winkt auch hinein. Es ist unfassbar, dass Prokofjev das in diesen Jahren geschrieben haben soll. Als alle – so stellten wir uns das vor – sich aufrieben im Für und Wider der Revolution. Prokofjev hatte sich dieser Auseinandersetzung entzogen oder auch – je nach dem – Stellung bezogen und lebte in den USA und in Paris. Dazwischen auch einmal kurz in Ettal, in der Nähe von Garmisch Partenkirchen. In den USA entstand ganz sicher die Erzählung, die mit dem Satz beginnt: „Es gilt eine Eisenbahnstrecke zu bauen, aber alle Gedanken sind daheim bei der Frau.“ Während diese Sätze direkt aus Ettal zu kommen scheinen. Allerdings gelten sie wohl weltweit: „Obwohl das Städtchen klein war, lebten dort auch ehrenwerte Bürger. Oder besser andersherum: Weil das Städtchen klein war, waren die ehrenwerten Bürger nicht zu übersehen. Genauer würde ich sogar sagen: Dank seiner geringen Größe waren jene Bürger, die ehrenwert waren, besonders hervorgehoben.“

Sergej Prokofjev: Der wandernde Turm – Die Erzählungen, hrsg. Und mit einem Nachwort versehen von Lucian Plessner. Aus dem Russischen von Lucian Plessner und A. Kravtsova, mit Illustrationen von Babette Klingenberg, Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2012, 192 Seiten, 19,99 Euro

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