"Ich hasse das Land gerade. Alles Verbrecher hier, ich traue niemandem!“, schreibt der Hauptgefreite Robert Klein 2007 aus Kabul nach Hause. Klein ist damals 24 Jahre alt. Während seine Altersgenossen in Deutschland studieren oder sich vom ersten verdienten Geld kleine Freiheiten leisten können, ist er im Afghanistan-Einsatz, um Wiederaufbau und Demokratisierung voranzutreiben. Doch von Jahr zu Jahr werden die Patrouillen der Bundeswehr gefährlicher. Klein schreibt an seine Eltern: „Es gibt nichts Schöneres, als zu Hause zu sein.“ Mit dieser Erkenntnis dürfte er in seinem Alter eher allein stehen.
Fünf Journalisten haben Briefe, SMS und E-Mails deutscher Soldaten im Einsatz gesammelt. Zunächst sagte die Bundeswehr ihre Unterstützung für das Projekt zu, änderte ihre Meinung aber später und streute unter den Soldaten den Hinweis, dass sie keine sicherheitsrelevanten und dienstlichen Informationen weitergeben dürften – offensichtlich eine Maßnahme, um die Soldaten davon abzubringen, ihre Briefe zu veröffentlichen. Die Bundeswehr hat den Herausgebern zufolge befürchtet, dass Briefe in mangelhaftem Deutsch und mit Flüchen auf die afghanische Bevölkerung veröffentlicht würden. Die Befürchtungen waren wohl unbegründet. Fast alles Abgedruckte ist nüchtern und sehr reflektiert geschrieben; vor allem Soldaten mittlerer und höherer Dienstgrade trauten sich, ihre Briefe, teilweise unter Pseudonym, zur Verfügung zu stellen.
Wut ist die Ausnahme
Wütende Sätze wie von Robert Klein sind die Ausnahme. Die meisten Textstellen stammen von Offizieren, die ihren Angehörigen berichten, wie sich ihr Leben in Kabul, Kundus oder Masar-i-Scharif abspielt. Sie berichten von bitterarmen Kindern, denen sie mit Spenden und persönlich zu helfen versuchen. Sie schwärmen von der Natur und ekeln sich vor Gestank und Dreck in Kabul. Sie berichten von mangelhafter Ausrüstung und unerträglicher Hitze.
Für einen Soldaten ist das eigene Gewicht der Feind, ein anderer freut sich über einen DVD-Abend und das Feierabendbier. Einsamkeit und Sehnsucht schwingen mit. Ironie – fester Teil des Soldatenlebens – klingt immer wieder an: Amüsiert berichtet ein Oberstabsarzt, wie „stolze deutsche Offiziere“ vom verantwortlichen dänischen Militär der Isaf-Mission zusammengestaucht werden. Sie hatten eine Bombenentschärfung nicht angekündigt, weshalb ein Angriff vermutet wurde. Von den konkreten Ängsten deutscher Soldaten, die in kleinen Gruppen auf Außenposten ausharren und von Taliban angegriffen werden, erfährt man nichts. Das mag auch daran liegen, dass die Soldaten aus Gefechten wenig berichten, um die Angehörigen nicht noch mehr zu belasten. Dazu kommt, dass jüngere Soldaten vermutlich eher Konsequenzen für ihren Werdegang fürchteten und deshalb ihre Briefe im Privaten hielten.
Unfassbar anstrengend
Wie ist es aber an dieser diffusen Front? Einen düsteren Einblick in das Leben vis à vis mit dem „Feind“ bietet das Buch des Journalisten Sebastian Junger, der ab Frühjahr 2007 ein Jahr lang eine Einheit im Korengal-Tal begleitete. Was in diesem unwirtlichen Tal nahe der Grenze zu Pakistan passierte, beschreibt er als einen fortwährenden, unfassbar anstrengenden Kampf sehr junger US-Soldaten gegen einen fast unsichtbaren Feind. Junger ist „embedded“. Er nimmt an Patrouillen teil, gerät mit den Soldaten in Hinterhalte, ist in Lebensgefahr, sieht Verwundete und Tote.
In den Bergen des Korengal versuchen die Amerikaner, mit kleinen Stellungen das Tal zu kontrollieren, durch das Waffen und Kämpfer von Pakistan aus ins Land einsickern. In dieser Region – im Winter verschneit, im Sommer 45 Grad heiß – harren die Soldaten in improvisierten Hütten an steilen Hängen im Staub aus, werden beschossen und schießen aus allen Rohren zurück, fordern Kampfhubschrauber an, wenn es eng wird und langweilen sich in ruhigen Zeiten so sehr, dass sie als Ventil für die gestaute Energie auf Beschuss hoffen.
Manchmal verliert sich Junger in faszinierten Beschreibungen etwa der lebensrettenden wie todbringenden Apache-Hubschrauber, aber am Ende seines atemberaubenden Berichts merkt man dem Autor an, worum es ihm vor allem geht. Mit Hilfe soziologischer Studien und der Neurologie erklärt er, was junge Männer dazu bringt, das Leben am seidenen Faden an der Front zu lieben. Es sei nicht Patriotismus oder gar eine religiöse Überzeugung, sondern eine Mischung aus Kameradschaftsgefühl und Adrenalinsucht, die im Einsatz so unterschiedliche Typen wie einen Gefängniswärter, Dealer und andere, die einem Bein im Gefängnis standen und mangels Alternativen im Leben zum Militär gingen, zusammenbringen.
Marc Baumann u.a. (Hrsg.): Feldpost. Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan. Rowohlt 2011, 208 S., 17,95 Euro.
Sebastian Junger: War. Ein Jahr im Krieg. A.d.Engl. v. Teja Schwaner. Karl Blessing 2010, 336 S., 19,95 Euro.