Zehntausende Menschen sind am Wochenende wieder über die Weinstadt am Main hergefallen. Sie schieben sich durch die engen Gassen der Altstadt, bevölkern die mit Lichterketten geschmückten Hinterhöfe und kosten hier einen Hochheimer Stein Riesling und dort einen Domdechant. Es sind vor allem die älteren Semester, die vor den Live-Bühnen mit Rock- und Jazz-Musik richtig aufdrehen. "Rockin all over the world", singt Harald Strutz, Präsident des Fußballclubs Mainz 05 und Frontmann der Coverband The Stags. Die Gruppe Jugendlicher, die gerade noch nahe der Bühne stand, verzieht sich, das ältere Publikum tobt.
"Für Jugendliche gibt es hier eigentlich zu wenige Angebote", findet Viktor. Der 17-Jährige ist an diesem Abend als Mitarbeiter des Jugendzentrums in der Chill-out-Area im Einsatz. Diesen Bereich gibt es zum ersten Mal auf dem Hochheimer Weinfest. Speziell für Jugendliche. Zigaretten und Alkohol sind hier tabu. Dafür gibt es Wasser, Apfelsaftschorle und Knabbereien gratis. In dem Zelt in einem Hinterhof flattern hell- und dunkelgrüne Bänder an der Rückwand. Schwarze Sessel sind um zwei Tischchen gruppiert. Auf dem einen steht ein Schachbrett. Zu Miles Davis "Children" können die Jugendlichen hier wieder runterkommen, sich erholen chillen oder auch den ganzen Abend hier verbringen. So wie Felix (12), Jenny (11) und ihre Freundin. "Bei den Eltern an den Ständen wäre es zu langweilig", sagt Felix sie. "Hier ist der perfekte Ort", meint Jenny, die sonst gar nicht so lange raus dürfte; es geht schließlich schon auf 23 Uhr zu.
Das Hochheimer Weinfest endet heute um 23 Uhr mit einem Feuerwerk. Programm: www.hochheim-feiert.de
Eigentlich ist der Ort dafür gedacht, Jugendliche, am Fest teilhaben zu lassen ohne, dass sie konsumieren müssen. Belehrende Sprüche gibt es keine: "Wir bieten den Jugendlichen eine Alternative, ohne zu sagen, dass rauchen und saufen schlecht ist", sagt Jugendbetreuerin Inge Seemann.
Etwa ein Dutzend Jugendlicher ist gerade da. "30 bis 40 waren es heute schon", sagt Dirk. Auch der 26-Jährige gehört zu den Betreuern. "Wir haben viel Laufkundschaft", erklärt Sozialpädagogin Petra Pfeffermann. Die Gruppen von Teenagern kämen und gingen. Für viele sei es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass es hier einen Ort gibt, an den sie sich zurückziehen könnten, etwa wenn sie zu viel getrunken hätten oder es Probleme gebe. Bisher kam das jedoch noch nicht vor.
Insgesamt gibt es in diesem Jahr wenig Probleme mit Alkoholisierten. Gerade einmal drei Einsätze verbuchte das Rote Kreuz bisher. Einer davon wegen einer Schlägerei. "Beim Weinfest war das Thema Alkohol für uns noch nie vorherrschend", sagt Bereitschaftsleiter Benno Hofmann. Er sitzt in der neonerleuchteten Einsatzzentrale in der Wiesbadener Straße. Es ist Samstag, 24 Uhr. Noch vier Stunden, dann haben sie es geschafft. "Gestern hat sich der Festbetrieb gegen 4.30 Uhr aufgelöst", sagt Hofmann. Insgesamt 16 Kräfte sind im Einsatz. Im Aufenthaltsraum läuft leise ein Fernseher. Eine Handvoll Sanitäter schlägt hier die Zeit tot. Wartet auf den nächsten Einsatz.
"Auf dem Hochheimer Markt gibt es in der Regel mehr zu tun", sagt Hofmann. Dort gebe es auch Bier und Alkopops. Mit Wein könnten Jugendliche wahrscheinlich weniger anfangen. Doch die wenigen Vorfälle könnten auch an der erfolgreichen Präventionsarbeit liegen. "Polizei und städtischer Sicherheitsdienst haben ein starkes Auge drauf." Im vergangenen Jahr wurde eine sogenannte Präventionsstreife eingeführt. Auch die Chill-out-Area ist Teil dieser Präventionsarbeit. Laut den Betreuern ist es ein Erfolg. Doch ob sie damit auch Koma-Saufen verhindern könnten? Inge Seemann sieht das realistisch: "Wenn Jugendliche das machen wollen, tun sie es außerhalb pädagogischer Angebote."

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