Benjamin Peschkes Kettenhemd wiegt gut und gerne 20 Kilogramm. Den ganzen Tag lang kann der 35-Jährige damit nicht übers Burgfest laufen. Das selbst gefertigte Stahlhemd hängt mitsamt wattiertem Mantel auf einer Schneiderpuppe im Zelt, das die Ritter von Eppstein im Baumgarten aufgebaut haben. Sehr zur Freude der Kinder, die zahlreich herbeiströmen. Sie dürfen das frühmittelalterliche Hemd ebenso anprobieren wie Brustharnisch, Ritterhandschuhe und Helm, die im Burgunderstil gefertigt und den Ritterrüstungen des Spätmittelalters nachempfunden sind.
„Was wir hier machen, ist mehr als nur Verkleiden“, sagt Benjamin Peschke selbstbewusst. Die Gruppe der Ritter von Eppstein – ein Dutzend Mittelalterfans aus der Region – arbeitet wissenschaftlich. Ob Rüstung, Mönchskutte oder Gewand eines Edelmanns – alles wird historisch getreu nachgeschneidert. Als Quellen dienen Fachbücher, auch in Internetforen tauschen sich die Mittelalterfans aus. „Von der Stange kann man da so gut wie gar nichts kaufen, das ist höchstens kitschig“, sagt Benjamin Peschke.
Seinen Brustharnisch im Burgunderstil hat er sich von einem Schmied in Tschechien nach Maß fertigen lassen. Das Kettenhemd aus Stahl hat er selbst hergestellt. Benjamin Peschke arbeitet als Bauingenieur auf der US-Airbase in Wiesbaden und hat auch schon mal seinen Colonel in eine mittelalterliche Ritterrüstung gesteckt. „Die Amerikaner sind begeistert von dem, was wir hier machen“, sagt er. Auch gestern beim Burgfest waren einige seiner Arbeitskollegen zu Besuch.
Das Mittelalterfieber hat Benjamin Peschke schon früh bepackt. 15 Jahre war er alt, als er zum ersten Mal mittelalterlich gewandet unterwegs war. Mittlerweile treibt es ihn nicht mehr auf die vielerorts abgehaltenen Mittelaltermärkte. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern stellt er lieber Szenen nach – erst jüngst war die Truppe bei einem Abend zum Aussterben der Herren von Eppstein zu Gast und zeigte, wie die Ritter einst lebten und kämpften. Das geschah mit so viel Begeisterung, dass Benjamin Peschkes Schwert dabei tatsächlich zu Bruch ging. Ein Fachmann wird es reparieren.
Mühsamer Alltag
Als Gottfried II., Graf von Eppstein, der im 13. Jahrhundert auf der Burg lebte, war an diesem Abend auch Joachim Buchenau dabei. Wahlweise ist der 40-Jährige auch Ritter Wigand de Ascenburne, verdingt sich als schlichter Kriegsknecht unter dem Banner der Eppsteiner, oder ist der Harfner in den Reihen der Gemeinschaft. Das Natürliche, Ursprüngliche des mittelalterlichen Lebens fasziniere ihn besonders, sagt Joachim Buchenau, von Beruf Chemikant im Industriepark Höchst. „Im Wald Holz holen und auf einer Feuerstelle kochen. Back to the Basics eben.“ Mitunter, räumt der Eppsteiner ein, brauche es schon viel Hingabe und Leidensfähigkeit, um den nachgestellten mittelalterlichen Alltag zu bewältigen. Bei Regen und Schnee könne es unter Kutte und Kettenhemd schnell eiskalt werden. „Aber es macht verdammt viel Spaß.“
Wer die Eppsteiner Ritter in Aktion erleben möchte, der sollte sich den 12. September vormerken. Am Tag des offenen Denkmals wird die Truppe unter dem Titel „Die Herrschaft auf Reisen“ Einblicke ins Mittelalterleben geben und unter anderem einen Überfall auf Burg Eppstein in Abwesenheit des Burgherrn inszenieren. Von 10 bis 17 Uhr laufen die Aktionen.

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