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Zum Tode Adolf Endlers: Im Überlebensbunker

Er wurde älter als 30 Jahre alt, aber nicht wie er mit 22 Jahren voraussagte ein bedeutender Dramatiker: Adolf Endler ist einer der wichtigsten Prosaisten und Lyriker gewesen. Nun ist er mit 79 Jahren verstorben.

Literatur in  der Zeit der Schreibmaschine: Adolf Endler.
Literatur in der Zeit der Schreibmaschine: Adolf Endler.
Foto: dpa

Tagebuchnotiz des Zweiundzwanzigjährigen: Wenn es mir gelingt, älter als dreißig Jahre zu werden, dann werde ich ein bedeutender Dramatiker dies mit achtzig nachzulesen!" Dass das Leben gern über Umwege seine Prognosen erfüllt, bewies dem Autor dieser Tagebuchnotiz seine eigene Biografie. Adolf Endler, aus dessen schier unerschöpflichem Tagebuch-, Roman- und Gedichtwerk diese Zeile stammt, ist zwar kein Dramatiker, aber dafür einer der bedeutendendsten Prosaisten und Lyriker im deutschsprachigen Raum geworden. Nur müssen seine Leser jetzt das mit dem Nachlesen übernehmen. Adolf Endler starb kurz vor seinem 80. Geburtstag in Berlin.

Begleitet wird er in den Olymp der Dichter von Bobbi "Bumke" Bergermann, Bubi Blazezak, Dore Elfland, Dr. E. Ladenfol, Ede Nordfall, Alfred Nolde, Roald D´Enfer und noch vielen anderen hellwachen, kauzigen, sur-sur-realistischen Kollegen. Denn in diese tröstliche Gemeinschaft von Pseydonymen spaltete sich mit hintersinnigem Vergnügen Endlers Dichter-Ich auf. Es schraubte sich aus einer einzigen, sich selbst vervielfältigenden Autorenfigur heraus, um noch vielzüngiger über die doppelbödigen Absurditäten eines zunächst ostdeutschen und später dann gesamtdeutschen Wahnsinnsalltags berichten zu können.

Auch die Titel von Endlers Büchern wie "Das Sandkorn", "Ohne Nennung von Gründen", "Schichtenfloz", "Vorbildlich schleimlösend", "Den Tiger reitend", "Die Exzesse Bubi Blazezaks im Fokus des kalten Krieges" oder "Der Pudding der Apokalypse" deuten auf etliche "Schleuderturen, Gespensterbahnen, kurzum nichts für schwache Nerven" in seinem literarischen Werk hin, wie er selbst seine Leser gelegentlich vorwarnte.

Geboren in Düsseldorf, in den Fünfzigern gegen den damaligen Trend nicht aus der DDR hinaus, sondern mitten in ein erhofftes "Aufbauland" DDR hinein gesiedelt, Kranführer, Transportarbeiter, Student am Leipziger Literaturinstitut, schließlich freiberuflicher Lyriker, Kritiker, Essayist und Prosaist. Doch der Autor, ein "Zünglein an der erschlagenen Waage", wie er von sich behauptet, musste immer desillusionierender erfahren, dass in der DDR Veröffentlichungspolitik meist Verhinderungspolitik bedeutet.

Seine unzähligen, mit Manuskripten prall gefüllten Seesäcke schleppte Endler jahrelang hin und her zwischen all den Wohnungen, deren Anzahl in Bekanntenkreisen legendär war, ohne den Inhalt dieser Säcke endlich zwischen Buchdeckel und in die Regale von Buchläden entleeren zu können. Nach Endlers Ausschluss aus dem Schriftstellerverband 1979 aufgrund seiner Protestbeteiligungen gegen die Ausbürgerung Biermanns durften die ostdeutschen Verlage, bis auf den von ihm selbst als korrupt bezeichneten Gedichtband "Akte Endler", von diesem Autor überhaupt nichts mehr veröffentlichen.

Seine Werke fanden dennoch immer ihre Leser, sei es, dass er im Westen bei Rotbuch oder in einigen Handpressenexemplaren veröffentlichen konnte, sei es, dass Endler in Berlin auf privaten Wohnungslesungen (die Orte lesen sich wie ein interner Stadtplan) seine Gemeinde fand. Wolfgang Hilbig schrieb ihm: "Ich habe nach deinen Büchern stets wie nach dem berühmten Strohhalm gegriffen und von ihnen mich lange Zeit förmlich ernährt".

Die verspätete Aufmerksamkeit, die Adolf Endler und seinem Werk erst nach der Wende zufiel, war deshalb mehr als verdient. Seine Art zu Schreiben nannte Endler eine phantasmagorische, eine "schwarzhumorige Verdrehtheit", und seine Helden waren eher raffinierte, gewitzte Antihelden. Ob das Weib aus Parterre, die Kellnerin Coca aus dem "Feuchten Eck", die Briefträgerin "mit ihrem unbelehrbaren Gärtnerinnengeruch ein Satansbraten ein Prachtweib", Hildchen aus "Hildegards Bierbar", Helene Knoll, ein Schlachtermesser schwingend all diese grotesken Hinterhofwesen, lebenspraktischen Kiezkönige und -königinnen, Überlebenskünstler, denen der Alltag Trapeznummern ohne Zuschauer abverlangt und die nicht selten auch abgrundtief abstürzen, die sich dann wie Frau Betz mit der Axt an der falschen Stelle wehren, dem Schädel des eigenen Ehemanns nämlich, sie alle holte Endler in seinen "Literaturbunker", den "Überlebensbunker mit den siebenhundert Leichen in den Gängen" und half ihnen zu Überdauern.

Autor:  Cornelia Jentzsch
Datum:  3 | 8 | 2009
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