Der Alarm geht am Samstag um 23 Uhr ein. Michael Weck von der Freiwilligen Feuerwehr Kelkheim-Mitte sitzt gerade vor dem Fernseher. Er greift zu Schuhen, Jacke und Schlüssel.
Einsatzort der unangekündigten Großübung ist der unbeschrankte Bahnübergang in Hornau. Ein Auto ist mit einem Zug kollidiert. Die Wucht des Aufpralls schleuderte den Wagen die Böschung hinab und gegen einen Baum. Ein ganzes Stück weiter entgleiste der Zug. Viele der Fahrgäste wurden verletzt, einige schwer.
Michael Weck weiß nichts von einer Kollision, als er mit seinen Kameraden in den Einsatzwagen klettert. Die Feuerwehr Kelkheim-Mitte, wegen ihrer speziellen Bergungsgeräte gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr Hornau alarmiert, kennt nur einen Teil der Geschichte: Verkehrsunfall mit eingeklemmten Personen. Dass der Wagen in der Böschung hängt, kann viele Gründe haben. Vielleicht war der Fahrer betrunken, vielleicht ist er zu schnell gefahren.
Das Feuerwehrauto, in dem Weck sitzt, erreicht als erstes den Einsatzort. Die Mannschaft springt heraus. Der Fahrer des Autos spielt einen Bewusstlosen, die Beifahrerin schreit und weint. Mitarbeiter des DRK, das ebenfalls vor Ort ist, versuchen sie zu beruhigen. Die Bergung beginnt.
Auf den Gleisen laufen plötzlich weitere Schauspieler auf die Helfer zu. Sie stammeln etwas von einem Zug, der anfängt zu brennen, und von Verletzten, die verzweifelt an die Scheiben klopfen, weil ihnen keine Flucht möglich ist. "Sie können doch hier nicht rumstehen", herrscht ein Paar Feuerwehr und DRK an. Völlig unvermutet versucht es Weck Richtung Zug zu zerren. Der 33-Jährige rammt die Beine in den Boden. Es gibt kurze tumultartige Szenen, bis die Helfer die Situation unter Kontrolle haben.
Weck gibt Frau und Mann in die Obhut des DRK. Zwei Feuerwehrmänner schickt er in die Dunkelheit. Sie sollen die Sache mit dem Zug prüfen. Der Rest arbeitet am Auto weiter. Weck wirkt ruhig und konzentriert. Dass er die Situation als "richtigen Stress" empfindet, ist ihm nicht anzumerken. Im Zug harren rund 40 Verletzte. Viele haben aufwendig geschminkte Wunden. Die Feuerwehren aus den anderen Kelkheimer Stadtteilen werden zur Unterstützung angefordert. Die Feuerwehr Hofheim wird um ihren Lichtwagen gebeten. Es wimmelt auf einmal von Feuerwehrleuten und Sanitätern. Gleich zwei Sanitätszüge sind angerückt - einer vom DRK Main-Taunus sowie einer vom ASB Eschborn und den Maltesern Fischbach. Insgesamt sind 350 ehrenamtliche Rettungskräfte auf den Beinen. Die Verwundeten werden zu einer zügig eingerichteten Sammelstelle gebracht und versorgt.
Die Vorbereitungen für die Großübung, bei der erstmals ein Zugunglück fingiert wurde, dauerten zwei Wochen. Mit dem Ergebnis ist man weitgehend zufrieden, sieht aber noch Schulungsbedarf und einige Defizite.
Vor allem der Abtransport von Verletzten in schwierigem Gelände sei problematisch gewesen, sagte der Sprecher der Feuerwehr Kelkheim-Mitte Stephan Armagni. Als schwierig wurde auch die Schnittstelle DRK und Feuerwehr betrachtet, da hier "unterschiedliche Führungsstrukturen herrschten", sagte DRK-Bereitschaftsleiter Moritz Menke. Hieran wolle man künftig vor allem arbeiten.

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