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Literatur

18. März 2014

Yahya Hassan: Notwendiger Ausdruck

 Von Sabine Vogel
Yahya Hassan liest auf der Buchmesse in Leipzig.  Foto: dpa

Der zornige junge Dichter: Ein misslungenes Interview mit dem Dänen Yahya Hassan.

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Jedes Wort ein Aufschrei. in Großbuchstaben. Jede Zeile eine Provokation. Yahya Hassan ist 18 Jahre alt und schon ein Star. Zumindest wird er als solcher vermarktet. Seit die wütenden Gedichte des palästinensischen Flüchtlingskindes in Dänemark erschienen – 100 000 Buchexemplare wurden dort schon verkauft – braucht der junge Wilde rund um die Uhr Personenschutz.

Mit seinen literarisch aufgerappten Hasstiraden auf die Bigotterie der muslimischen Gläubigen, gegen die Kopftuchträgerinnen mit ihren „toten Fotzen“, gegen die analphabetischen Korannachbeter, gegen seinen gewalttätigen Vater, der nur freitags in der Moschee liebenswürdig war, zog Hassan sich Morddrohungen von Islamisten zu. Seine messerscharfen Anklagen gegen die arbeitsverweigernden, Al-Jazeera-glotzenden Profiteure des dänischen Wohlfahrtsstaats brachten ihm Beifall konservativer Sarrazinfans und Rechtsextremer ein.

Zur Person

Yahya Hassan, Jahrgang 1995, wuchs in Aarhus, in der Vorstadt Gellerup auf, die im Schnitt die ärmsten Einwohner Dänemarks hat, von denen wiederum 88 Prozent Migrationshintergrund haben. Als im vergangenen Jahr der Verlag Gyldendal eine zornige, islamkritische Gedichtsammlung Hassans herausbrachte, führte diese bald zu heftigen Kontroversen.

Yahya Hassans Polemik gegen seinen „dummen Stamm“ ist von persönlichen Erfahrungen durchdrungen. Der authentische Realismus macht die unmittelbare Kraft seiner Poesie aus. Hassan wuchs in einem üblen Migrantenviertel in Dänemark auf, von seinem Vater wurde er verprügelt, seine Mutter war selbst zu unterdrückt, um ihm Rückhalt zu geben. Als Jugendlicher schon Handtaschendieb, Autoknacker und Drogendealer, landete er ab 13 in der Besserungsanstalt. Eine Lehrerin erkannte sein literarisches Talent, setzte sich mit Leib und Seele für ihn ein und bezahlte mit Scheidung und Kündigung dafür.

Interview-Marathon auf der Leipziger Buchmesse

Zur Bekanntmachung der deutschen Übersetzung seines Gedichtbandes war der schmale Junge mit Pferdeschwanz nun auf der Leipziger Buchmesse zum Interview-Marathon. Und natürlich gefiel dem aufgeweckten „Ghetto-Kid“ die Rolle des gezähmten Gesprächspartners oder „integrierten Dichters“ gar nicht. Über Politik wollte er nicht reden, über das Verhältnis zu seiner Familie schwieg er sich aus, und meinen Versuch, ihm über seine eigenen Verszeilen etwas Sinnvolles zu entlocken, wies er brüsk zurück. „Auslegungen Auslegungen. Die Gedichte deuten müssen Sie schon selber.“

 Foto: dpa

Unser missglücktes Interview verlief etwa so: „In Ihrem Langgedicht heißt es: Bald liegst du tot im Graben, erstickt an der Poesie...“. „Das ist nicht aus dem Langgedicht, sondern aus Februarunvorhersehbarkeit.“ „Ok. Ist Poesie eine Therapie gegen das Ersticken?“ „Nein.“ „Was ist Poesie für Sie?“ „Das ist notwendiger Ausdruck.“ „Wofür?“ „Poesie ist notwendig, wie es für manche notwendig ist, auf einem Dildo rumzuhüpfen, für andere ist es notwendig, Sport zu treiben..“ „Aha. An anderer Stelle heißt es bei Ihnen: Der Mann in Schwarz hat sein Herzblut in die Kanalisation ausgeschüttet...“. „Ihr Zugang zum Gespräch über Poesie besteht darin, mich über einzelne Sätze aus meinen Gedichten zu befragen. Damit ziehen Sie ja die Poesie aus dem Gesamtzusammenhang.“ „Aus solchen Sätzen schließe ich schon, dass der Dichter sein eigenes Blut ausschüttet. Ist das so?“ „Wer weiß? It’s up to you.“ „Worüber würden Sie gerne sprechen?“ „Sie sind doch der Interviewer.“

Also doch ein Vorstoß zum Politikthema: „Haben Sie sich nicht falsche Feinde gemacht?“ „Ob sie falsch sind oder richtig, kann man ja diskutieren.“ „Was ist Ihre Meinung dazu?“ „Wenn Leute Heuchler sind, und du weist darauf hin, werden die natürlich sauer.“ „Sie haben Flüchtlingsimmigranten wie Ihre Eltern als Sozialschnorrer angeprangert.“ „Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung.“ „Das auch: Dass Rechtsextreme und Nationalisten das gut finden, war erwartbar.“ „Ah, das meinen Sie. Daran kann ich nicht viel ändern. Ich habe nichts gemein mit denen, ich verabscheue sie genauso wie radikale Islamisten. Wenn man mich dafür verantwortlich macht, was andere damit anfangen, was ich schreibe, möchte ich das lieber umdrehen. Lass uns mal annehmen, ich sei in Wirklichkeit rassistisch und hätte ein rassistisches Werk verfasst, dessen Zielgruppe Rechtsnationalisten sind. Was ist dann mit dem Rest der Bevölkerung, der Abstand nimmt von meinem Rassismus? Trage ich dann auch die Verantwortung dafür, dass sie so klug sind, davon Abstand zu nehmen? Ich bin ein Dichter und stehe zu meinen Gedichten, aber ich bin nicht verantwortlich für die Leute und ihre Auslegungen davon. Mein Buch ist ein Produkt, man kann es erwerben, es lesen und völlig unterschiedliche Auslegungen haben. Du kannst auch im Supermarkt einen Käse kaufen. Ob du den auf deine Pizza legst oder in deiner Fleischwurst verarbeitest, ist ja nicht die Verantwortung des Käses.“

„Sie schreiben. Ich bekriege Euch mit Worten, ihr werdet mit Feuer antworten. Käse ist für mich was anderes.“ „Das ist schon wieder Auslegung. Was ich zu sagen habe, steht in meinen fucking Gedichten. Und lassen Sie bloß das Wort ‚fucking‘ drin.“ Auftrag hiermit erledigt.

Yahya Hassan: Gedichte. Aus dem Dänischen von Annette Hellmut und Michel Schleh. Ullstein Verlag, Berlin 2014. 173 Seiten, 16 Euro.

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