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Literatur

18. Juni 2009

Zum Tode von Ralf Dahrendorf: Über die Grenze

 Von CLAUS LEGGEWIE
Der deutsch-britische Soziologe und Politiker Lord Ralf Dahrendorf ist im Alter von 80 Jahren gestorben (Archivbild von 1974).  Foto: Getty Images

Als altliberaler Weltbürger, Soziologe und Spitzenpolitiker begleitete Ralf Dahrendorf die Bonner und Berliner Republik - und überschritt ihren Horizont doch am weitesten. Von Claus Leggewie

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Zur Person

Ralf Dahrendorf wurde 1929 in Hamburg als Sohn des SPD-Reichtags- abgeordenten Gustav Dahrendorf geboren. Nach dem Studium der Philosophie und Klassischen Philologie in Hamburg und der Soziologie an der London School of Economics war er Professor für Soziologie in Hamburg, Tübingen und Konstanz.

Als "Vordenker des Liberalismus" trug er ab den 60er Jahren zur Neuausrichtung der FDP bei. Er war u.a. Bundestagsabgeordneter und vor allem in Bildungsfragen für die EG-Kommission tätig. 1965 erschien sein Buch "Bildung ist Bürgerrecht".

In die Wissenschaft kehrte Dahrendorf 1974 zurück. Er leitete die London School of Economics, war Professor in New York und Rektor des St. Antony’s College in Oxford. 1982 wurde er von Königin Elizabeth in den Adelsstand erhoben.

Die London School of Economics betonte am Donnerstag, Dahrendorfs Beitrag als Direktor und Historiker sei für die Schule "einzigartig" gewesen. FDP-Chef Guido Westerwelle erklärte, mit Dahrendorf "haben die deutschen und die europäischen Liberalen einen der bedeutendsten Soziologen unserer Zeit verloren". SPD-Chef Franz Müntefering würdigte ihn als "unermüdlichen Modernisierer". Deutschland verliere "einen seiner großen Intellektuellen und politischen Vordenker", so Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU).

Dass der 80-jährige Ralf Dahrendorf am Vorabend des 80. Geburtstages von Jürgen Habermas gestorben ist, stellt nicht nur eine traurige Koinzidenz dar. Es belegt auch, welche Generation intellektueller Titanen die frühe Bundesrepublik hervorgebracht hat und welchen Einfluss diese Denker bis ins hohe Alter besitzen.

Dahrendorf hat in seinen Lebenserinnerungen (2002), die den programmatischen Titel "Über Grenzen" tragen, in feiner Ironie über seine ewige Jugend geschrieben. "Was mich betrifft, so bin ich in Wahrheit immer achtundzwanzig gewesen und werde das wohl auch für den Rest meiner Tage bleiben."

Mit Dahrendorf, der im Alter von 28 Jahren habilitierte und eine glanzvolle akademische Karriere begann, begleitete die Bonner und Berliner Republik eine ganz einzigartige Persönlichkeit, die im besten Sinne auf vielen Hochzeiten tanzen konnte und die deren Horizont als altliberaler Weltbürger am weitesten überschritten hat.

Auf allen Gebieten kompetent und erfolgreich

Der Lord war auf allen Gebieten, auf denen er sich betätigte, kompetent und erfolgreich - als ein Doyen der Soziologie, der bis heute wesentliche und überraschende Anschlüsse bietet, als öffentlicher Intellektueller, dessen Kommentare niemals vorhersehbar und meistens unbequem, aber immer luzide und auf den Punkt gebracht waren, als liberaler Politiker, der sich für die Mühen der politischen Ebenen nicht zu schade war, als Kosmopolit, der seine Inspiration aus den stärksten Demokratien der Welt, Amerika und England, bezog und aus all diesen Perspektiven der (west-)deutschen Provinz den Spiegel vorhielt.

Nicht Karl Marx, über den er 1952 seine Dissertation schrieb, und auch nicht Max Weber waren seine Leitfiguren, sondern Immanuel Kant, Adam Smith, die unübertroffenen Autoren der Federalist Papers und andere Aufklärer des 18. Jahrhunderts diesseits und jenseits des Atlantiks.

Erstsemestern tritt Ralf Dahrendorf bisweilen noch als "Homo Sociologicus" entgegen, weil er die Konzepte der Rolle und der Schichtung in die deutsche Soziologie importiert hat. Dabei gab Dahrendorf sein vielseitiges Rollenrepertoire selbst brillant innerhalb und außerhalb der akademischen Welt.

Als Soziologen werden wir vor allem den "Konflikttheoretiker" in Erinnerung behalten. Er mochte diesen Ausdruck nicht, verstand es aber, in den 1960er Jahren konsensverliebten Volksgemeinschaften und später konfliktscheuen Postmodernen klar zu machen, dass ein friedlich ausgetragener Konflikt am meisten zum sozialen Wandel und zur Gewinnung von Freiheit beiträgt. Das brachte ihn, unter anderem als Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in Konflikt mit den 68ern, von denen sich viele eine soziologische Halbbildung zugute hielten.

Eine unbequeme Aufklärung

Soziologie war für Dahrendorf keine Weltanschauung, erst recht keine Utopie, sondern stets unbequeme Aufklärung und Erfahrungswissenschaft. Und anders als die Frankfurter Vordenker der Revolte befasste er sich weniger mit Diskursen und Sprachspielen als mit "Tatsachen" und ihrer Interpretation.

Am Intellektuellen Dahrendorf bewundern wir am meisten seine Unabhängigkeit, die ihn für jegliche Vereinnahmung durch ein "Lager" ungeeignet machte, das parteiliberale eingeschlossen, dessen wirtschaftsliberale Einäugigkeit und Verliebtheit in einen schnöden Pumpkapitalismus er wie kaum ein zweiter aufzuspießen fähig und bereit war.

Soziale und ökonomische Fragen betrachtete er unter dem Primat der Freiheit des Individuums und im zuletzt immer sorgenvolleren Blick auf die (gefährdeten und zerriebenen) Ligaturen der Bürgergesellschaft. In diesem Zusammenhang interessierte sich Dahrendorf für politische Tages-Debatten um das garantierte Grundeinkommen und - als einer der wenigen Sozialwissenschaftler - für die Klimakrise. (Das soziologische Werk ist in der allerdings vergriffenen Sammlung "Pfade aus Utopia" zugänglich.)

Dahrendorf der liberale Politiker

Auch der liberale Politiker, der es anders als die meisten akademischen Quereinsteiger zum FDP-Abgeordneten und dann als parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt und EU-Kommissar zu höchsten exekutivischen Ämtern in Bonn und Brüssel brachte, blieb dem Geist der angewandten, von ihm an den USA verdeutlichten Aufklärung verpflichtet.

Er hat sich hier, vor allem modischen Gerede von der "Wissensgesellschaft", für die "Bildung als Bürgerrecht" stark gemacht. Die Universität Konstanz war nicht zuletzt sein Kind, die London School of Economics prägte er noch mehr, und Oxford blieb seine geistige Heimat, auch in New York fühlte er sich zu Hause. Die beste Rolle, die man ihm auf Konferenzen geben konnte, war neben der Keynote die ebenso spontane wie ingeniöse Zusammenfassung der Ergebnisse.

Dem supranationalen Europa gegenüber blieb er, schon ganz Brite, skeptisch, also wieder im Namen der Autonomie des (nationalen) Souveräns, solange für ihn kein europäischer Demos absehbar war. Nie wollte er Grenzen aufheben. "Grenzen schaffen ein willkommenes Element von Struktur und Bestimmtheit. Es kommt darauf an, sie durchlässig zu machen, offen für alle, die sie überqueren wollen, um die andere Seite zu sehen. Eine Welt ohne Grenzen ist eine Wüste; eine Welt mit geschlossenen Grenzen ist ein Gefängnis, die Freiheit gedeiht in einer Welt offener Grenzen."

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