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Camille de Peretti "Wir werden zusammen alt": Zweimal sterben in 13 Stunden

Die französische Autorin Camille de Peretti setzt ein Seniorenwohnheim als formales Experiment in Szene. Die gute Nachricht: Um den Roman zu lesen, kann man sein Konstrukt getrost vergessen, die Kehrseite: Der Roman ist nicht sonderlich tief erzählt.

Ums Leben und Sterben im Altersheim dreht sich der Roman von Camille de Peretti.
Ums Leben und Sterben im Altersheim dreht sich der Roman von Camille de Peretti.
Foto: dapd

Man bekommt nicht alle Tage einen Roman mit einer Gebrauchsanweisung in die Hand. Sechzehn Seiten umfasst sie und ist, offen gesagt, nicht weniger unverständlich, als hätte man mit Hilfe eines Computerprogramms aus dem Internet die polnische Bauanleitung für einen Schrank ins Deutsche übersetzt.

„Wir werden zusammen alt“, das dritte Buch der 1981 geborenen Französin Camille de Peretti und das erste, das auf Deutsch erscheint, steht zumindest formal in der Tradition der Literatengruppe „Ouvroir de la littérature potentielle“, der etwa Georges Pérec und Raymond Queneau angehörten. „Wir werden zusammen alt“ lässt sich als Hommage an Pérecs „Das Leben Gebrauchsanweisung“ lesen, einer Momentaufnahme eines Mietshauses am 23. Juni 1975 gegen 20 Uhr.

Peretti variiert dieses Verfahren, indem sie den Schauplatz ihres Romans, ein Altenheim in der Nähe von Paris, in 64 Felder aufteilt, um dann mit Hilfe von mathematischen Algorithmen, Euler’schen Quadraten und Listen mit Handlungselementen ein Erzählschema zu entwickeln. So weit, so kompliziert.

Nun die gute Nachricht: Um den Roman zu lesen, kann man all das auch schnell wieder vergessen. Wenn überhaupt, dann macht sich der konstruierte Rahmen insofern bemerkbar, als er eine wohltuende Nüchternheit im Umgang mit dem Stoff garantiert und – das ist die Kehrseite – eine Gestaltung der Figuren verhindert. Kurz gesagt: Rasant, aber nicht sonderlich tief. Noch kürzer gesagt: Unterhaltungsliteratur. Das erscheint vor dem Hintergrund des Stoffs durchaus problematisch, denn Camille de Peretti erzählt aus dem Alltag der Bewohner und der Belegschaft einer Seniorenresidenz, wie es euphemistisch heißt: 13 Stunden, in denen mindestens zweimal gestorben wird, pflichtschuldige Verwandtenbesuche über die Bühne gebracht, kleine und große Eifersüchteleien ausgetragen und Herzen gebrochen werden.

Gelungene Nummernrevue

Da kann es die eine nicht ertragen, wenn sich die vermeintlich proletenhafte ehemalige Kneipenbesitzerin im Dunstkreis ihrer besten Freundin aufhält; da ist der Ehemann, der seine schöne, demenzkranke Frau hier untergebracht hat und sich nun täglich damit konfrontiert sieht, dass sie ihn für ihren ehemaligen Liebhaber hält. Da ist die alternde Tyrannin, die den Laden mit Sonderwünschen auf Trab hält und für ihre Mitbewohner nichts als Verachtung übrig hat.

Der Direktor des Heims in all seiner Verklemmtheit, der sich an eine verwirrte Schwester ranpirscht. Oder eine Dame vom Land, die ihr Leben lang vergeblich auf Kinder gewartet hat, weil sie nicht wusste, dass der Verlust der Jungfräulichkeit eine unabdingbare Voraussetzung ist. Und so weiter. All diese Schicksale, Biografien, Lebenslinien und Alltagsprobleme stehen gleichberechtigt und auch, in 64 mundgerechte Häppchen aufgeteilt, in jeweils nahezu gleicher Länge erzählt nebeneinander.

Sentimentalität, das muss Peretti zugute gehalten werden, kommt dabei nur selten auf; in den starken Momenten des Textes bekommt man mehr als nur eine Ahnung davon, wie sich das diskursiv breit getretene Phänomen einer Gesellschaft im Überalterungszustand in individuellen Einzelschicksalen eben nicht einfach auflöst, sondern dem Gerede geradezu störrisch entgegensteht. Einsamkeit und Todesnähe sind nun einmal nicht diskutierbar.

Doch insgesamt wirkt „Wir werden zusammen alt“ allzu vergnügt und zufrieden damit, eine Nummernrevue gelungener Einzelszenen zu bilden. Camille de Peretti führt ihre gebrechlichen Protagonisten nicht vor, gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis. Aber sie weiß eben auch nicht allzu viel mit ihnen anzufangen, wenn sie denn schon einmal da sind.

Camille de Peretti: Wir werden zusammen alt. Roman. Aus dem Franz. von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt, Reinbek 2011, 284 Seiten, 19,95 Euro.

Autor:  Christoph Schröder
Datum:  8 | 3 | 2011
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