Main-Taunus
Lokal-Nachrichten aus dem Taunus

10. Dezember 2012

Weißer Ring Main-Taunus: Das Trauma bekämpfen

Friedrich Kohlhauer hat Zeit für Gesprächspartner. Meist öffnen sich diese erst nach ein, zwei Stunden.  Foto: Martin Weis

Friedrich Kohlhauer vom Weißen Ring Main-Taunus begleitet und unterstützt seit zehn Jahren Menschen, die ausgeraubt, bedroht oder verletzt worden sind. Im FR-Interview erklärt der 75-Jährige, wie der den Opfern hilft.

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Friedrich Kohlhauer vom Weißen Ring Main-Taunus begleitet und unterstützt seit zehn Jahren Menschen, die ausgeraubt, bedroht oder verletzt worden sind. Im FR-Interview erklärt der 75-Jährige, wie der den Opfern hilft.

Friedrich Kohlhauer (75) leitet seit zehn Jahren die Außenstelle des Weißen Rings Main-Taunus in Eschborn. Der ehemalige Versicherungskaufmann steht Opfern von Straftaten bei. Im FR-Interview erklärt er, worauf es dabei ankommt.

Herr Kohlhauer, Sie haben ständig mit Kriminalitätsopfern zu tun. Verliert man da nicht sein Vertrauen in die Welt?

Bei unserer Arbeit muss der Tenor lauten: Mitfühlen, aber nicht mitleiden. Ich halte das so. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man jemandem helfen kann. Das bestärkt mich eher.

Welche Straftaten sind denn am häufigsten im Main-Taunus?

Einbrüche, Diebstähle, Körperverletzungen und Überfälle sind am häufigsten. Trickdiebstähle nehmen gerade zu. Mord, Totschlag und sexuelle Delikte kommen nur selten vor. Der Main-Taunus ist ein sehr behüteter Kreis. Es gibt kaum schwere Fälle. Wir haben keine Bandenkriminalität, Mafiosi, Rauschgifthandel oder organisiertes Verbrechen.

Sind denn die Menschen hier besonders brav?

Meine These ist: Das hat damit zu tun, dass wir nicht so viel anonymes Wohnen wie in Hochhäusern haben. Hier kümmern sich die Nachbarn um einander. Das hält viele Gelegenheitsdiebe ab. Einbrecher suchen immer den geringsten Widerstand.

Der Weiße Ring ist ein gemeinnütziger Verein und wurde 1976 in Mainz gegründet. Bundesweit hat er circa 55000 Mitglieder.

In ganz Deutschland unterhält er 420 Anlaufstellen für Kriminalitätsopfer mit rund 3000 ehrenamtlichen Helfern.

Finanzquellen sind Mitgliedsbeiträge, Spenden, Erbschaften, Benefizveranstaltungen und von Gerichten verhängte Geldbußen.

Im Main-Taunus gibt es vier ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie haben dieses Jahr 49 Opfer von Straftaten besucht und 70 telefonisch beraten.

Kontakt: Friedrich Kohlhauer, Telefon 06196/967370, Opfer-Telefon 116006, www.weisser-ring.de

Gibt es das typische Opfer?

Der Schwache, der Ängstliche, Personen die sich auf der Straße ständig nervös umdrehen. Der Enkeltrick trifft vor allem ältere Menschen.

Wie geht es den Opfern nach solchen Erlebnissen?

Ich betreue seit längerem eine alte Dame, die bei einem Trickdiebstahl 3300 Euro verloren hat. Sie ist geschockt und braucht therapeutische Hilfe, um die ich mich jetzt kümmern werde. Das kann der Weiße Ring nicht leisten. Wir zeigen den Menschen nur die Wege auf. Viele Opfer von Betrug haben ihr Vertrauen verloren.

Wie genau hilft der Weiße Ring?

40 Prozent unserer Fälle kommen von der Polizei. Alle anderen finden uns über das Telefonbuch oder das Internet. Wir garantieren, dass wir innerhalb eines Tages einen Gesprächstermin ausmachen. Dann treffen wir uns in der Wohnung des Opfers oder einem Café, reden darüber, was passiert ist und verweisen auf andere Organisationen, die helfen können. Wir arbeiten mit dem Verein Frauen helfen Frauen, der Opferhilfe und Anwälten zusammen. Zu uns kommen überwiegend Menschen, die materiell nicht so gut dastehen.

Können Sie die auch finanziell unterstützen?

Wenn jemand einen materiellen Schaden hat, kann ich ihm 250 Euro auf die Hand geben. Wir vergeben auch Beratungsschecks für Anwälte über 150 Euro. Bei einem Mordfall gewähren wir Hinterbliebenen auch bei Bedarf einen Urlaubszuschuss von 520 Euro. Bei einem Dauerschaden des Opfers helfen wir ihm den dreiseitigen Antrag auf Opferentschädigungsgeld auszufüllen.

Wie lange begleitet der Weiße Ring die Opfer?

Gerade am Anfang ist es wichtig, Zeit mitzubringen und die Leute reden zu lassen. Meist öffnen sie sich erst nach ein bis zwei Stunden. Es gibt Fälle, bei denen reicht ein Besuch. Manche dauern auch länger. Mit einer Frau, deren Kinder ermordet wurden, und die selbst auch einen Drohbrief erhalten hat, führen wir seit 2004 einen Schriftwechsel. Meistens haben wir aber nach zwei bis drei Besuchen die Opfer auf den richtigen Weg gebracht.

Das Interview führte Jennifer Hein

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