In der Regel ist es ein ziemlich zähes Geschäft, Fußballern in den engen Interviewzonen der Bundesligastadien halbwegs interessante Aussagen zu entlocken. Leere Worthülsen gehört zum Standartrepertoire eines gut ausgebildeten Profis wie der Spannstoß, nur selten gibt es doch jemanden, der wirklich etwas zu erzählen hat. So wie Mohamed Zidan nach dem 1:1 (0:1) von Mainz 05 beim FC Schalke 04.
Die Sätze sprudelten nur so heraus aus dem Stürmer, der wahrlich eine Menge erlebt hat in den vergangenen Tagen.
Zidan verbreitet gute Laune
In der Nacht vor dem Spiel habe er sich „drei- bis viermal übergeben“, erzählte Zidan, um drei Uhr morgens musste er sich vom Mainzer Mannschaftsarzt behandeln lassen.
Erst am späten Vormittag ging es ihm besser. Trotzdem hat der 30-Jährige ein sehr gutes Spiel gemacht und zur frühen Führung für Mainz getroffen (15.). „Ich bin sehr glücklich, ich bin wieder zu Hause“, sagte der Angreifer, der Jürgen Klopp vor dreieinhalb Jahren zu Borussia Dortmund gefolgt war, dort aber nie richtig zur Geltung kam.
Die Mainzer haben ihren Liebling dankbar aufgenommen, „er kommt rein in die Kabine und verbreitet gute Laune“, berichtete Eugen Polanski.
Für den Mainzer Präsidenten Harald Strutz ist Zidan sogar eine Art Familienmitglied. Auf einer gemeinsamen Reise mit seiner Gattin nach Ägypten „hat Mos Vater uns betreut, und dann hat er zu meiner Frau gesagt: Du bist jetzt seine deutsche Mutter“, erzählte Strutz. „Seither sagt der Mo immer: meine Mama“, das sei doch „eine tolle Ausgangsposition“ für eine gemeinsame Zukunft.
Gedanken an Port Said
Das war eine rührende Anekdote, die die Boulevardreporter dankbar aufsogen. Und wie es sich gehört für eine so eine Geschichte aus dem wahren Leben, fehlte auch das Element der Tragik nicht. Seinen Torjubel hat Zidan den Toten des Gewaltexzesses im Stadion von Port Said gewidmet. „Die werden immer bei uns bleiben, ich wünsche ihnen einen schönen Frieden da wo sie sind“, sagte er.
Christian Heidel schickt an Mohamed Zidan eine SMS. Der Kontakt ist nie abgerissen, seit der Ägypter 2007 trotz seiner 13 Tore in 15 Spielen den Mainzer Abstieg nicht verhindern konnte. Zidan, zufällig ebenfalls in Dubai im Urlaub, schreibt zurück und teilt mit, als Ersatzspieler bei Borussia Dortmund unzufrieden zu sein. Heidel wird hellhörig und informiert Trainer Thomas Tuchel.
Heidel nimmt Kontakt mit Zidans Berater auf und regt ein Treffen des Spielers mit Tuchel an, der Zidan noch nicht persönlich kennt. Der Berater informiert Zidan, der sich sofort ins Auto setzt.
Heidel und Tuchel treffen Zidan in Wiesbaden. Tuchel ist begeistert. Genau diesen „extrovertierten und lebensfrohen Typen“ mit dem „Schuss Extra-Qualität, knappe Spiele zu entscheiden“ hatte er für seine Mannschaft gesucht. Das Gespräch dauert bis 23.30 Uhr, dann fährt Zidan zurück nach Dortmund und hat nur vier Stunden Schlaf, denn schon am nächsten Morgen um acht Uhr hebt der Flieger ins spanische Trainingslager ab.
Mainz 05 fliegt ins Trainingslager nach Mallorca. Dort trifft Heidel Zidans Berater und einigt sich auf die Eckpunkte eines möglichen Wechsels. Heidel informiert sich beim Dortmunder Kollegen Michael Zorc über die Rahmenbedingungen. Die Ablöse von knapp 500 000 Euro ist finanzierbar. Zorc lässt aber klar durchblicken, dass Zidan nur wechseln kann, wenn Lucas Barrios in Dortmund bleibt und nicht zum interessierten FC Fulham wechselt.
Heidel trifft in Düsseldorf nochmals Zidans Berater, um Details zu besprechen: Vertrag bis Saisonende, von Mainz einseitig am Saisonende (im Abstiegsfall) kündbar, sonst Verlängerung bis 2014. Aber Fulham buhlt weiter hartnäckig um Barrios, davon hängt alles ab.
Zorc teilt Heidel mit, die Chancen stünden gut, dass Zidan nach dem Vormittagstraining um 13 Uhr Richtung Mainz aufbrechen könnte, um seinen Vertrag zu unterschreiben. Fulham bewegt sich bei Barrios nicht ausreichend.
Zorc schickt Heidel eine SMS, dass der FC Fulham sein Angebot für Barrios erhöht habe.
Fulham akzeptiert die von Dortmund geforderte Ablöse von rund zehn Millionen Euro für Barrios. Zorc informiert umgehend Heidel, der den Zidan-Transfer abschreibt. Zidan steht in Dortmund im Büro von Zorc und ist untröstlich.
Fulham und Barrios einigen sich in der Eile nicht auf einen Vertrag. Zorc teilt Heidel mit, dass Zidan die Freigabe erhält.
Der BVB faxt den von Heidel schon um 15 Uhr unterschriebenen Transfervertrag mit den nötigen Unterschriften direkt weiter an die DFL.
Heidel schickt den Arbeitsvertrag mit Zidan an die DFL und informiert seinen Pressesprecher, dass die vorbereitete Mitteilung online gestellt werden kann.
Heidel und Zidan essen in Mainz zu Abend. Zidan sagt, es sei der „anstrengendste Tag meiner Fußballkarriere“ gewesen. Heidel sagt, er habe „so was in 20 Jahren noch nie erlebt“. Fulham sei offenbar „an jedem Spieler, der irgendwie die Hütte trifft, drangewesen“. Gut, dass es mit Barrios nicht geklappt hat.
Mainz 05 präsentiert Zidan der Presse. Der Spieler sagt: „Ich weiß, dass ich mit großen Armen aufgenommen werde. Ich bin nicht mehr der Mo, der ich früher war. Ich bin ruhiger geworden, ich bin jetzt auch Vater.“ Heidel sagt: „Der halbe Mittlere Osten war an ihm dran, aber er wollte nur zu uns.“
Port Said ist die Heimatstadt des ägyptischen Nationalspielers, „ich bin dort in diesem Verein aufgewachsen und habe oft in dem Stadion gespielt, meine Familie wohnt nicht weit weg, ich bin seit zwei Tagen mit meinen Gedanken nur dort“, sagte er.
Sogar einen Versuch, auf Schalke mit Trauerflor zu spielen, unternahm Zidan, aber das ließ sich in der Kürze der Zeit nicht organisieren. Nun will er sich darum bemühen, dass am kommenden Wochenende alle Bundesligamannschaften mit schwarzen Armbinden spielen.
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