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Lehmann-Ausraster gegen Mainz: Der Mensch, der keine Ruhe findet

Der VfB Stuttgart hätte ein turbulentes Bundesligaspiel in Mainz gewonnen, wenn der bis zur 80. Minute tadellose Jens Lehmann sich zurückgenommen hätte. Stattdessen ließ er sich auf ein Scharmützel mit Aristide Bance ein. Von Jan Christian Müller

Es ist mir peinlich: Jens Lehmann.
"Es ist mir peinlich": Jens Lehmann.
Foto: ddp

Am Ende, als das Ganze dann zu einer würdelosen Hetzjagd um das Mainzer Stadion herum ausartete, konnte einem der Fußball-Torwart Jens Lehmann fast leid tun. Verfolgt von einem halben Dutzend Kamerateams, versuchte der 40-Jährige mit tief ins Gesicht gezogene Kapuze am Sonntagabend in der Dunkelheit verzweifelt, ein Taxi zu rufen. Nur weg hier.

Wie ein aufgescheuchtes Wild irrte der 40-Jährige am Sicherheitszaun entlang, als ihn ein Stuttgarter Fan stellte und dem Ex-Nationaltorwart entgegenwarf: "Kannst Du Dich nicht einmal vernünftig benehmen?" Lehmann griff sich nach übereinstimmenden Zeugenaussagen die Brille des Mannes, gab sie ihm aber kurz darauf zurück. Dann stieg er in den Stuttgarter Mannschaftsbus. Er hatte kein Taxi gefunden. Vor allem aber findet dieser Mensch offenbar keine Ruhe.

Jens Lehmann und  Aristide Bance.
Jens Lehmann und Aristide Bance.
Foto: Getty

Der VfB Stuttgart hätte ein turbulentes Bundesligaspiel in Mainz, das in die Bundesligaannalen eingehen wird, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch ein frühes Tor von Pavel Progrebniak 1:0 gewonnen, wenn der bis zur 80. Minute tadellose Jens Lehmann sich zurückgenommen hätte. Stattdessen ließ er sich auf ein völlig unnötiges Scharmützel mit dem aggressiv zur Sache gehenden Mainzer Aristide Bance ein.

Bance traf Lehmann überflüssigerweise am Knie, als dieser auf Zeit zu spielen versuchte. Lehmann ließ sich zwei Minuten lang unter den gellenden Pfiffen des Mainzer Publikums behandeln. Es sah aus wie eine Provokation. Die Mainzer, schon fast am Boden, witterten nun wieder Morgenluft.

Mainz - Stuttgart 1:1

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Fünf Minuten danach überschlugen sich die Ereignisse mit den selben Protagonisten im Stuttgarter Strafraum. Lehmann, der gerade einen Ball abgefangen hatte, trat Bance völlig unnötig und heftig auf den Fuß. Der Mainzer hüpfte theatralisch zu Boden und hielt sich das Gesicht. Der gute Schiesdrichter Wolfgang Stark, der Deutschland als Bester seines Fachs im kommenden Jahr bei der WM in Südafrika vertreten wird, zeigte dem entgeisterten Lehmann die Rote Karte und entschied regelgerecht auf Strafstoß. Den verwandelte Eugen Polanski unhaltbar für den eingewechselten Stuttgarter Torwart Sven Ulreich zum 1:1-Endstand. Lehmann hatte seiner Mannschaft zwei Punkte gekostet.

Entsprechend groß war der Ärger bei den Stuttgarter Verantwortlichen, die nur mühevoll die Contenance zu wahren vermochten. "Das, was heute passiert ist, darf nicht passieren", sagte Sportdirektor Horst Heldt, "darüber ärgern wir uns alle." Da Lehmann aber kein aktueller Wiederholungstäter sei, rechnet Heldt lediglich mit einer kurzen Sperre und damit, dass der Torwart seinen Vertrag bis zum 30. Juni 2010 erfüllt. "Vielleicht verlängere ich sogar mit ihm, nee, nicht schreiben, war nur ein Spässle."

Der Spaß ist den Stuttgartern mit einem ihrer bestbezahlten Angestellten indes nicht erst seit Sonntag vergangen. Erst recht, nachdem Lehmann am Wochenende via Bild-Zeitung mitteilte, er werde die Geldstrafe von 40.000 Euro, die ihm der Klub Ende vergangener Woche wegen seiner heftigen Vorstandskritik aufbrummen will, "nicht bezahlen". Heldt entgegnete am Sonntag spürbar angefressen, es sei Lehmanns "gutes Recht, dass er das nicht akzeptiert" Die Dinge, so der Sportchef, nähmen dann eben ihren Gang. Will heißen: Die Rechtsanwälte von Klub und Torwart werden Schriftwechsel austauschen. Ein unhaltbarer Zustand.

Trainer Christian Gross, der den denkbar aufregendsten Bundesligaeinstand erlebte, will nun zeitnah "intensiv mit Jens Lehmann sprechen". Er kenne den Sportler Lehmann recht gut, sagte der Schweizer, "aber ich kenne den Menschen noch zu wenig." Mehrfach wiederholte Gross, der Erfolg der Mannschaft stehe "über allem". Man darf das getrost als dringende Warnung an die Adresse des Torwarts interpretieren.

Aber Gross weiß angesichts unerfahrener Leute in der zweiten Reihe auch um die Bedeutung eines erfahrenen Keepers im Abstiegskampf. Er hat Lehmann noch nicht vollends aufgegeben: "Ich habe ihn in den ersten Gesprächen als differenzierten Menschen kennen gelernt und gehe davon aus, dass er einen wunderschönen Abschluss seiner Karriere haben will." Dafür wird Jens Lehmann sein Verhalten im letzten halben Jahr seiner Karriere tiefgreifend verändern müssen. Es gibt nicht viele, die ihm das zutrauen.

Der Mainzer Präsident Harald Strutz etwa hat erhebliche Zweifel. Strutz bedankte sich artig für die Unterstützung aus dem Hause Lehmann, befand aber auch: "Für mich war dieser Auftritt peinlich und unanständig. Das hat mit Sport nichts zu tun. Da geht es nur um ihn selbst." Lehmann nutze die Bühne Bundesliga, "um Hass gegen sich zu schüren und sich dann darin zu aalen". Diesmal war er genau einen Schritt zu weit gegangen.

Autor:  Jan Christian Müller
Datum:  13 | 12 | 2009
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