Wochenlang keine Menschenseele. Dort oben in den North Cascades zwischen Kalifornien und Kanada. Der Dichter, Ethnologe und Kenner indianischer Mythen ist allein in einer Hütte auf dem Bergrücken, immer die ausgedehnten Wälder im Blick, dem Himmel näher als der flirrenden Ebene. Er ist Feuerwächter im Dienste des Forest Service, einige Sommer lang zu Beginn der 50er Jahre.
Später wird der junge Gary Snyder als Holzfäller für die Warm Springs Lumber Company arbeiten, in den Bergen von Oregon als Straßenbauer, bei den Indianern aus dem Great Basin leben und auf Handelsschiffen niedere Dienste verrichten. Er wird nach Japan schippern und den Buddhismus studieren. Die Zeit der Feuerwache über den Wäldern des Nordwestens aber ist der Ausgangspunkt seines Dichtens, die Grundlage des ganzen Werks.
"Was ich einst las erinnere ich nicht / Nur ein paar Freunde, jetzt in Städten. / Kaltes Schmelzwasser aus dem Zinnbecher trinken / Meilenweit hinabschaun / Durch hohe stille Luft." So die zweite Strophe des Eröffnungsgedichts seines ersten Lyrikbands "Riprap", der 1959 in Kyoto/Japan erschienen ist. Ein halbes Jahrhundert ist diese poetische Sammlung mittlerweile in der Welt - und hat noch immer die Kraft der Überwältigung. Durch Einfachheit, Klarheit, den Rhythmus des Atmens.
Seit zehn Jahren liegt die deutsche Übersetzung von Alexander Schmitz im Verlag Stadtlichter Presse vor - zweisprachig, in einer Auflage von dreihundert Exemplaren. Der achtzigste Geburtstag des Dichters am heutigen 8. Mai soll in Deutschland mit zwei Neuheiten gefeiert werden: Matthes & Seitz hat die Essay-Sammlung "Lektionen der Wildnis" angekündigt, Stadtlichter wird die frühen "Mythen und Texte" in der Übersetzung von Bernhard Widder herausbringen.
Snyder spielt bei uns eine untergeordnete Rolle. Zweifellos ein Versäumnis, denn Schriftsteller dieser Kragenweite gibt es hier nicht. An Lektüregelegenheiten jedenfalls herrscht kein Mangel. Erhältlich sind auch die schmalen Lyrik- und Essaybände des AltaQuito-Verlags. Der Auswahlband "Maya" (Hanser, 1972 - mit dem Auftaktgedicht "Was man als Dichter wissen muss"), ist nur noch antiquarisch zu haben.
Das einstige Beat-Idol lebt bis heute jenseits der gesellschaftlichen Trampelpfade und doch im Wissen um Geschichte, Philosophie, Religion und die tägliche Mühsal körperlicher Arbeit. "Ich wuchs auf im pazifischen Nordwesten, auf einer Farm nördlich von Seattle. Meine Onkels waren Holzfäller, Seeleute, Fischer." Eingedenk dieser Erbschaft dichtet er viele Jahre später: "ihr Bastarde / meine Väter / und Großväter, steifnackige / Schläger, Bergleute, Landpächter, Eisenbahner / ihr habt den Puma und den Grizzlybären ausgerottet".
Snyder hat sich von den Verheißungen der selbstzufriedenen westlichen Gesellschaften nicht vereinnahmen lassen. Seine kritischen Einmischungen waren nicht willkommen. Die Auszeichnungen mit Pulitzer- und Bollingen-Preis haben den Dichter nicht versöhnlich gestimmt. "Gefahr ist da, wo die Klimax ist. Die wirkliche Gefahr besteht darin, am Gipfelpunkt des Wohlstands und der Macht zu sein."
Was die Natur lehrt, grundiert auch die Kunst. Und sie äußert sich in der Sprache von Waldarbeitern und Teerjacken. "In zehntausend Jahren werden die Sierras / Ausgetrocknet sein und tot, Zuhause des Skorpions. / Eiszerkratzte Platten und gebeugte Bäume. / Kein Paradies, kein Fall, / Nur das verwitternde Land". Diese Strophe, geschrieben im August 1955 am Piute Creek, stammt aus "Riprap". In seinem letzten Band "Gefahr auf den Gipfeln", 2004 in den USA veröffentlicht und zwei Jahre später ins Deutsche übertragen, ist in den Anmerkungen zu lesen: "Ich spüre, wie die ganze Sierra Nevada angefüllt ist mit den Geistern der Eisfelder, die sie einst bedeckten. Das war vor 10000 Jahren. Also erst vor kurzem." - Ein großer Bogen, geschlagen über fünf Jahrzehnte und Tausende von Jahren.
Ziel: Reine Luft, fließende Gewässer, die Gegenwart des Pelikans, des Fischadlers und des Grauwals in unserem Leben; Lachs und Forellen in unseren Flüssen; eine Sprache ohne Schlamm und gute Träume. Was die westlichen Gesellschaften brauchen, hat Snyder einmal aufgelistet: Mehr Frauen in der Politik; religiöse Sichtweisen, die Natur nicht ausschließen und Wissenschaft nicht fürchten; politische Führer, die in Schulen, Fabriken oder auf Bauernhöfen gearbeitet haben und Gedichte schreiben; Intellektuelle, die Geschichte und Ökologie studiert haben und gerne tanzen und kochen; Dichter, die sich nicht um die Literaturkritik kümmern. "Aber was wir am meisten brauchen, sind Menschen, die die Erde lieben."
Snyder zählt neben Whitman, Pound und asiatischer Dichtung auch den nordamerikanischen Einzelgänger Robinson Jeffers zu seinen Einflüssen. Dessen Zeilen könnten von ihm selbst stammen: "Sich selber treu bleiben, Mitleid üben, sich nicht anstecken / lassen und nicht hereinfallen / Auf Träume von weltweiter Gerechtigkeit und allgemeinem / Glück".