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Hattersheim: Streit um Stolpersteine

Ein Hausbesitzer in Hattersheim sperrt sich gegen eine Aktion des Künstlers Gunter Demnig. Der will damit an die ermordeten Juden der Mainstadt erinnern.

Am Donnerstag, 9. September, verlegt der Künstler Gunter Demnig in Hattersheim die ersten Stolpersteine. Sie erinnern an die jüdische Familie Grünbaum, die bis zu ihrer Deportation in der Staufenstraße lebte. Jetzt wohnt dort die Familie Jüterbock, die schon Besuch von David Greenbaum aus New York hatte, einem Urenkel der von den Nazis verfolgten Grünbaums.

Die Jüterbocks tragen die Gedenk-Aktion mit, so wie die meisten der etwa 20 Hattersheimer Hausbesitzer, vor deren Tür die zehn mal zehn Zentimeter kleinen Gedenkplatten aus Messing in den Bürgersteig eingelassen werden sollen. Doch es gibt auch Vorbehalte. Zunächst hatte, so Bürgermeister Hans Franssen (SPD), eine Handvoll Eigentümer Bedenken. Inzwischen seien die meisten davon ausgeräumt. Nur ein Hauseigentümer lehne die Stolpersteine vor seiner Haustür nach wie vor vehement ab.

Wie die Stadt in diesem Einzellfall verfahren soll, darüber ist jetzt eine lokalpolitische Debatte entbrannt. Bürgermeister Franssen sagt: „Es gibt keine Ausnahme, die Steine werden notfalls trotzdem verlegt.“ Er will weiter Überzeugungsarbeit leisten. Die strittigen Stolpersteine sind nicht unter den ersten 21, die Demnig morgen im Boden einlassen wird. Ihre Verlegung wurde vertagt.

Derweil wirbt der CDU-Parteivorsitzende Klaus Schindling um „Verständnis“ für die skeptischen Hausbesitzer. Sie befürchteten, dass „radikale bescheuerte Menschen“ wegen der Stolpersteine ihre Hauswand beschmierten. Und der CDU-Chef greift Franssen an. Bei einer Bürgerversammlung im Mai habe der Rathauschef noch zugesichert, die Stolpersteine würden nur mit Zustimmung der Eigentümer verlegt. Davon sei er nun abgerückt: „Er biegt sich die Wahrheit zurecht.“

Bürgermeister Franssen widerspricht. Er habe schon im Mai klar gemacht, dass die Stadt das Einvernehmen mit den Besitzern suchen werde, als Eigentümerin der Bürgersteige jedoch das Sagen habe. Das Stadtparlament habe einstimmig für die Stolpersteine votiert, das Projekt sei gründlich vorbereitet worden. Die jetzt von der CDU losgetreten Debatte nennt er „beschämend“.

Auf Stolpersteine werden immer wieder Anschläge verübt, dass dabei auch Häuser in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist jedoch nicht bekannt. Die Amadeu-Antonio-Stiftung für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur dokumentiert seit 2002 antisemitische Übergriffe. Sie verzeichnet deutschlandweit rund 30 Fälle, in denen Stolpersteine herausgerissen, mit Farbe übergossen, mit Hakenkreuzen beschmiert oder auf andere Art geschändet wurden. Die weitaus meisten Anschläge auf Stolpersteine ereigneten sich nach dieser Chronik in Ostdeutschland und in Berlin, aus Hessen nennt sie nur zwei Fälle. In Marburg wurden Stolperseiten von Unbekannten überklebt, in Wiesbaden traten sie im vorigen Mai NPD-Demonstranten demonstrativ mit Füßen.

In Hofheim, wo schon alle Stolpersteine verlegt sind, gab es wie in Hattersheim Skeptiker, so Rathaussprecherin Iris Bernardelli: „Es war nicht immer einfach, aber wir konnten letztendlich alle Hauseigentümer überzeugen.“ Im Kreis macht außerdem Hochheim bei der Aktion mit. Dort gab es laut Mit-Initiator Friedhelm Henne „keine negativen Reaktionen“ von Hausbesitzern.

In Hattersheim kritisiert indes die FDP, dass die CDU die Kontroverse öffentlich gemacht hat. „Das Projekt funktioniert nur ohne großes Tamtam“, sagte Fraktionsvorsitzender Dietrich Muth. Doch er ist sich mit CDU-Chef Schindling darin einig: Wenn die Bedenken der Hauseigentümer nicht ausgeräumt werden können, sollten die Steine an dieser Stelle nicht verlegt werden. „Dann hat man Pech gehabt.“

Autor:  Barbara Helfrich
Datum:  7 | 9 | 2010
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