Gerade mal eineinhalb Wochen war Brigitte Körner (alle Namen von der Redaktion geändert) "schwanger", dann hielt sie ihren Sohn Felix im Arm. Überglücklich sei sie gewesen, erzählt die 40-Jährige. "Alle Zweifel und Bedenken waren mit einem Mal wie weggeblasen."
Felix ist ein Pflegekind. Die Körners wurden angerufen, als er noch gar nicht auf der Welt war - zehn Tage vor dem errechneten Geburtstermin. "Können Sie sich vorstellen, ein Neugeborenes zu sich zu nehmen", habe die Mitarbeiterin des Jugendamtes sie gefragt, erinnert sich Brigitte Körner. Das Paar zögerte nicht lange. "Wir hatten drei Jahre lang auf diesem Augenblick gewartet, gemeinsam einen Vorbereitungskurs absolviert, alles reiflich überlegt und am Ende fast schon die Hoffnung aufgegeben, dass wir jemals noch ein Kind bekommen würden", sagt Wolfgang Körner.
83 Kinder leben derzeit im Main-Taunus-Kreis in 64 Pflegefamilien. 20 wurden 2009 in Bereitschafts- und Kurzzeitpflegen aufgenommen.
Das Jugendamt hat im vergangenen Jahr 42Mädchen und Jungen aus ihren Ursprungsfamilien in Obhut genommen, weil das Kindeswohl gefährdet war.
Pflegefamilien werden im Main-Taunus-Kreis dringend gesucht. Wer Interesse hat, wendet sich an das Amt für Jugend, Schulen und Sport, Am Kreishaus 1-5 in 65719 Hofheim. Telefon 06192/2011605 bis -1609.
Eine Informationsbroschüe kann man auch per Mail anfordern: pflegekinderdienst@mtk.org. (aro)
Ein Neugeborenes in Pflege zu nehmen, ist kein ganz leichtes Unterfangen. "Es besteht das Risiko, dass die leiblichen Eltern am Ende doch nicht einverstanden sind und das Kind zurückhaben wollen", sagt Glenda Scharf vom Amt für Jugend, Schulen und Sport des Main-Taunus-Kreises. Auch bei Felix war nicht von Anfang an sicher, dass der kleine Junge bei den Körners bleiben würde.
Wegen einer Erkrankung der Mutter hatte das Jugendamt entschieden, ihn in eine Pflegefamilie zu geben. Als nach einigen Monaten ein Gutachter die Einschätzung des Amtes bestätigte, waren die Körners überglücklich. "Es war, also ob uns unser Sohn ein zweites Mal geschenkt wurde", sagt Brigitte Körner. Heute ist Felix vier Jahre alt, ein munterer Junge, der gerne in den Kindergarten geht und einen Haufen Freunde hat. Einmal im Monat kommt er mit seinen Eltern ins Hofheimer Landratsamt. In Raum 2.1.0 trifft er dann "Bauchmama Nicole". "Wir haben ihm den Unterschied erklärt", sagt Brigitte Körner. "Bei Nicole bist du als ganz kleines Baby im Bauch gewesen. Mama und Papa, das sind wir." Mit der leiblichen Mutter sei dies abgesprochen. Sie habe zugestimmt, sagt Brigitte Körner. "Sie freut sich immer, Felix zu sehen."
Mittlerweile kümmert sich auch der leibliche Vater um den Jungen. Er kommt ebenfalls zu den monatlichen Treffen ins Landratsamt. Für einen kurzen Moment habe es Probleme gegeben, erinnert sich Wolfgang Körner. Der Vater habe Ansprüche auf das Kind geltend machen wollen. "Davor", sagt Glenda Scharf, "sind Pflegeeltern nie gefeit." Auch wenn es, je länger ein Kind in einer Pflegefamilie lebt, immer unwahrscheinlicher werde, dass es wieder gehen muss. Auch diese schwierige Phase hätten sie gemeistert, sagt Wolfgang Körner. "Es war beruhigend zu wissen, wenn etwas schief läuft, ist das Amt da. Dort bekommen wir Rat und Unterstützung."
Die Körners erzählen bis heute nicht jedem, dass Felix nicht ihr leibliches Kind ist, wollen deshalb ihren richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. "Das muss man abwägen, es gibt Leute, die sind nur sensationsgierig, andere sind wirklich interessiert", sagt Brigitte Körner. Immer öfter vergesse sie selbst darauf, dass Felix ein Pflegekind ist. "Man sorgt sich drum, als wäre es das eigene." Nur noch selten kommt die Angst hoch, der Junge könnte ihnen wieder weggenommen werden. "Wir wären dann nicht hilflos", ist Brigitte Körner überzeugt. Weil Felix seit seiner Geburt in der Pflegefamilie lebt, könnte das Paar einen "Verbleibensantrag" stellen. Vermutlich hätten die Körner gute Chancen, vor Gericht Gehör zu finden.
Felix sollte eigentlich kein Einzelkind bleiben. Brigitte und Wolfgang Körner können keine eigenen Kinder bekommen und wollten deshalb ein zweites Kind in Pflege nehmen. Als Marie zu ihnen kam, war sie drei Monate alt. Ein Dreivierteljahr später mussten sie sie wieder hergeben. Das Mädchen kehrte in seine Ursprungsfamilie zurück; der Familienhelfer hatte den leiblichen Eltern bescheinigt, dass sie in der Lage seien, die Betreuung zu übernehmen. Wenn Brigitte Körner darüber spricht, füllen sich ihr Augen mit Tränen. "Loslassen - das war für uns schlimm, und für das Kind", sagt sie. Ob es die richtige Entscheidung war? Keiner mag darüber spekulieren. "Ein Recht mitzuentscheiden haben die Pflegeeltern in so einem Fall nicht", sagt Glenda Scharf. "Sie müssen sich immer darauf einstellen, dass sie ihr Pflegekind irgendwann doch wieder hergeben müssen."

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