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Literatur

23. November 2009

Zwei neue Globke Biographien: Der Mann hinter Adenauer

 Von Matthias Becker
Hans Globke (rechts) an der Seite von Konrad Adenauer.  Foto: dpa

"Bürovorsteher im Vorzimmer der Macht": Zwei neue Biographien nähern sich Hans Globke - ein schwieriges Unterfangen. Dass der NS-Funktionär seine Karriere in der BRD fortsetzen konnte, blieb für viele ein Skandal.

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Die Bücher

Jürgen Bevers: Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Christoph Links Verlag, Berlin 2009, 240 Seiten, 19,90 Euro.

Erik Lommatzsch: Hans Globke. Beamter im Dritten Reich und Staatssekretär Adenauers. Campus Verlag, Frankfurt/M. 2009, 445 Seiten 39,90 Euro.

Der Dreiachteljude, der einen volljüdischen und einen halbjüdischen Großelternteil besitzt, gilt als Mischling mit einem volljüdischen Großelternteil, der Fünfachteljude mit zwei volljüdischen und einem halbjüdischen Großelternteil als Mischling mit zwei volljüdischen Großeltern." Noch Fragen? Die höhere Rassen-Arithmetik des Nationalsozialismus zu verstehen, ist nicht jedem gegeben. Der Rechenkünstler, der diese Erläuterung zu den Nürnberger Rassengesetzen 1936 verfasste, war Hans Maria Globke: Oberregierungsrat im Reichsinnenministerium, ab 1949 Ministerialdirigent im Bundeskanzleramt.

Dass ein Funktionär des NS-Regimes seine Karriere in der Bundesrepublik fast bruchlos fortsetzen konnte, blieb für viele ein fortgesetzter Skandal. Bis zu seinem Tod wurde Globke immer wieder als Schreibtischtäter angegriffen, und regelmäßig stellte sich Konrad Adenauer schützend vor seinen engsten Mitarbeiter. Globke platzierte ein Netz von Zuträgern in den verschiedenen Ministerien, verwaltete die schwarzen Spenden-Kassen der CDU, hielt die Partei auf Linie und agierte als deren inoffizieller Generalsekretär - der "Bürovorsteher im Vorzimmer der Macht", wie ein Artikel im "Spiegel" 1956 treffend formulierte. Der Weg zum Kanzler führte in aller Regel über ihn. Umgekehrt bedeutete das: Wer Adenauer treffen wollte, fand in Globke eine geeignete Zielscheibe. Auch deshalb ranken sich um ihn unzählige Gerüchte und Halbwahrheiten. Eine fundierte Biographie, die Licht ins Dunkel bringt, war also lange überfällig - und bleibt es weiterhin, obwohl gleich zwei Neuerscheinungen sich der Person Globkes annehmen.

Antrag abgelehnt

Jürgen Bevers versteht sein Buch "Der Mann hinter Adenauer" ausdrücklich nicht als kritisch-wissenschaftliche Studie, sondern als journalistische Arbeit. Globkes Lebensweg ist für ihn ein Beispiel für die personelle, institutionelle und auch ideologische (namentlich: antikommunistische) Kontinuität von Drittem Reich und Bundesrepublik. Bevers zeigt, wie sich nach Kriegsende Staatsbeamte in Regimegegner wandelten und gegenseitig wieder in Amt und Würden halfen. Gegenüber den Alliierten berief Globke sich darauf, er sei nie Mitglied der NSDAP gewesen - und verschwieg, dass er einen Aufnahmeantrag gestellt hatte, der zu seinem Glück aber abgelehnt wurde. Im Innenministerium habe er versucht, antisemitische Maßnahmen abzumildern und in vielen Fällen Verfolgten geholfen.

Manche seiner Rechtfertigungsversuche waren allerdings nichts als eine fortgesetzte Peinlichkeit. So behauptete er, er habe sich dem Treuegelöbnis auf Hitler entzogen, indem er während des Rituals in eine Nische getreten sei. Bevers versammelt ziemlich alles, was an Globke verstört, und seine eigene Verstörung ist dem Text anzumerken. Allerdings überschätzt er die Bedeutung Globkes für das NS-Regime und auch den Einfluss des späteren Staatssekretärs auf die westdeutsche Regierungspolitik. Obschon unentbehrlich war der vermeintliche "Mann hinter Adenauer" in Wirklichkeit ein Mann unter Adenauer, ohne eigene politische Ambitionen und gerade deshalb das ideale Werkzeug in den Händen des Kanzlers.

Erik Lommatzsch schreibt deshalb mit Recht, grau sei Globke möglicherweise gewesen, eine Eminenz aber auf keinen Fall. Seine Biographie wurde mit einem Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung gefördert. Während Bevers das Verwerfliche an Globkes Tätigkeiten im Reichsinnenministerium herausstellt, bemüht sich Lommatzsch um Relativierung. Die Handlungsspielräume des jungen Beamten seien begrenzt gewesen, "eine Verweigerung der Mitarbeit wäre wohl nur um den Preis des Ausscheidens aus dem Ministerium möglich gewesen". Und obwohl Lommatzsch betont, dass nur Quellen vorliegen, die von Globke selbst oder seinen Kollegen stammen, präsentiert er deren Version über weite Strecken als Tatsache. Entsprechend bescheinigt er Globke eine "wirksame Opposition im Modus partieller Mitwirkung".

Die Person Hans Globke bleibt eine Herausforderung. Eigene politische Ansichten sind kaum zu ermitteln, private Aufzeichnungen rar. Nach 1945 befasste Globke sich unter anderem mit den (partei-)politischen Manövern Adenauers und den Geheimdiensten - Vorgänge, die aus naheliegenden Gründen schwer zu untersuchen sind. Das größte Rätsel ist wohl seine Persönlichkeit. Häufig beschrieben ihn Zeitgenossen als verschwiegen, undurchsichtig und verschlossen. "Ich habe ja weiß Gott jahrelang Freiheit und Leben im unterirdischen Kampf gegen den Nationalsozialismus aufs Spiel gesetzt", schrieb er kurz nach Kriegsende - war das nun Schutzbehauptung oder Selbsttäuschung?

1963 schied Globke, zusammen mit Adenauer, aus dem Amt. Sechs Jahre später versuchte er, auch unter dem Eindruck der fortgesetzten öffentlichen Kritik, Memoiren verfassen. Im Nachlass findet sich ein Fragment über Kindheit und Jugend, in dem er betont, wie weltoffen und tolerant es in seinem Elternhaus zugegangen sei. Nach sechs Seiten bricht dieser Versuch einer Rechtfertigung ab.

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