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Literatur

28. März 2016

Yvonne Adhiambo Owuor: Schwüre der Stille

 Von 
Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet.  Foto: dumont

Ein Wurf: das Romandebüt "Der Ort, an dem die Reise endet" der kenianischen Autorin Yvonne Adhiambo Owuor.

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Es gibt Romane, bei denen schon auf der ersten Seite klar wird, dass sie ein großer Wurf sind. Die man deshalb lange beiseitelegt, ehe man sich ihnen gänzlich hingibt, weil schon zu ahnen ist, dass man sich ihnen nicht wird entziehen können; dass man sie in einem Zug wird lesen wollen.

Yvonne Adhiambo Owuors 500-Seiten-Erstling „Der Ort, an dem die Reise endet“, ist ein solch großer Wurf. Schon der Prolog, in dem die kenianische Autorin den jungen Odidi Oganda panisch durch die Straßen Nairobis peitscht und im Polizeikugelhagel sterben lässt, ergreift seine Leser und lässt sie nicht mehr los. „Odidi rennt.“ Mit dieser in dichten Abständen gesetzten Wiederholung gibt Owuor der furiosen Jagdszene ihren Takt gehetzter Schritte vor, in der mal aufgewirbelte Blütenblätter metaphorisch als Schmetterling aufflattern und sich dann wieder der Maschinengewehrtod lautmalerisch Bahn bricht zwischen asyndetisch gereihten Urgefühlen: „Panik-Zorn-Liebe.“ „Schuld. Wut. Trauer.“

Erinnerungen des Sterbenden verschwimmen mit den Sinnesreizungen des Hier und Jetzt: „Er rennt durch Verwesungsgestank, den Duft der auf Regen hoffenden Erde, die Gewohnheiten und Träume der Menschen Nairobis: Rauch, Zerfall, Handel, Sorgen, Echos von Lachen und zu starker Ketepa-Tee. Odidi rennt.“

Mit dem Tod des jungen Mannes im Dunst der Ausschreitungen nach der Präsidentschaftswahl im Jahr 2007 setzt die Kenianerin Owuor den Ausgangspunkt für eine Familiengeschichte voll verschütteter Traumata. Odidis Schwester Ajany kehrt aus Brasilien zurück, um mit ihrem Vater Nyipir den toten Bruder in den kenianischen Norden zu überführen, nach Wuoth Ogik, den titelgebenden „Ort, an dem die Reise endet“. Fast zeitgleich trifft auch der Engländer Isaiah Bolton dort ein, der sich erhofft hatte, von Odidi etwas über seinen verschollenen Vater Hugh Bolton zu erfahren, einen einstigen Kolonialpolizisten, den er nie hat kennenlernen können.

Isaiah Bolton bohrt, die Familie schweigt, Ajanys Mutter Akai-ma ist von Trauer übermannt in die Wildnis geflohen. „Alles was die Leute hier von sich geben, sind Rätsel“, und Isaiah „ahnt nicht, dass soeben eine Familienzitadelle aus endlosen Geheimnissen erstürmt wurde“.

Autorin Owuor, 1968 geboren, hat bislang Kurzgeschichten veröffentlicht. Im Auffächern der Geheimnisse von Odidis Familie, die bis tief in die koloniale Vergangenheit Kenias und die auch über den Unabhängigkeitskampf hinaus andauernde Gewalt reichen, beweist sie nun ein großes Talent für die literarische Langstrecke. Schicht um Schicht blättert Owuor die unter einem langem Schweigen verdeckten Ereignisse der Vergangenheit auf, ohne deren tote Winkel sofort in Gänze auszuleuchten.

Oft sind es nur Andeutungen, Ahnungen; unfassbares Leid und Gewalt, frühe Verluste, Folter, Mord, Verrat bleiben im Halbdunkel oder werden erst später erklärt, „Glühwürmchen landen auf Erinnerungen“.

„Ein flirrendes Schweigen verzerrt die Landschaft“ und ist ein Leitmotiv des Romans, für das die Schriftstellerin immer wieder neue starke Bilder findet. So beschreibt sie die Sprachlosigkeit einer Familie und zugleich auch eines ganzen Landes als „Schwüre der Stille, ein langsam wirkendes Gift mit dem verführerischen Versprechen des Vergessens. Geheimnisse konnten gewahrt werden, solange der Schwur immer wieder mit Menschenblut gefüttert wurde“.

Owuors Sprache ist bei alledem so vielschichtig wie ihr Plot und doch schlüssig in ihrer der harschen Umgebung abgetrotzten Metaphorik, bei der „Stücke der Landschaft, die der Wind aufgesammelt hat, (...) fragmentiert an ihre neuen Plätze“ fallen. So kommen ihre Sätze mal in störrischem Stakkato daher, sind ebenso spröde und kantig, wie sie das Englisch von Akai-ma beschreibt: „pockennarbig, wie durch zerklüftete Mondlandschaften geschleift“.

Dann wieder sind ihre Worte von ergreifender Poetik, etwa wenn die Künstlerin Ajany auf ihrer Suche nach Spuren des toten Bruders innerlich „Landschaften des Verlusts“ koloriert: „Das könnte sie für ihn malen, dieses Verlangen, seine ganz eigene Stimme zu hören; auf die Echos blutiger Schritte lauschen, sich tote Augen leihen, die ihr helfen ihn wiederzufinden.“

Es ist eine Sprache und eine Dramaturgie, die durch die Seiten zieht, aber den Lesenden nicht entspannt mitschwimmen, sondern ständig straucheln lässt. Wegen Zeit- und Ortssprüngen. Wegen der stets angedeuteten und lange nicht ganz aufgedeckten Geheimnisse. Wegen zahlreicher Wendungen aus dem Swahili und anderen lokalen Sprachen. Und weil die Autorin sich nicht um den Kenntnisstand ihrer außerkenianischen Leserschaft schert.

Yvonne Adhiambo Owuor schreibt offenkundig nicht, um Europa ein einheitlich imaginiertes Afrika zu erklären, und das ist gut so. Statt die Ortsunkundigkeit ihrer westlichen Leser vorauszuahnen und ihr mittels lexikonartiger Geschichtsabrisse beizukommen, benennt sie Daten, Namen, Fakten nur insoweit es für ihre Figuren, deren Dialoge, Denken und Handeln in der jeweiligen Szene relevant ist. Wer nicht weiß, wie die Unabhängigkeitsbewegung der Mau-Mau ablief oder wer der ermordete Thomas Mboya war, dem gibt sie im Appendix zwar ein Glossar an die Hand. Lässt die Lesenden dann aber wieder alleine mit der Trauer und Schuld, der Versehrtheit und Stärke ihrer Figuren. Mit großer Literatur.

Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet. Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. Dumont Buchverlag, Köln 2016/ 512 Seiten, 22,99 Euro.

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