Vom 23. Platz der Wahlliste ins Rathaus einzuziehen, wo die eigene Partei nur 18 Sitze hat, ist für Politprofis schwierig und für eine 18-jährige Novizin eigentlich unmöglich. Doch Prableen Kaur dürfte es gelingen, genügend Vorzugsstimmen zu sammeln, um auf der Liste nach oben zu rutschen; das norwegische Wahlrecht sieht diese Möglichkeit vor. So könnte die Gymnasiastin aus Oslo nach den Kommunalwahlen am Montag ihre Zeit wohl zwischen Schule und Bürgerversammlung der Hauptstadt teilen müssen.
Kein anderer sozialdemokratischer Kandidat hat bei Facebook so viele Anhänger wie die Tochter eines aus Indien eingewanderten Taxifahrers. Niemand wurde im Wahlkampf so oft angesprochen wie das Mädchen mit dem Turban, mit dem sie ihre Zugehörigkeit zur Sikh-Gemeinde demonstriert. Sie wäre eine der ersten Vertreterinnen der „Generation des 22. Juli“, die nach den Attentaten auf das Osloer Regierungsviertel und das Jugendlager auf der Insel Utøya in ein politisches Amt gewählt wird.
Am Wahltag wird es sieben Wochen und drei Tage her sein, seit sich Prableens Leben für immer verändert hat. Sie war eine der Teilnehmerinnen des Jungsozialisten-Lagers auf Utøya, eine von denen, die der Massenmörder Anders Breivik vernichten wollte und die um ihr Leben lief und schwamm. Millionen in aller Welt haben gelesen, was sie anschließend aufschrieb: „Ich dachte, jetzt ist es vorbei. Er erschießt mich. Ich werde sterben…“
„Niemals“, sagte sie später, habe sie nach dem Massaker daran gedacht, ihr politisches Engagement aufzugeben. Schon zuvor war sie in Parteikreisen bekannt: Ihr Appell auf einem Kongress, als sie – vergeblich – eine Resolution für ein Verbot religiöser Kopfbedeckungen im öffentlichen Dienst bekämpfte, beeindruckte auch Andersdenkende. Sie gab selbst ein Beispiel, dass man „nicht den Kopf verliert, weil man ein Kopftuch trägt“, wie sie es formulierte. „Wir sind alle Norweger“, sagt sie. „Jeder auf seine Art.“
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