Dass im Wahlkampf mitunter unkonventionelle Mittel zum Einsatz kommen, ist bekannt. Doch es gibt Grenzen - sollte man zumindest meinen. Wie erst jetzt bekannt wurde, haben die jungen Liberalen ("Julis") am vergangenen Wochenende auf dem Sommerschein Festival in Hofheim Drogenzubehör an Jugendliche verteilt - darunter auch an Minderjährige.
Einer von ihnen ist Matthias. Der 15-Jährige ist wie Tausende andere junge Menschen zum Sportpark Heide gekommen, um die angesagtesten Nachwuchsbands zu hören. Zwei junge Frauen, die sich als Mitglieder der Julis ausgaben, sprachen ihn am Freitagabend an. "Sie fragten uns, ob wir uns mit Joints und Kondomen auskennen würden", berichtet Matthias. Anschließend bekam er ein Bündel sogenannter Tipps - kleine Papierchen, die man zum Drehen einer Cannabis-Zigarette benötigt. Die Tipps sind in den FDP-Farben blau und gelb, darauf ein grünes Hanfblatt. "Grün rauchen, gelb wählen", steht darunter. "Zum Abschied meinten sie, wir sollten an sie denken, wenn wir den nächsten Joint rauchen", erzählt Alex (16), der ebenfalls ein Bündel mit Tipps bekam.
Auch der 15-jährige Henrik wurde von den Julis angesprochen - seine Mutter ist schockiert: "Wir versuchen, den Jugendlichen klar zu machen, dass sie die Finger von Drogen lassen sollen", meint Christa Scherer. "Und dann vermitteln Politiker ihnen mit so einer Aktion plötzlich: Hey, ist doch gar nicht so schlimm." Anne Schliep hat die Wahlkampfaktion auf dem Sportpark Heide organisiert. Gemeinsam mit drei weiteren Juli-Aktivisten verteilte sie angeblich höchstens 50 Tipp-Heftchen unter den Konzertbesuchern.
Es sei abgemacht gewesen, das Material nur an Volljährige zu vergeben - alles andere sei ein Versehen. "Wir können uns ja nicht von jedem Jugendlichen den Personalausweis zeigen lassen", meint die Wiesbadenerin. Keinesfalls sollten die Jugendlichen dazu animiert werden, Drogen zu konsumieren. "Es bleibt ja jedem selbst überlassen, was er mit den Tipps macht."
FDP-Kreisvorsitzender Dirk Westedt zeigt sich derweil überrascht: "Die Aktion war mit uns nicht abgesprochen, ich wäre auch skeptisch gewesen." Unterstützung bekommt Anne Schliep hingegen vom hessischen Juli-Chef: "Hintergrund ist, dass wir Julis die Legalisierung sogenannter weicher Drogen fordern", sagt Lasse Becker. "Mit solchen bundesweiten Verteilaktionen wollen wir eine öffentliche Diskussion in Gang bringen. Das ist unserer Meinung nach völlig legitim."
Ist es aber nicht - findet auch Ralf Pretz, Leiter des Zentrums für Jugendberatung und Suchthilfe (ZJS) im MTK. "Mit manchen Dingen darf man keine Werbung machen", ereifert er sich - vor allem, weil es im genannten Fall nicht nur um Werbung für die Partei, sondern indirekt eben auch für das betreffende Produkt gehe: Drogen. "Jede Aktion, die dazu auffordert, Cannabis zu konsumieren, ist verwerflich." Die jüngsten Vorkommnisse solle man jedoch nicht dramatisieren: "Jugendliche, die kein Interesse an Drogen haben, geraten durch eine solche Aktion nicht in Gefahr."
Das gilt auch für Matthias - der ist allerdings befremdet: "Wenn ich schon wählen dürfte - die FDP würde meine Stimme vermutlich nicht kriegen."

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