Literatur

23. Juli 2012

Widmanns Lesegedanken: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann
Jeden Monat stellt Ihnen Arno Widmann besondere Bücher vor (Symbolbild). Foto: dpa/dpaweb

Arno Widmann räumt Bücher vom Nachttisch. Aber nicht, ohne seine Gedanken und Einfälle zu diesen Büchern mit Ihnen zu teilen. Was folgt sind keine Rezensionen, nicht einmal Kurzrezensionen. Es sind – sehr altertümlich gesagt – Lesefrüchte.

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Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle. Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet. Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit,  einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu wird vom Nachttisch geräumt.

 

Der Elefant Karls des Großen

Am 20. Juli 802 bekam Karl der Große in Aachen einen Elefanten geschenkt. Abul Abaz, so hieß er, war das Präsent des Kalifen Harun ar-Raschid. Achim Thomas Hack hat so etwas wie die Biographie des Tieres geschrieben. Abul Abaz wird auf dem Seeweg über den Indischen Ozean und durch den Persischen Golf von Indien nach Bagdad gekommen sein. Die Reise von Bagdad nach Aachen ist verhältnismäßig gut dokumentiert. Deutlich besser jedenfalls als viele Großereignisse der Geschichte des 9. Jahrhunderts. Abul Abaz brauchte mehr als eineinhalb Jahre für die Strecke. Den Weg von Bagdad bis Tunis ging er zu Fuß. Den kürzeren Weg über den Balkan verwarf man. Er hätte durch das Territorium des Feindes Byzanz geführt. Harun ar-Raschids Lächel-Offensive nach Franken hatte sicher auch dessen Konkurrenten Byzanz im Blick.

Achim Thomas Hack, Abul Abaz – Zur Biographie eines Elefanten, Wissenschaftlicher Verlag Bachmann, Badenweiler 2011, 101 Seiten, 19,50 Euro.
Achim Thomas Hack, Abul Abaz – Zur Biographie eines Elefanten, Wissenschaftlicher Verlag Bachmann, Badenweiler 2011, 101 Seiten, 19,50 Euro.

Wie umspannend die Interessen des Kalifen waren, wird einem klar, wenn man weiß, dass er im Jahre 798 eine Gesandtschaft in die chinesische Hauptstadt Chang’an geschickt hatte. Wohl um mit dem Kaiser der Tang-Dynastie ein Bündnis gegen – nichts Neues unter der Sonne! – Tibet auszuhandeln. Zurück zu Abul Abaz. Von Tunis aus ging es per Schiff ins norditalienische Porto Venere. Genuesische Schiffsleute bewiesen mit diesem Transport ihr Know-how. Das qualifizierte sie ein paar Jahre später für größere Aufgaben. Achim Thomas Hack erinnert daran, dass ein ausgewachsener Elefant zwischen 3,5 und 6,5 Tonnen wiegt, dass er täglich etwa 200 Kilogramm Futter und rund 100 Liter Wasser braucht. Man kann sich vorstellen,  was für ein Aufwand diese ja auch an Begleitern nicht sparende Reise des  Abul Abaz war. In Italien wartete man erst einmal den Frühsommer ab. Dann ging es wieder zu Fuß über den Großen St.-Bernhard-Pass. Abul Abaz war wohl der erste Elefant seit denen Hannibals, also seit 218 vor Christus, der die Alpen überquerte. In der Zeit war der Halleysche Komet 13 Mal von der Erde aus sichtbar gewesen.

In Aachen angekommen, wurde Abul Abaz ein viel bestauntes, viel beschriebenes, akribisch untersuchtes Tier. Er starb 810. Hack erzählt nicht nur die Geschichte des Elefanten. Er informiert uns auch über die  mehr oder weniger wissenschaftlichen Bilder, die wir uns im Laufe der Geschichte von den Artgenossen Abul Abaz’ machten. Eine erhellende, vergnügliche Lektüre.

Achim Thomas Hack, Abul Abaz – Zur Biographie eines Elefanten, Wissenschaftlicher Verlag Bachmann, Badenweiler 2011, 101 Seiten, 19,50 Euro.

 

Ein Lob der Transparenz

Im Steidl-Verlag erscheint seit 2010 die Edition L.S.D. (Lagerfeld, Steidl, Druckerei). Hier erscheinen, herausgegeben von Karl Lagerfeld, ganz unterschiedliche Bücher. Die eines allerdings gemeinsam haben: Sie sind von anmutiger Intelligenz. Das trifft auf die anmerkungsreichen, mehr als 600 Seiten der Spinoza-Biographie von Yirmiyahu Yovel, die 1994 schon einmal bei Steidl erschienen,  ebenso zu, wie auf die kleine Etude „Die Kunst des Mittagsschlafs“ von Thierry Paquot. Es soll Leser geben, die Reihen abonnieren. Ich habe das nie verstanden. Ich habe immer nur dieses Buch gekauft, allenfalls das Buch eines Autors. Niemals das Buch einer Reihe, geschweige denn eines Verlages. Bei L.S.D. aber könnte ich in Versuchung kommen. Schon wegen Annie Leclerc. „Das Tagebuch der Madame de Renal“ ist ein Fragment von nicht einmal 60 Seiten. Die Autorin (1940-2006) ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Dabei hätten wir sie bitter nötig. Dieses ihr letztes Buch ist, könnte man meinen, eine literarische Spielerei. Es ist das Tagebuch der Dame, deren Geliebter der neunzehnjährige Julien Sorel, der Held in Stendhals „Rot und Schwarz“ war, der doch eingestellt war, Hauslehrer ihrer Kinder zu sein. Annie Leclerc liebt Stendhal, sie liebt seinen Überschwang, und sie liebt seine Intelligenz. Sie schreibt ihm nach. Aus Verehrung, aus Spaß. Ein Pastiche. Eine Lust es zu lesen. Wenn man versteht, in der Liebe die Ironie und in der Ironie die Liebe zu erkennen. Die Liebe, die ja eine Gewalt ist, schlägt in Bann. Aber wenn sie denn doch einmal befreit, dann kommen solche großen kleinen Meisterwerke heraus wie „Das Tagebuch der Madame de Renal“ von Annie Leclerc. Dazu gehört freilich, dass man die Gewalt nicht leugnet, sondern sie als Teil des Spiels, das die Natur mit uns treibt, begreift. Das heißt aber, dass man versteht, dass begreifen nicht gutheißen heißt. Annie Leclerc gehörte nicht zu denen, die uns das Leben einfacher machen. Aber transparenter ist es geworden durch sie. Sie hat ihm immer wieder die viel zu sehr unterschätzte Schönheit der Einsicht gegeben. Vielleicht wird L.S.D. ja auch bald Annie Leclercs  „Paedophilia ou l’amour des enfants“ auf deutsch veröffentlichen. Auch ein Buch, das weiser macht.

Annie Leclerc, Das Tagebuch der Madame de Raynal, aus dem Französische von Holger Fock und Sabine Müller, L.S.D., Göttingen 2011, 59 Seiten, 16 Euro

Thierry Paquot, Die Kunst des Mittagsschlafs, aus dem Französischen von Sabine Dzuck und Melanie Heusel, L.S.D., Göttingen 2011, 92 Seiten,16 Euro

Yirmiyahu Yovel, Spinoza – Das Abenteuer der Immanenz, aus dem Englischen von Brigitte Flickinger, L.S.D., Göttingen 2012, 606 Seiten, 28 Euro.

 

Sehnsucht und Trauer

Niemand wird dieses Buch lesen. Es ist zu opulent, zu reich. Aber schmökern darin wird jeder gerne, der sich ein klein wenig Neugierde für die zeitgenössische Kunst bewahrt hat. Man kann Stunden damit verbringen, indem man einfach nur die Bilder anschaut und wieder Stunden, in denen man die Texte liest. Knappe, sachliche Texte, die fast ganz ohne Vernissagen-Geschwafel auskommen. Der Prachtband heißt „Defining Contemporary Art – 25 years in 200 pivotal artworks“. Es geht um die Jahre 1986 bis 2010. Von einer in der Kunsthalle Bern aufbewahrten Installation Günther Förgs, Jeff Koons „Hasen“ aus Stahl bis zu Christian Boltanskis Videoinstallation „Das Leben des C.B.“. Nein, ganz am Ende steht das Protokoll eines Gesprächs zwischen den Autoren des Bandes: u.a. Bice Curiger, Okwui Enwezor und Hans Ulrich Obrist. Es geht darin darum, ob jene 25 Jahre von anderen sich unterscheiden oder ob sie keinen Einschnitt bilden. Dann aber geht es auch - wir haben es mit Kuratoren zu tun -  darum, ob man das einzelne Kunstwerk gewissermaßen als ein Wort betrachten müsse, dass einem also erst die Ausstellung mehrerer Werke eine Geschichte erzähle, oder ob das einzelne Kunstwerk selbst schon so vielschichtig sei, dass es einem womöglich nicht nur eine, sondern viele Geschichten erzähle. Das Buch, das der, diese Debatte interessiert und amüsiert aufnehmende, Leser in Händen hält, bietet hunderte Geschichten. Zum Beispiel „Him“ von Maurizio Cattelan. Der ein Meter große, kniende Adolf Hitler aus Wachs und Polyester und ein paar Seiten weiter Thomas Struths Aufnahme vom Pergamon-Altar. Schade, dass Peter Weiss nicht mehr lebt. Seine Ästhetik des Widerstandes brachte Hitler und den Pergamon-Altar schon vor vierzig Jahren zusammen. Aber hier in diesem Buch stehen sie bei einander, weil Cattelan und Struths Arbeit beide im Jahre 2001 entstanden. 2001! Schon explodieren die Assoziationen. Man mag sie für müßig halten, man mag sie abwehren, weil sie unvernünftig sind, aber sie sind da. Sie sind die Leistung des Lesers, und selbst die Kraft, mit der er sie abwehrt, ist ein Resultat dieses sorgfältig komponierten Buches.

Natürlich hätte jeder, der ein solches Buch hätte zusammenstellen dürfen, 200 andere Werke ausgesucht. Gerade das aber macht den Reiz solcher Anthologien aus. Zu ihrer Geschichte gehört immer auch die des Lesers und Betrachters. Er kann gar nicht anders als sich darüber wundern, dass zum Beispiel Marina Abramovic mit ihren „Seven Easy Pieces“ von 2005 vertreten ist statt mit zum Beispiel Balkan Baroque aus dem Jahre 1997. Es sei hingewiesen auf den Frieze-Talk der Künstlerin „Seven Easy Pieces or how to perform“. Dann wieder jubelt der Leser, als er Alfredo Jaars „The Sound of Silence“ aus dem Jahr 2006 entdeckt. Eine Installation, ein Film, eine erschütternde Meditation über die Macht und die Ohnmacht des Bildes. Kevin Carters Foto eines hungernden sudanesischen Mädchens, hinter dem ein Geier steht, der auf ihren Tod zu warten scheint. Carter bekam für die Aufnahme den Pulitzer-Preis. Er wurde aber auch sehr wütend darauf hingewiesen, er hätte besser dem Mädchen geholfen und den Geier verjagt, statt ein Foto von den beiden zu machen. Carter hörte auf als Kriegs- und Krisenfotograf zu arbeiten und brachte sich bald danach um. So prächtig der Bildband ist, er kann doch keinen Eindruck vermitteln von der Kraft von Jaars Installation, von ihrer selbst wieder anstößigen Ästhetik. Das geht einem mit vielen der hier gezeigten Arbeiten so. Man blättert weiter, weil man nicht sieht, was sie wirklich sind. Zum Beispiel Pipilotti Rists „Sip my Ocean“ aus dem Jahre 1996. Eine zweikanalige Video-Arbeit, von deren Sog hier nichts zu spüren ist. Aber das ist ja gerade das Schöne. Das Blättern im Buch, das Lesen darin, weckt die Lust auf die richtige Kunst. Es erzeugt eine süße Sehnsucht und ein klein wenig auch die Trauer, dass man selbst so Ergreifendes nicht herzustellen vermag.

Defining Contemporary – 25 years in 200 pivotal artworks, Phaidon Press, London 2011, 480 Seiten, 700 Farb-, 100 s/w- Abbildungen, 69,95 Euro

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