In Mainz platzen sie derzeit alle miteinander fast vor Stolz. Samstag 1:0 in Unterzahl gegen einen armseligen 1. FC Köln, Dienstag pünktlich zum 105. Geburtstag Grundsteinlegung des neuen Stadions am Europakreisel. Danach, teilt der Verein voller Vorfreude mit, "findet ein feierlicher Sektempfang statt". Die Sektlaune kommt nicht von ungefähr. Wie eine tosende Brandung rauschte Mainz 05 beim sehr, sehr verdienten 1:0 (0:0) über Kölner Nichtschwimmer hinweg und befindet sich nunmehr recht stabil in Gefilden, in die der Klub eigentlich nie und nimmer hin gehört.
Aber dieser junge, kraftvolle, pfiffige und intelligente Trainer Thomas Tuchel hat es geschafft, aus einer individuell für Bundesligaverhältrnisse unterdurchschnittlich besetzten Mannschaft ein Kraftpaket zu basteln, das sich ständig im Grenzbereich bewegt - und mitsamt dem Chefcoach selbst auch regelmäßig darüber hinaus.
Wie schon vor zwei Wochen beim 1:2 gegen Werder Bremen gab es auch diesmal eine frühe Rote Karte (aus gutem Grund in der 25. Minute gegen den nach hinten ausschlagenden Aristide Bancé), aber diesmal machten es die Mainzer danach besser: Tuchel stellte taktisch sehr geschickt um, statt der nun fehlenden einzigen Spitze Bancé attackierten plötzlich zwei Mainzer in vorderster Front, und dann wechselte der Trainer auch noch den Sieg ein: Zur Halbzeit brachte er den 19-jährigen André Schürrle, bald darauf noch Chadli Amri: "Beide", argumentierte Tuchel, "haben die Tempohärte und die Ausdauer und können zu zweit auch für drei laufen."
Und sie können Tore produzieren: Nach Amris perfekter Vorarbeit verwertete Schürrle, ein Irrwisch, der die Technik, das Tempo und das Herz zum kommenden A-Nationalspieler haben dürfte, zum entscheidenden Tor.
Bei allem berechtigten Lob - der Grat, auf dem Tuchel und sein Team sich bewegen, ist schmal. Nach der aus objektiver Sicht unzweifelhaften Schiedsrichterentscheidung schafften es die ständig nörgelnen Spieler und ihr unaufhörlich lamentierender Trainer , den noch recht unerfahrenen Unparteiischen Marco Fritz bei dessen erst sechstem Bundesligaeinsatz derart zu verunsichern, dass der 32-Jährige seine Linie verlor.
Immerhin war der kurz vor Schluss auf die Tribüne verbannte Tuchel so selbstkritisch zuzugeben, er habe am Spielfeldrand "zu theatralisch" agiert, "das war nicht gerade vorbildlich, aber ich bin ja auch noch ein junger Trainer". Man darf den 36-Jährigen künftig getrost an dieser Selbstkritik messen, wiewohl Tuchel zurecht darauf hinwies, mit seiner Emotionalität am Spielfeldrand auch hilfreich für die eigene Mannschaft zu sein: "Ich hatte das Gefühl, dass sie mich nahe bei sich braucht." Ein schmaler Grat, wie gesagt.
Tuchels Kritik, der vierte Offizielle hätte dafür sorgen müssen, dass Bancé nicht des Feldes verwiesen wird, geht indes in die falsche Richtung. Souveräner wäre gewesen, zuerst den Täter für seine völlig überflüssige Unbeherrschtheit gegen den an ihm herumzerrenden Kölner Geromel an die Kandarre zu nehmen.
Letztlich konnten die Mainzer sogar froh sein, dass Fritz in der 75. Minute nicht auf Strafstoß entschied. Der den Magen-Darm-kranken Heinz Müller ansonsten gut stellvertretende Christian Wetklo checkte den schwachen Kölner Milivoje Novakovic regelwidrig, als dieser den Ball just über ihn hinweggelupft hatte. Ein Unentschieden wäre freilich an diesem Nachmittag für die lust- und konzeptlosen Kölner des Guten zu viel gewesen. Viel zu viel.
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