Über sexuellen Missbrauch und Gewalt im Vincenzhaus wird nicht nur in der Öffentlichkeit diskutiert. Auch in dem Kinderheim selbst ist der Skandal Thema. Die Übergriffe wurden nach Angaben der Leiterin des Vincenzhauses, Christine Leonhard-Içten, in allen Klassen der Heimschule und in allen Kindergruppen besprochen. Die Betreuer hätten nicht darauf gewartet, dass Kinder Fragen stellen, sondern hätten das Thema von sich aus angeschnitten. "Wir haben auch mit einzelnen Kindern gesprochen, die sich mit Fragen an die Erzieher gewandt haben. Viele haben das Thema aber schnell abgehakt - für sie war es nicht besonders interessant", so Leonhard-Içten.
Über das Thema werde "offen und sachlich" mit den Bewohnern des Vincenzhauses gesprochen. Die Kinder und Jugendlichen erführen, "an wen sie sich wenden können, wenn sie sich schlecht behandelt fühlen und wenn sie sich über jemand beschweren wollen". Ansprechpartner seien Erzieher, Lehrer und die Heimleitung. Außerdem gibt es in allen Gruppen "Kummerkästen", über die Kinder Probleme oder Missstände melden können, auch anonym.
Der Unternehmer Ralf H. hat Mitte März in der FR öffentlich gemacht, dass er in den 60er Jahren im Vincenzhaus sexuell missbraucht wurde. Er schilderte auch demütigende religiöse Rituale.
Zwölf Opfer, davon elf Männer, haben sich bisher bei der Caritas gemeldet. Zwei wurden in dem katholischen Heim sexuell missbraucht, die übrigen misshandelt. Drei Zeitzeugen berichteten dem Träger ausschließlich Positives.
Der Caritasverband Frankfurt hat die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und die Opfer um Verzeihung gebeten. (bhe)
"Die Situation in Kinderheimen der 50er und 60er Jahre ist nicht vergleichbar mit der heutigen Situation. So sind die Kindergruppen heute deutlich kleiner, und es gibt mehr Personal", so Leonhard-Içten. Doch gewalttätigen Übergriffen durch Betreuer waren Kinder nach Aussagen ehemaliger Heimkinder auch in den 80er Jahren noch ausgesetzt.
"Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit", räumt Christine Hartmann-Vogel ein, Sprecherin des Caritasverbands Frankfurt, der Träger des Vincenzhauses ist. Doch Prävention werde in dem Heim groß geschrieben, nicht erst, seit die Vorfälle aus vergangenen Jahrzehnten öffentlich wurden. Ein Vorsorge-Konzept, wie es der hessische Familienminister Jürgen Banzer (CDU) am Dienstag für alle Betreuungseinrichtungen gefordert hat, gebe es im Vincenzhaus bereits. Dazu gehört, dass jeder Mitarbeiter ein polizeiliches Führungszeugnis und einen lückenlosen Lebenslauf vorlegen muss.
Als Knackpunkt wird die richtige Balance zwischen professioneller Nähe und Distanz gesehen. "Die ist ein wiederkehrendes Thema im Heimalltag", so die Caritas. Im Vincenzhaus gelte: "Die Erzieher sind Fachkräfte mit beruflichem Auftrag, es gibt keine familienähnliche Struktur und Kommunikation." Um die nötige Distanz zu wahren, siezen die Kinder die Mitarbeiter. "Demütigungen und Bloßstellungen von Kindern sind strikt untersagt", lautet ein weiter Grundsatz. "Für die wichtigste präventive Maßnahme halte ich, dass Kinder zu selbstbewussten Menschen erzogen werden, die Grenzen setzten und Neinsagen können", sagt Leonhard-Içten: "Diese Pädagogik vertreten wir im Vincenzhaus."
Derzeit stehe für die Caritas die Aufarbeitung der bekannt gewordenen Fälle an erster Stelle, so Sprecherin Hartmann-Vogel. Doch im Zuge der Fehlersuche werde man auch an die derzeitigen Präventionsregeln "noch einmal kritisch herangehen". Denn Übergriffe zu verhindern, sei "ein ständiger Prozess".

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