Wer wollte es dem Volk verbieten, sich einen Helden zu schaffen? Und wie? In den Tagen vor dem Prozessbeginn im Fall Dominik Brunner waren Reportagen aus dessen Heimatort zu lesen, in denen jene, die Brunner gut kannten, sagten, er selbst hätte sich gegen diese Heldenverehrung gewehrt, hätte er die Schläge und Tritte am 12. September des vergangenen Jahres an der S-Bahnstation in München-Solln überlebt.
In diesen Aussagen schwang schon die böse Ahnung mit, dass die öffentliche Meinung jemanden noch schneller vom Sockel stoßen kann, als sie ihn hinaufgestellt hat, was vor allem für die Eltern Brunners, seine Mutter soll sich in psychiatrischer Behandlung befinden, eine unermessliche Kränkung bedeuten würde.
Weitere Zeugen werden heute im Prozess um den Tod Dominik Brunners aussagen. Geladen ist auch der S-Bahnfahrer, der die Tat aus der Nähe mitbekam.
Kritik an dessen Verhalten hat bereits ein anderer Zeuge geübt: Der Fahrer habe nichts unternommen und sei einfach weitergefahren. FR
Kollektive Wunschbilder
Der Sockel, den die Medien Dominik Brunner gebaut haben, ist hoch. Und es gehört nicht zu den rühmlichen Methoden des Journalismus, dort und in dem Moment, wo er selbst an einem Heldenbild zu kratzen beginnt, eine Trennlinie zwischen sich und der öffentlichen Meinung zu ziehen – gerade so, als sei dieses kollektive Heldenbild nicht von Medien produziert, mindestens permanent stimuliert worden.
So war Mitte Juli im Tagesspiegel von Brunners Leidenschaft für den Kampfsport zu lesen und davon, dass sich der 50-jährige Manager zuweilen bei kleinen Kampfsportveranstaltungen vergnügte, wohlgemerkt als Zuschauer. Weil die Autorin präzise beschrieb, wie die Kontrahenten aufeinander einprügeln und welche Spuren ihre Gesichter davontragen, warfen ihr zum Teil wütende Leser vor, das Ansehen Brunners mutwillig beschädigen zu wollen. So sehr diese Unterstellung das Maß der Idealisierung Brunners dokumentiert, so zweifelhaft bleibt der Nährwert einer solchen Reportage, die aus vagen Momentaufnahmen und Mutmaßungen besteht.
Es war doch unbestritten ein Allerweltsalltag, aus dem heraus Dominik Brunner sich selbst in eine gefährliche Situation katapultierte, um vier Jugendliche zu schützen. Und diese Handlung bleibt auch eine noble, falls tatsächlich ruchbar würde, dass Brunner darin, was einst sein Privatleben war, allzu menschlichen Schwächen erlegen war. Wer hätte anderes vermutet?
Nun hat der Prozess gegen die beiden jungen Männer, die ihn niedergeprügelt und ihn getreten haben, ein neue, wesentliche Information zu Tage gefördert: Brunner litt an einem vergrößerten Herzen, das nach der Gewalttat zu schlagen aufgehört hat.
Den Zusammenhang zwischen Tat und Herzstillstand werden nun Gutachter zu bewerten und erörtern haben. Es ist nicht auszuschließen, dass Sebastian L, 18, und Markus S., 19, nicht wegen Mordes, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt werden.
Für manche finden auch Helden des 21. Jahrhunderts erst im Heldentod ihre Vollendung, Militärs etwa machen sich das weis. Inwiefern dies auch für einen zivilen Helden gilt, darüber wird nun seit zwei Tagen in Zeitungen und auf Online-Portalen sinniert.
Empörte Verehrer
Wie die meisten kam auch die Süddeutsche Zeitung in ihrer gestrigen Ausgabe zu dem Ergebnis, dass Dominik Brunner sich möglicherweise überschätzt habe, sein Handeln aber gerade vor dem Hintergrund seiner Herzschwäche als besonders couragiert einzustufen sei. Für jene seiner Bekannten, die die Süddeutsche zitiert, bleibt sein Verhalten auch weiterhin vorbildlich.
Brunners Freunden sei zugestanden, die Trennlinie zwischen Held und Vorbild nicht ziehen zu wollen. Eine Staatsanwaltschaft muss sie ziehen. Warum bloß hat jene in München die Information über den Herzstillstand zurückgehalten? Warum vor allem sickerte nur allmählich durch, dass Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln nicht nur aus Notwehr gehandelt hat? Dass er als Erster zuschlug? Sollte auch die Staatsanwaltschaft die Idealisierung Brunners zu instrumentalisieren versucht haben, könnte sich das nun als Bumerang erweisen.
In den Erörterungen, warum der Konflikt so eskalieren konnte, warum die jungen Männer in einen Blutrausch gerieten, kann die Frage von Brunners Mitschuld nicht mehr außen vor bleiben. Für die Anwälte der Angeklagten ist sie selbstverständlich wesentlich.
So könnte auch dieser Prozess nach dem Urteil all jene schäumen lassen, die in unserem Rechtssystem ohnehin eine permanente Umkehrung von Opfern und Tätern vermuten. Leser-E-Mails auf den Online-Portalen der Zeitungen zeigen, dass die Empörung darüber in diesem Fall besonders groß ist.
Menschen, die wir Helden nennen, weil sie sich in bedrohlichen Momenten als mutig und entschlossen erweisen, unterscheiden sich durch ein entscheidendes Merkmal von uns. So wie Brunner auf seinen Kampfsport, vertrauen sie auf eine bestimmte Fähigkeit, die sie für diese Situation prädestiniert. Eine US-Studie hat das herausgefunden.
Dass Helden auch tragische sein können, davon erzählt die Literatur. Dass starke Helden eine verwundbare Stelle haben, lehrt uns die Sage. Dass all das vor einem Gericht keine Rolle spielen darf, muss man als Errungenschaft ansehen. Dass Dominik Brunner ein Löwenherz besaß, ist so oder so wahr.
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