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Zum Tode von Ralf Dahrendorf: Über die Grenze

Europäer war er natürlich sehr wohl, ein Erasmus-Europäer nämlich in der Tradition des großen Rotterdamer Humanisten und einer europäischen Gelehrtenrepublik. Erasmus-Menschen nannte er in einer präzisen Selbstbeschreibung "diejenigen, die die großen geistig-politischen Auseinandersetzungen der Zeit verstehen, ja sich aktiv an ihnen beteiligen, aber dennoch nicht der Versuchung erliegen, sich einem Lager hinzugeben. Sie sind eben keine Propheten, sondern Weltkinder". Weltkinder in der Mitten, meinte Dahrendorf schelmisch, gegen die "Propheten rechts" und "Propheten rechts", die im 20. Jahrhundert totalitären Versuchungen erlegen waren.

Oder ihrem Mimikry. Es war dem Lord nicht sehr recht, ständig an seine Freiburger Spontandebatte mit dem SDS-Theoretiker Rudi Dutschke erinnert zu werden. Generationsgemäß neigte ich dazu, dem Mann im Pullover Recht zu geben. Doch in der Substanz schwante einem schon, dass der Freidemokrat Recht behalten sollte, den die Demokratieverachtung der Antiautoritären schockte, der aber mehr als die Aktivisten selbst verstand, welcher kulturelle Schub sie der seinerzeit auch großkoalitionär regierten Republik zu geben vermochten.

Dahrendorf als Berater

Viele der damaligen Kontrahenten teilen heute Dahrendorfs Diagnose von der Krise der Demokratie. Als Emeritus am Wissenschaftszentrum, auch als Leiter der Zukunftskommission Nordrhein-Westfalen versuchte er immer wieder, politische Entscheidungsträger zur Vernunft zu bringen, und ihm, dem Praxiserfahrenen, gelang das besser als vielen Zunftkollegen und Leitartiklern.

Auch diese Rolle des Journalisten lehrte er uns, als es eine Karriere noch verderben konnte, wenn man im Feuilleton auftauchte, wo man sich zugleich die Missgunst der Professionellen zuziehen konnte. Journalist zu werden, war sein erster Berufswunsch gewesen: "Also wurde ich Journalist und blieb es ein Leben lang", unter anderem unter dem Pseudonym Wieland Europa und bei der Zeit und beim Londoner Independent. Das Wagnis der "heißen" Zeitdiagnose mit raschen Verfallsdatum ging er gerne ein, doch seine Artikel gehören zu denen, die oft auch noch nach Jahren Bestand haben und ihre volle Bedeutung erst an den Tag legen können.

"Über Grenzen" ist also nicht beiläufig oder gewollt der Titel seiner fragmentarischen Lebenserinnerungen, die gerade jenen zur Lektüre empfohlen sei, die mit Angehörigen der so genannten "Flakhelfer-Generation" nichts mehr anzufangen wissen.

Gerne hätte ich die vorgesehene Tischrede dem am 1. Mai geborenen 80-Jährigen und Wahl-Kölner noch gehalten. Am 16. Juni ist Ralf Dahrendorf verstorben. Er wird uns nicht zuletzt wegen seines erzählerischen Talents, seines Humors, seiner großen Menschenfreundlichkeit und seiner intellektuellen Neugier fehlen, über die ein bisweilen etwas strenger Gesichtsausdruck nie hinwegtäuschen konnte.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.

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Autor:  CLAUS LEGGEWIE
Datum:  18 | 6 | 2009
Seiten:  1 2
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