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Zum Tode von José Saramago: Alles tragen wir im Kopf

José Saramago stammte aus Verhältnissen, die mit dem Begriff "einfach" euphemistisch beschrieben sind. Der Literatur-Nobelpreisträger, Journalist und Politiker wurde 87 Jahre alt.Von Karin Ceballos Betancur

José Saramago wurde 87 Jahre alt.
José Saramago wurde 87 Jahre alt.
Foto: dpa

Wahrscheinlich würde er sich wünschen, dass die kaum vermeidlichen Glocken nicht ihm, sondern endlich der Gerechtigkeit gelten mögen, "jene neuen Glocken, deren Widerhall sich immer lauter und immer weiter in der ganzen Welt verbreitet", die auf "die vielfältigen Bewegungen des Widerstands und der sozialen Mobilisierung" verweisen, "die sich stark machen für eine neue Gerechtigkeit der Umverteilung und der Veränderung, die alle Menschen als ihre wahre Gerechtigkeit erfahren können; eine Gerechtigkeit, die Recht und Freiheit schützt, nicht aber das, was ihr nach dem Leben trachtet". Für sich selbst, würde der bekennende Atheist sagen, brauche er sie nicht, inmitten des ewigen Nichts. Der portugiesische Schriftsteller José Saramago ist tot.

"Weil wir sterben, haben wir Gott erfunden", erklärte er 2002 einem Journalisten der argentinischen Zeitschrift Veintitres. "Hier liegt das Problem: Wir sterben, also fragen wir uns: Und jetzt? Ich sterbe, und was geschieht danach? Einige von uns wissen, dass nichts passiert und fertig. Hier hört es auf." Außerhalb des menschlichen Geistes, so Saramago, existiere nichts, "nichts Gutes, nichts Schlechtes, keine Ideale, kein Gott, es gibt gar nichts - alles, was wir haben, tragen wir in unseren Köpfen". Und seine Leser sein Werk, für das er 1998 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Saramago stammte aus Verhältnissen, die mit dem Begriff "einfach" euphemistisch beschrieben sind. Als Sohn einer landlosen Bauernfamilie wurde er am 16. November 1922 in der Provinz Ribatejo, 100 Kilometer nordöstlich von Lissabon, geboren. Ein Beamter registrierte den Jungen José de Sousa in den Akten der Behörde unter dem Spitznamen seiner Familie: "Saramago" - eine Pflanze, von deren Blättern sich seinerzeit die Armen ernährten.

1924 siedelte die Familie in die Hauptstadt um, der Vater, während des Ersten Weltkriegs Artillerie-Offizier, fand eine Anstellung als Polizist. Wenige Monate nach dem Umzug starb der älteste Sohn Francisco. José besuchte das Gymnasium. Er war 19 Jahre alt, als er zum ersten Mal eigene Bücher kaufen konnte. 1944 heiratete er Ilda Reis, drei Jahre später kam Tochter Violante zur Welt.

Der junge Familienvater arbeitete als Maschinenschlosser und technischer Zeichner, veröffentlichte 1947 seinen ersten Roman, schrieb einen zweiten, der nie publiziert wurde, und begann einen dritten, bevor er sich 1966 für 19 Jahre aus der literarischen Welt zurückzog, "wo wenige Menschen meine Abwesenheit bemerkt haben können", wie er später sagte. Als Literaturkritiker war er für verschiedene Zeitungen in Lissabon tätig, als Übersetzer von Colette, Maupassant, Tolstoi und Hegel für Verlage.

Sein politisches Engagement reicht in die Zeit der Salazar-Diktatur zurück, als Saramago in der Opposition aktiv gewesen war, 1969 trat er schließlich in die Kommunistische Partei Portugals ein. Jahre später, nobelpreisgekrönt, verstand er sich immer auch als politischer Autor, der seine Stimme unter anderem in die globalisierungskritische Diskussion einbrachte. Er verurteilte die gescheiterten sozialistischen Projekte, die nicht vermocht hatten, menschliche Umstände zu schaffen, um den Menschen zu formen, reklamierte eine neue Sprache für die Bewegung und ein Ende der Bevormundung. Dabei bezeichnete sich Saramago selbst stets als Pessimisten, der mit der Wucht seines Skeptizismus gegen die Verhältnisse rebelliert.

Seine Rückwandlung vom Journalisten zum Schriftsteller markiert eine Reise nach Lavre, in die portugiesische Provinz Alentejo, zu der er 1976 aufbrach, in die Heimat der Korkeiche, "die in vollster Lebensblüte steht - obwohl es wegen ihrer Massigkeit nicht so scheint -, wenn ihr die Haut in Fetzen abgerissen wird. Unter Schmerzensschreien". Seine Aufzeichnungen, Studien und Beobachtungen gingen später in den Roman "Hoffnung im Alentejo" ein, "wo der Erzählstil, der meine Romane charakterisiert, geboren wurde", wie er selbst sagte - obwohl Bewunderer wenig Typisches an seinen Texten feststellen und übereinstimmend einen späteren Roman, "Das Memorial", zum saramagoeskesten aller seiner Romane erklären.

Mehr noch als von einem homogenen Stil wirken seine Werke ohnehin von einem Blick gekennzeichnet, der sich auf die scheinbaren Nebenfiguren der Geschichte und ihre Lebensumstände richten. "Es ist ein Verdienen unter Krätze und Fieber, eine schreckliche Plackerei, jäten und pflanzen, noch ehe die Sonne aufgeht bis lange nach Sonnenuntergang, und wenn die Nacht beginnt, schleppen sich hundertfünfzig schemenhafte Gestalten bis zum Gut, wo sie ihre Unterkünfte haben, Männer und Frauen getrennt, doch alle kratzen sich gleichsam die Ausschläge an den schweißnassen Stellen, alle werden vom Fieber des Reisfeldes geschüttelt." Ein emphatischer Blick, der wahrnimmt, was die Annalen verschweigen, geschult an der eigenen Biografie. "Im Grunde bedeutet Poet sein, einen Blick zu haben, und dieser Blick kann sich später in Worten ausdrücken." Und fiktive Figuren formen, die den Autor übertreffen: "Meine Charaktere", hat Saramago einmal gesagt, "sind immer weiser und besser als ich selbst."

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Autor:  Karin Ceballos Betancur
Datum:  19 | 6 | 2010
Seiten:  1 2
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