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Literatur

29. Juli 2014

Wilhelm Genazino "Bei Regen im Saal": Elegie eines Provinz-Redakteurs

 Von 
Leben in Schieflage. Auch mag der Erzähler es gar nicht, jeden Tag in den Taunus raus zu müssen.  Foto: Joachim Storch

Wilhelm Genazino erzählt auch in seinem neuen Roman „Bei Regen im Saal“ fast von einer Existenzkrise.

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Wilhelm Genazino, dessen passiv-lebenszugewandtes Romanpersonal selten vor Frohsinn überbordet, stürzt auch seinen jüngsten Helden geradezu in eine Existenzkrise. Und auch bei ihm ist Existenzkrise ein zu großes Wort, „zu bombastisch“, würde Reinhard sagen und sich schämen. Der Leser hingegen schämt sich, ihn bei seinem Vornamen zu nennen, der auch im Buch ein einziges Mal nur fällt: „Typisch Reinhard! (Das war ich)“, so heißt es bei der Schilderung des Familienfests, eine der unerquicklichen Veranstaltungen, die der Erzähler über sich ergehen lässt.
Der Erzähler ist nicht zufrieden mit seinen Lebensumständen. Zugleich fürchtet er, er könnte sich verschlechtern, eine „Umbiegung“ ins Dramatische oder zumindest „ein staubiges Drama, an dem ich eines Tages ersticken musste“. Zugleich unternimmt er auf keinen Fall etwas dafür, sich zu verbessern. Er ist vielmehr auf die unnachahmlich schlappe Weise unzufrieden, wie sie in dieser Wortgewandtheit alleine einem Genazino-Helden gegeben sein kann.

Schließlich ist ihm vieles tatsächlich nicht wichtig. Da er wie jeder vernünftige Menschen nicht weiß, wie man die Birne eines Kühlschranks wechselt (geschweige denn, wo man eine neue Birne für einen Kühlschrank erwirbt), sich aber auch geniert, deswegen einen Elektriker zu bestellen, ist sein Kühlschrank hinfort dunkel. Na und? Auch hat er die falschen Socken gekauft: „Nach drei Wochen kannst du sie wegschmeißen. Na und? fragte ich, ich habe ein lockeres Verhältnis zur Selbstverschrottung der Welt. Mann, sagte sie nur.“ Frauen, die Unheil prophezeien, erinnern den Erzähler an seine Mutter (wobei man dazu sagen muss, dass ihn praktisch alles an seine Mutter erinnert). Er kann solchen Frauen nicht widerstehen.

Dass seine Freundin Sonja, ihr Name fällt allenthalben, zu seiner „Sockenaufseherin“ werden könnte, ahnt er schon. Draußen fährt ein Schulbus vorbei. „Anstelle von Schulbus las ich Schuldbus und fühlte mich ertappt. Ja, für den Transport deiner Schuld wirst du bald einen Bus brauchen. Dabei hatte ich mir erst dieser Tage fest vorgenommen: Um leben zu können, musst du kaltblütig am Unverstandenen vorbeigehen …“. Auf Seite 75 liest er schon „Vollkommener Trost“ statt „Vollkorn-Toast“.

Zur Sache

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal. Roman. Hanser Verlag, München 2014. 159 Seiten, 17,90 Euro.

Zugleich ist alles gar nicht so schlimm, für Genazinos Verhältnisse sogar besonders wenig schlimm. „Meine Krankheit bestand aus einer eingebildeten Benachteiligung, aus der schöne innere Bereicherungen hervorgingen, auf die ich auch in Zukunft nicht verzichten wollte.“ Das Jammerlapprige, aber auch das davon nicht leicht zu unterscheidende Elegische ist immer in der Nähe. Nicht umsonst schaut der Erzähler früh nach (in einem zerfallenden Lexikon, dies ist ein internetfreier Roman), was eine Elegie ist. Der Buchtitel „Bei Regen im Saal“ trifft es, wenn man ihn auch einmal so versteht, dass ein prekäres Dasein in diesem Fall noch beschirmt wird. Auch durch Sonja, was man angesichts ihrer fantastisch zügigen Abgänge zunächst nicht glauben würde. Bis Seite 157.

Was also ist los im Leben von, äh, Reinhard? Der promovierte Frankfurter Philosoph, der jetzt – er selbst merkt es sich seit einiger Zeit lieber nicht mehr, aber Sonja, ihrerseits im Finanzamt II tätig, weiß Bescheid – 43 Jahre alt ist, arbeitet im Laufe der 158 Seiten als Barkeeper, Hotelrezeptionist, Überwinder und Zeitungsredakteur. Was aber ist ein Überwinder? „Ich half Menschen, ihre zuweilen aufdringlichen oder dümmlichen Erlebnisse schneller als gewohnt zu vergessen. Ich ging mit den Leuten spazieren, wir besuchten Flohmärkte, wir schauten uns Kunstausstellungen an und redeten über sie. Ich gab den Menschen Tipps für Erlebnisse, die ihnen allein gehörten. Über diese Ankündigung waren die meisten Menschen erstaunt, was mich nicht wunderte.“ Er ist als Überwinder sehr erfolgreich. Er selbst, man ahnt es, überwindet grundsätzlich nicht. In einer Dauerschieflage hat er sich eingerichtet, oft in Angst zu rutschen, viel zu schlaff, um sich hier wegzuschaffen.

Dass er im Grunde permanent an seine verstorbene Mutter denkt, registriert er wie alles mit der Aufmerksamkeit des ausführlich akademisch geschulten Zeitgenossen. Aber selbstverständlich unternimmt er nichts dagegen. Vor allem Sonjas Busen erinnert ihn an seine Mutter. Er mochte seine Mutter nicht. Das aber ist für ihn ausschließlich ein Grund, sich so weit wie möglich in der Nähe von Sonjas Busens aufzuhalten. Ekel, Scham und Lust sind schwer zu trennen, wie bei Woody Allen wäre die tragische Note nur mit Mühe und der Hilfe einer Psychoanalyse ausfindig zu machen. Stattdessen entwickelt sich aus skurrilen Begierden (auch ein fremdes Schamhaar wird wohlweislich mal ins Sichtfenster der Brieftasche geklemmt) und dem Paradox freizügiger Schüchternheit eine sympathische Mischung.

Es sind andere Stellen, an denen man an der Integrität des Erzählers zweifelt. Er lässt sich gedanklich gehen. Er ist ein Snob, obwohl er nur eine Hose und eine ungeliebte Zweithose besitzt. Er ist die personifizierte Lauheit.

Unter dem jüngsten, erst während des Romans durch einen Mitphilosophen gefundenen Arbeitsplatz beim „Taunus-Anzeiger“ leidet er besonders. Genazinos Schilderung einer so öden wie aber auch stressfreien, nachgerade beschaulichen Redaktionsarbeit in der Umgebung von Frankfurt – der Erzähler fährt gerne S-Bahn, aber die Tatsache, dass er jetzt „Provinz-Redakteur“ ist, macht ihn (den Snob!) fertig – überzeugt die Redakteurin nicht. „Meine Beiträge waren eine Mischung aus Kaltschnäuzigkeit, Routine und Desinteresse.“

Er begegnet hier einem Chefredakteur, der „Also sprach Zahnarzt Tustra“ sagt, und einer Sekretärin, die ihre Mutter mit dem Ausruf „Firmament, Gesäß und Bindfaden“ zitiert. „Aber Zwirn hätte sie doch sagen können, sagte ich.“ Genazinos Romane fallen zunehmend aus der Zeit, in der sie freilich nie wirklich feststeckten. Das ist wieder eine Freude. Das ist auch wieder nachvollziehbar. Und das überrascht wieder mit Sätzen fürs Leben: „Ich sehnte mich danach, so ausdruckslos wie eine Taube in der Stadt herumstehen zu können.“

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