Haben die Reben die knackigen Februarfröste nahe der 20-Grad-Marke überlebt?“ Mit dieser bangen Frage wenden sich derzeit viele Winzer an die Weinbauexperten des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR). Umfassende Antworten gibt es dort derzeit nicht. In vielen frostgefährdeten Anlagen und vor allem in Jungfeldern könnte die extreme Kälte zugeschlagen haben. „Wir sehen das noch relativ beruhigt“, sagt zwar DLR-Weinbaugruppenleiter Heinrich Schlamp (DLR Oppenheim), doch es könne neben Schäden an den „Augen“, den Fruchtknoten der Reben, auch zu Schäden in den Holzleitbahnen gekommen sein. Insbesondere dort, wo die Stöcke nach den Mai-Frösten 2011 sehr spät austrieben und hohe Ernteerträge eingefahren wurden. Was tun? Abwarten ist die Devise.
Die Weinbauberater im DLR Bad Kreuznach haben in etlichen frostgefährdeten Lagen mit sogenannten Augenschnitten stichprobenartig untersucht, wie viele der Fruchtknoten geschädigt sein könnten. Ein erster Überblick gibt leichte Entwarnung: „Wir sind wohl mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Berater Oswald Walg. In Rieslingflächen an Hängen wurden keine Schäden angetroffen, bei empfindlichen Sorten wie Huxel, Portugieser, Müller-Thurgau oder Bacchus mit schlecht ausgereiftem Holz gab es etliche geschädigte Augen, doch mit schwerwiegenden Ertragsausfällen rechnet man noch nicht. Fraglich ist auch, wie die früher hier nicht angebauten Sorten Cabernet oder Merlot die Fröste wegstecken.
Doch die Wetterlage war extrem. Weinbauberater Edgar Müller (Bad Kreuznach) verweist darauf, dass es im milden Januar teils schon erste „Zuckungen des Frühlings“ bei Gartenpflanzen gegeben hat. Das Zellgewebe könnte schon begonnen haben, Zucker in Stärke umzuwandeln. Das liefe auf eine Minderung der Frostfestigkeit hinaus. Außerdem: Die offiziellen Messstationen des DLR, die im Meddersheim (Kreis Bad Kreuznach) 18,2 Grad, in Appenheim 17,9 und in Sprendlingen 17,7 Grad registrierten, können in etlichen Fällen noch deutlich unterboten worden sein. Müller: „Wir messen mit Stundenmittelwerten auf zwei Metern Höhe. Kurzzeitig kann es deutlich kälter gewesen sein. Auf Biegdrahthöhe könne es ein Grad kälter und unmittelbar überm Schnee bis zu vier Grad kälter sein.“
Müller und Walg raten Winzern, mit Augenschnitten zu prüfen, wie es in den Anlagen aussieht. Dazu wird mit einer scharfen Klinge das Fruchtauge durchtrennt. „Im Idealfall sehen Sie unter den Knospenschuppen einen größeren grünen Vegetationskegel in der Mitte und zwei kleinere Vegetationskegel seitlich. Das wären die Triebanlage des Hauptauges und der Nebenaugen“, erklärt Müller. Bei Teilschädigungen könne es sein, dass Nebenaugen noch grün und Hauptaugen abgestorben sind und umgekehrt. Wenn nur die Nebenaugen austreiben, sind diese oft weniger fruchtbar.
Die Berater erhoffen sich von Winzern, die diese Augenprüfung in gefährdeten Lagen selbst durchführen, bald einen flächendeckenden Überblick. Erste Reaktionen reichten von „keine Probleme, alles bestens“ bis hin zu wahren Hiobsbotschaften. Müller: „Wir haben mitunter Zweifel, ob die Schnitte richtig durchgeführt wurden. Auch schlagartiges Auftauen kann ein falsches Bild ergeben.“
„Viele der jungen Winzer kennen diese Art von Frostschäden gar nicht“, sagt Oswald Walg und verweist darauf, dass die letzten starken Winterfrostschäden schon 25 Jahre zurückliegen.
Muss sich jetzt an der Bewirtschaftungsweise wieder etwas ändern, nachdem es drei Jahre in Folge starke Fröste gab? Eher nicht, meinen die Berater, denn dank besserem Austrieb und Blüte, höherer Fruchtbarkeit und einer Mengenbeschränkung beim Anbau dürften einzelne Frostjahre wirtschaftlich kompensierbar sein.
Für etliche besorgte Winzer, die den Rebschnitt noch nicht abgeschlossen haben, besteht allerdings noch die Möglichkeit, in diesem Jahr deutlich mehr „anzuschneiden“ als sie es normalerweise tun würden.
„Unsere Technikerschüler aus dem Saale-Unstrut-Gebiet und aus Sachsen kennen das gar nicht anders. Dort hat man es ständig mit starken Frösten zu tun. Deshalb lässt man eine zweite oder gar dritte Frostrute stehen, die später, wenn der Austrieb dann doch ohne große Schäden erfolgt, einfach abgeschnitten wird“, erläutert Walg die Vorgehensweise.

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