Literatur

18. Januar 2010

Zum Tode des Dichters Kurt Bartsch: Wozu noch den Kopf verrenken

 Von Jürgen Verdofsky
Der Dichter und Drehbuchautor Kurt Bartsch. Foto: Roger Melis

Bonmots aus dem deutsch-deutschen Sagenschatz: Kurt Bartsch hat Tabus verletzt und Normen gebrochen, was immer er machte. Nun ist er 72-jährig gestorben. Von Jürgen Verdofsky

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Kurt Bartsch hat Tabus verletzt und Normen gebrochen, was immer er machte. Selbst als Drehbuchautor ("Lehrer Dr. Specht", Tatort "Leiche im Keller") war ihm wichtiger als Erfolg, das Publikum zu beunruhigen. Die Kraft der Deutschen, sich in ihren Gegensätzen zu arrangieren, blieb ihm ein unerschöpfliches Feld. "Immer glauben, nur nicht denken / Und das Mäntelchen im Wind./ Wozu noch den Kopf verrenken / Wenn wir für den Frieden sind?"

Als Parodist blühte er auf, frech, charmant, pointiert. Die Gedichtbände "Zugluft" oder "Kalte Küche" passierten in Ost-Berlin mit knapper Not die Zensurlinie, die Parodien "Kaderakte" oder "Hölderlinie" und der Roman "Wadzeck" konnten nur im Westen erscheinen. Alles kam aus dem Bauch von Berlin, selbst wenn Bartsch sich nach Schleswig-Holstein zurückzog.

1937 in Berlin-Mitte geboren, hat er Bombenkrieg und Häuserkampf überlebt. Als er verschüttet wurde, retteten ihn "Fremdarbeiter". In seinem letzten großen Roman, "Fanny Holzbein", erzählt er vom beschleunigten und zerrissenen Leben in den Wochen des Kriegsendes. Wer die Façon der Berliner Kriegskinder versteht, weiß auch von der Frontstadt des Kalten Krieges mehr als andere.

Kurt Bartsch blieb illusionslos, lebenslang. Er hat sich weder in Kunst noch in Lebensstil einem biedermeierlichen Sozialismus gefügt. Im Regelzwang des Leipziger Literaturinstituts hielt er es kein Jahr aus. 1965 wurde er, flankiert von Sarah Kirsch und Helga M. Novak, dort relegiert. In der intellektuellen Zweisamkeit mit seiner Frau, der Dramaturgin Irene Böhme, gelang es ihm fortan, sich als freier Autor zu behaupten. Es gab sogar eine Glanzzeit als Hausautor an der Ost-Berliner Volksbühne unter der Intendanz von Benno Besson. In Zusammenarbeit mit den Regisseuren Fritz Marquardt oder Manfred Karge und Matthias Langhoff entstanden Stücke wie "Die Goldgräber", "Der Strick", "Der Bauch" und die Adaption "Der Menschenhasser" nach Molière.

Mit der Unterzeichnung der Biermann-Petition und eines Protestbriefes gegen die strafrechtliche Verfolgung Stefan Heyms wurde Bartsch 1979 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. 1980 gelang der Wechsel von Ost- nach Westberlin. Seit den späten achtziger Jahren zeigte er sich als einer der ungewöhnlichsten Fernsehautoren. Auch wenn manches nach einem Verstummen als Dichter aussah, Wagenbach hat mit "Tango Berlin" neue Gedichte angekündigt.

Am vergangenen Sonntag ist der Dichter Kurt Bartsch 72-jährig in Berlin gestorben. Seine poetischen Bonmots funkeln weiter aus dem deutsch-deutschen Sagenschatz.

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