Die eisige Kälte geht einem trotz dicker Winterkleidung an diesem 27. Januar durch Mark und Bein. Eine Gruppe Menschen steht knöcheltief im Schnee und blickt nachdenklich auf die Überreste des einstmals weit ausgedehnten jüdischen Gräberfeldes am Wickerbach. Seit dem Pestausbruch 1666 begruben dort Juden ihre Toten. Heute ist die 3600 Quadratmeter große Gedenkstätte bis auf neun Grabsteine leer. Sie wurden von den Hinterbliebenen der Holocaustopfer wieder aufgestellt.
"Doch auch, wenn man jetzt seinen Mantel, seine Handschuhe und auch seine Schuhe ausziehen würde, könnte man nur die Spitze des Eisberges dieser menschlichen Kälte nachempfinden, die die Juden in Flörsheim erfahren mussten." Mit diesen Worten hat Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) gestern auf dem jüdischen Friedhof dem 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht.
Ab 1945 war Flörsheim "judenfrei", bis dahin hatten 52 Juden in der Gemeinde gelebt. Die angeordnete "Entjudung des Grundbesitzes" machte auch vor den Friedhöfen nicht halt, wie Heimatforscher Werner Schiele darlegte. Den Friedhof, der weit außerhalb des Ortes liegt, nahe dem Galgenberg und der Gemarkungsgrenze zu Hochheim, hatten Flörsheimer Bürger bereits Monate vor der Reichspogromnacht 1938 zerstört. Sie zerschlugen die Grabsteine und verwüsteten die Anlage samt Außenmauer.
"Die Zerstörung eines Friedhofes ist gleichzeitig auch der Versuch einer zweiten Vernichtung", sagte Schiele. Umso erschreckender sei dies, da im jüdischen Glauben die Grabesruhe der Toten auf alle Ewigkeit nicht gestört werden dürfe, außer der Tote wird nach Israel umgebettet.
Schändungen hören nicht auf
Schockierend auch, dass im November 1989, wenige Wochen nach der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag des in Flörsheim geborenen jüdischen Politikers Jakob Altmaier, unbekannte Täter erstmals nach Ende der NS-Herrschaft den Friedhof schändeten. Sie beschmierten die Mauern mit Nazi-Parolen und die Grabsteine mit gelber Farbe. Danach dauerte es drei Jahre bis zum nächsten Übergriff: Unbekannte rissen Grabmale aus den Verankerungen und schleppten sie fort.

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