Mit dem Finger fährt Lisa Henties über eine Zeile nach der anderen im Buch, während sie mit ihrer Stimme die Spannung steigert. In einem Raum der Gesamtschule Am Rosenberg in Hofheim lauschen ihr Kinder, Eltern und eine vierköpfige Jury.
Die Zwölfjährige liest aus dem Jugendbuch von Yrsa Sigurdardottir „Die IQ-Kids und die geklaute Intelligenz“ vor. Sie ist im Dezember Schulsiegerin im Vorlesewettbewerb des deutschen Buchhandels an der Eichendorff-Schule in Kelkheim geworden.
Nun geht der Wettbewerb in die nächste Runde: Im Regionalentscheid werden der beste Vorleser oder die beste Vorleserin des Main-Taunus-Kreises gekürt. 22 Sechstklässler, die Gewinner aus Schulen des ganzen Kreises, sind dazu angetreten.
Drei Minuten lang dürfen die Kinder eine selbst ausgesuchte Textstelle aus einem Buch vorlesen. Lisa stoppt genau nach drei Minuten, sie hat das Timing zu Hause oft geübt. Matthias Röser, Fachleiter für Deutsch und Leiter des Realschulzweigs der Schule Am Rosenberg geht zu ihr ans Pult und überreicht ihr das Überraschungsbuch. Es heißt „Wildnis“ und handelt von einer Reise nach Finnland und von Huskies.
Nun muss Lisa drei Minuten lang aus diesem, ihr unbekannten Buch vorlesen. Sie möchte genauso mit ihrer Stimme die Spannung heben, die Dramaturgie steigern; doch diesen Text konnte sie vorher nicht üben und holpert ein wenig. Mit Applaus und einem Dankeschön von Röser setzt sich Lisa anschließend wieder auf ihren Platz.
Ihre Mutter, Simone Henties, sitzt im Publikum und ist zufrieden: „Lisa hat sehr viel geübt und jedem ihre Textstelle vorgelesen“, sagt sie.
Die jungen Vorleser sind in zwei Gruppen aufgeteilt, in Gruppe A lesen Hauptschüler, in Gruppe B Real- und Gymnasialschüler. Die Jury bewertet Auswahl des Textes, Lesetechnik, Vorstellung, Betonung, Atmosphäre und Verständnis.
In der Jury sitzen Karin Burwitz, die Inhaberin der Hofheimer Buchhandlung Tolksdorf, Petra Weyand-Freydand von der Stadtbücherei Hofheim, Laura Volkmer, Lehrerin der Main-Taunus-Schule in Hofheim und der Vorjahressieger des Wettbewerbs, Jannis Rösler. Während die Mädchen und Jungen vorlesen, machen sich die vier eifrig Notizen.
Der Sieger des Regionalentscheids wird dann am Landesentscheid Hessen teilnehmen und kann sich dort vielleicht für die letzte Runde, den Bundesentscheid, qualifizieren. „Die Schüler sind ehrgeizig“, sagt Röser, „sie wollen hier ihre Leistung bringen.“
Den Wettbewerb gibt es seit 1959, er ist der größte bundesweite Lesewettstreit. Organisiert wird er vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Mehr als 700000 Kinder beteiligen sich in jedem Jahr. „Im Main-Taunus- Kreis machen alle Schulen mit“, sagt Röser. Das Ziel sei es, Bücher ins Bewusstsein der Menschen zu bringen und besonders den Schülern zu zeigen, dass Lesen Spaß macht, denn „Bücher gibt es für jeden Geschmack.“
Nachdem alle 22 Schulsieger vorgelesen haben, zieht sich die Jury zur Beratung zurück. Lisa und ihre Mutter fiebern dem Ergebnis entgegen. Die Zwölfjährige ist nicht ganz zufrieden: „Bei dem Überraschungstext bin ich gestolpert“, sagt sie.
Dann werden die Gewinner bekanntgegeben: In Gruppe A gewinnt Ronahi Asan von der Heiligenstockschule in Hofheim und in Gruppe B Silke Schnebel von der Graf-Stauffenberg-Schule in Flörsheim.
Lisa ist nicht enttäuscht: „Wenigstens muss ich jetzt nicht wieder eine Textstelle suchen und sie lange üben für den nächsten Wettbewerb“, sagt sie. Die Vorbereitung hätte sie schon viel Zeit gekostet. Sie ist eine faire Verliererin und findet, dass die Gewinnerinnen gut gelesen haben. Zu Hause liest sie immer abends vor dem Schlafengehen. „Ich liebe lesen“, sagt Lisa.

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