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Pius-Brüder in Hattersheim: Mit entrücktem Blick

In Hattersheim feiern Anhänger der Piusbruderschaft Alte Messen. Aber mit der Presse reden wollen die Brüder lieber nicht. Von Regine Seipel

Rücken zur Gemeinde: Ein Piusbruder zelebriert in Stuttgart die Messe.
Rücken zur Gemeinde: Ein Piusbruder zelebriert in Stuttgart die Messe.
Foto: dpa

Der Priester kniet vor dem Altar und murmelt. Zu leise, um verstanden zu werden, liest er die Messe auf Latein, seiner Gemeinde kehrt er den Rücken zu, wie es der tridentinische Ritus vorsieht. Etwa 30 Menschen, meist ältere Frauen, lauschen versunken, bekreuzigen sich. Nach dem Amt folgt die Sakramentsandacht mit Rosenkranz. Lange werden im Wechsel Vaterunser und Ave Maria gebetet, dazwischen herrscht inmitten von Weihrauchschwaden minutenlang Stille.

Gebetsbücher rascheln. "Ich glaube, dass ich nur hier Gott wohlgefällig dienen kann", sagt eine Besucherin sanft und mit entrücktem Blick. Fünfmal die Woche, früh und spät, kommt sie mit ihrer Mutter zu diesen Gottesdiensten. "Ich freue mich jedesmal darauf."

Was die Schule sagt

Das St.-Theresien-Gymnasium der deutschen Piusbruderschaft in Schönenberg hat folgende Stellungnahme veröffentlicht, die auch für die übrigen vier Schulen der Gemeinschaft gilt:

"Im Rahmen der Ereignisse um Bischof Richard Williamson wird die Priesterbruderschaft St. Pius X. in den ungerechtfertigten Verdacht gestellt, dessen irrige Ansichten über den Holocaust zu teilen. Die Oberen der Priesterbruderschaft haben diesen Verdacht mehrfach entschieden zurückgewiesen.(...) Die an dieser Schule arbeitenden Lehrer sind sämtlich qualifizierte und examinierte Lehrkräfte und arbeiten nach den Richtlinien des Landes Nordrhein-Westfalen und in deren Sinn. Jeder von ihnen bekennt sich ganz ausdrücklich zu den Grundsätzen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland (...). Nationalsozialistisches, insbesondere den Holocaust leugnendes Gedankengut hat an einer katholischen Schule keinen Platz, also auch nicht am St.-Theresien-Gymnasium. Die kritische Auseinandersetzung mit dem kirchenfeindlichen und menschenverachtenden Nationalsozialismus und die Kenntnis über die Folgen der NS-Diktatur haben immer zum Unterricht gehört."


Foto: FR-Infografik

Für die meisten Frauen und Männer, die aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet nach Hattersheim in die St.-Athanasius-Kapelle reisen, ist die Alte Messe die einzig wahre Form des katholischen Gottesdienstes. Zelebriert wird sie von Patern der erzkonservativen katholischen Piusbruderschaft, die aus Kleinwallstadt kommen - dem nächstgelegenen Priorat, das dauerhaft mit drei Priestern besetzt ist. Für Hattersheim ist Pater Johannes Kampmann zuständig. Sein einziger Kommentar zur Holocaust-Leugnung des umstrittenen Bischofs Richard Williamson hängt am Seiteneingang der Kapelle: Die offizielle Stellungnahme seines Generaloberen. Weiter äußert er sich nicht. "Gehen Sie weg, der Pater sagt nichts." Die Tür der Sakristei schlägt zu.

Die Medien wollten "unsere Seelsorgaufgabe, unseren Kampf für den Glauben vor der Welt in Verruf bringen", schreibt Pater Kampmann im Gemeindebrief, der im Glaskasten auf dem Weg zur Kapelle hängt. Der unauffällige Bau mit 150 Plätzen, der 1982 mit großzügigen Spenden finanziert wurde, ist das Ergebnis einer Kirchenspaltung. Sie schlug einst tiefe Wunden in Hattersheim, riss Familien auseinander und zerstörte Freundschaften. Pfarrer Hans Milch, der damals in der wenige Meter entfernten katholischen Kirche St. Martinus predigte, wurde 1979 vom Limburger Bischof suspendiert, weil er die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnte. Etwa 400 Katholiken folgten dem Traditionalisten-Seelsorger bei seinem demonstrativen Auszug aus St. Martinus, die meisten kehrten nie zurück.

Gertrud Schwärzel gehörte dazu. "Ich habe diese Kirche nie wieder betreten", sagt sie wehmütig. Dass der Pfarrer im Angesicht der Gemeinde spricht, stört sie am meisten an der Reform der Liturgie. Der Mensch stehe damit zu sehr im Mittelpunkt, sagt sie. "Es wird zu viel geredet."

Antisemitisch sei die Pius-Bruderschaft nicht, glaubt die Rentnerin, die keinen Gottesdienst in deren Kapelle auslässt. "Sie haben sich distanziert." Für die ehemalige Sozialarbeiterin, die katholisch erzogen und fest verwurzelt in der Pfarrgemeinde war, zählt auch heute noch die Lehre ihres Pfarrers Milch. In den 80er Jahren soll er 2000 Menschen zu seinen Glaubenskundgebungen gelockt haben. "Er war ein begnadeter Redner", schwärmt Gertrud Schwärzel und holt Schriften aus dem Schrank, über dem Heiligenbilder hängen. Ein gleichberechtigter Weg mit anderen Glaubensgemeinschaften sei "antichristlich", verkündet Milch darin. Die katholische Kirche vertrete die "einzige konkurrenzlose Wahrheit".

1987 wurde der Prediger von einem psychisch Kranken erstochen, den er seelsorgerisch betreut hatte. Sein Gedankengut hält der mit den Piusbrüdern eng verbundene Verein Actio Spes Unica wach, der auch Träger der Kapelle ist. Neun Streiter für den wahren Glauben verbreiten die Predigten Milchs. Die Seelsorge der Piusbruderschaft wird - wie der Unterhalt der Kapelle - von Spenden bezahlt.

In Hattersheim hat man sich an die Abtrünnigen gewöhnt. Franz Lomberg, Katholischer Pfarrer in St. Martinus, attestiert ein "friedliches Nebeneinander". Manche, die sich als treue Katholiken verstehen, zahlen weiter Kirchensteuer. An die Öffentlichkeit trete die Gemeinde selten. Nur an Fronleichnam muss man sich aus dem Weg gehen. Dann zieht Pfarrer Lomberg mit seiner Prozession durch die Innenstadt, und der Pater der Piusbruderschaft wandert mit Gefolge um seine Kapelle herum.

Autor:  REGINE SEIPEL
Datum:  10 | 2 | 2009
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