Der Mail-Inhalt war kurz und knapp: „Entfernen Sie diesen Satz.“ Absender: Die Colombo-Familie, ein mächtiges Mafia-Kartell aus New York. Als Dieter Wunderlich diese Worte auf seinem heimischen Bildschirm im beschaulichen Kelkheim las, zögerte er keine Sekunde: „Ich bin der Aufforderung nachgekommen.“ Zuvor hatte er auf seiner privaten Homepage in einer Kritik zu „Deep Throat“ darauf hingewiesen, dass der Film vermutlich vom Colombo-Kartell finanziert worden war.
Sechs Jahre liegt dieser Zwischenfall nun zurück, und der Ärger der Mafia dürfte längst verraucht sein. Dieter Wunderlich sorgt mit seiner Website derweil weiterhin für Aufsehen: Pünktlich zum Weihnachtsfest verzeichnet er zum ersten Mal fünf Millionen Online-Besucher im Jahr – damit gehört der 64-Jährige eigenen Erkenntnissen zufolge deutschlandweit zu den Rekordhaltern unter den unkommerziellen privaten Anbietern.
Ein Blick auf seine Homepage lässt das zunächst nicht unbedingt vermuten: Dem Besucher zeigt sich eine schnörkellose Datenbank, eine Auflistung von über 3500 selbstverfassten Buch- und Filmbesprechungen. Das Angebot beinhaltet vor allem gehobene Literatur und eine Vielzahl von Filmgenres. Nach einer ausführlichen Inhaltsanalyse folgt stets eine knackige Bewertung.
„Ich habe alle Bücher selbst gelesen und alle Filme gesehen“, sagt Dieter Wunderlich ; als Rentner hat er die hierfür notwendige Zeit. „Als ich im Jahr 2001 aufhörte zu arbeiten, habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Internet zu beschäftigen.“ Wunderlich brachte sich selbst bei, wie man eine eigene Homepage aufbaut. „Weil ich die Inhalte von Büchern schnell wieder vergesse, beschloss ich, diese auf meiner Internetseite aufzuschreiben.“
Doch was als persönliche Gedächtnisstütze und Spielerei begann, wurde alsbald zum durchschlagenden Erfolg. „Plötzlich haben immer mehr Leute meine Homepage besucht.“ So viele, dass Wunderlich heute nachweislich sogar namhafte Medienportale wie die „Krimi-Couch“ in den Schatten stellt. Und auch für das renommierte Kulturmagazin „Perlentaucher“ stellt Wunderlichs Hobby eine ernstzunehmende Konkurrenz dar.
Attacke der Konkurrenz
Dabei trägt dessen Bücherdatenbank noch nicht einmal einen eigenen Namen. Doch darauf kommt es auch gar nicht an: Die Suchmaschine Google positioniere seine Homepage nicht zuletzt aufgrund der hohen Qualität der Berichte bei Nutzer-Anfragen ganz oben in der Trefferliste. „Wenn also jemand ein ausgefallenes Buch sucht, landet er schnell auf meiner Seite.“
Im Vergleich zu anderen Anbietern tue er sich dadurch hervor, dass seine Inhaltsanalysen besonders ausführlich seien. „Woanders wird meist nur der Klappentext vom Buch abgeschrieben.“ Und so verwundert es nicht, dass vor allem Schüler und Germanistik-Studenten zu Wunderlichs regelmäßigen Besuchern gehören. „Einmal hat mich sogar ein Schüler darum gebeten, eine bestimmte Inhaltsanalyse von meiner Seite zu nehmen“, lacht der 64-Jährige. „Denn sein Lehrer sollte nicht merken, dass er abgeschrieben hatte.“
Doch nicht nur der Mafia ist die Spielerei des Rentners ein Dorn im Auge. „Vor ein paar Jahren wurden mal alle Einträge über mich bei Wikipedia gelöscht“, berichtet Wunderlich. Der Effekt blieb nicht aus: Innerhalb kürzester Zeit schauten monatlich 15000 Gäste weniger auf seiner Homepage vorbei. Wer für die Attacke verantwortlich war, ist unbekannt. „Es wird wohl ein Konkurrent gewesen sein, der vielleicht sogar finanzielle Nachteile durch mich hatte.“ Dieter Wunderlich findet das im Grunde nur lustig: „Ich mache das alles zum Zeitvertreib – und werde die Informationen auch weiterhin kostenfrei zur Verfügung stellen.“

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