Wie ein kleines Kind hat Patrick Makau das Spielzeugauto in seinen Händen gehalten. Immer wieder wendete der Kenianer das kleine Gefährt und stellte es irgendwann grinsend mit geöffneter Motorhaube auf dem Pressepodium ab. Dass es sich dabei um ein Miniaturmodell jenes Fahrzeugs handelte, dass ihm in Frankfurt über die 42,195 Kilometer die Zeit zum neuen Weltrekord weisen soll, hat er vermutlich nicht gewusst. Nur dies: „In meiner Heimat fahren die hohen Tiere mit so etwas durch die Gegend.“ Das Gelächter im Auditorium des Athletenhotels war ihm damit gewiss.
Mehr als 16.000 Läuferinnen und Läufer sorgten beim Frankfurt Marathon 2012 für einen neuen Teilnehmerrekord. Nicht ganz so erstklassig war das Wetter: Bei nur fünf Grad Celsius und einem frischen Ostwind brauchten viele Athleten Zeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen.
Foto: dapdDer Farmersohn führt als laufendes Idol in Ngong, einer 21.000-Einwohner-Städtchen in fast 2000 Metern Höhe unweit der Hauptstadt Nairobi, auch kein schlechtes Leben.
Der 27-Jährige hat die typische Karriere hinter sich: Aufgewachsen in bettelarmen Verhältnissen, begeisterte er sich irgendwann wie so viele Landsleute für den einstigen Marathon-Weltrekordhalter Paul Tergat. „Ich wollte auch so werden wie er.“
Was geglückt ist: Der dreifache Familienvater trägt als Weltrekordhalter in der von einer nur für Insider durchschaubaren Lauf-Armada afrikanischer Hochleistungssportler ein Gesicht mit Wiedererkennungswert, weshalb der Sportliche Leiter Christoph Kopp allergrößte Anstrengungen unternahm, ihn zum erstmaligen Start mit 16.000 Mitläufern in Frankfurt zu bewegen.
„Wir wollen keine One-Man-Show“, sagt Renndirektor Jo Schindler zwar, aber genau so etwas wird unweigerlich auf den Ost-West-Achsen des Mainufers inszeniert.
Makau ist in dem Elitefeld auserkoren, seine eigene Bestzeit aus Berlin 2011 (2:03:38 Stunden) zu unterbieten; Landsmann Albert Matebor (31 Jahre/ Bestzeit 2:05:25) sowie eine flotte Troika Äthiopier namens Yemane Tsegay (27/ 2:04:48), Bazu Worku (22/ 2:05:25) und Deressa Chimsa (29/ 2:05:42) sollen ihm auf dem Asphalt Beine machen. „Der Sieg steht an erster Stelle, dann kommt der Weltrekord“, erklärte Makau. Und ergänzte mit spitzbübischem Grinsen: „Wenn die Bedingungen okay sind, dann ist alles möglich.“
Rekordreife 650.000 Euro vom Drei-Millionen-Etat schüttet Schindler insgesamt an die Spitzenläufer und deren Manager aus – unsicher bleibt in diesem lukrativen Metier, wie sauber solch eine Tempohatz abläuft. Der auf eine Halbmarathonzeit von 61:40 Minuten gepolte und von vier Tempomachern beschützte Makau müsste jeden Kilometer umgerechnet in unfassbaren 2:55 Minuten abspulen, um neben dem sechsstelligen Antrittsgeld auch die Extraprämie von 100.000 Euro einzusacken. Nicht erst seit den ARD-Recherchen zum systematischen Doping in der kenianischen Langstreckenszene läuft allerorten ein gewaltiges Unbehagen mit.
Zane Branson, der für die Agentur Posso Sports arbeitende Makau-Manager, gibt über diese Thematik meist unverbindlich Auskunft („Patrick schreibt mir wegen jedem Grippemittel eine SMS“). Viel lieber redet der in Belgrad beheimate US-Amerikaner über die guten Taten seines ausdauernden Mandanten, der gerade dabei sei, eine Hilfseinrichtung für Kinder und gegen den Hunger aufzubauen. So etwas verkauft sich natürlich prächtig. Branson und Makau sind sich einig, dass es in der Bankenstadt nur dann eine Bestzeit geben kann, „wenn vorne die Gruppe funktioniert.“ Dafür dürfen sich Kenianer und Äthiopier aber „kein Bein stellen“ (Kopp).
Was für eine Marathon-Premiere: Riesentalent Lisa Hahner aus Fulda schloss ihren ersten Marathon nach starken 2:31:28 Stunden als beste Deutsche auf Rang acht ab. „Es hat perfekt geklappt. Ich liebe den Marathon“, sagte die 22-Jährige.
Foto: dpaFür den ältesten deutschen Stadtmarathon markiert der Hype um die Rekordjagd einen Meilenstein, denn noch vor Jahren hatten Köln oder Hamburg mehr Teilnehmer und mehr Aufmerksamkeit. Frankfurt hat im Vorjahr durch Wilson Kipsang, der bei seinem Zielfinish in die Festhalle nur um vier Sekunden eine neue Fabelzeit verpasste, „im Bewusstsein der Marathon-Welt einen großen Schritt nach vorne gemacht“, wie Schindler ausführte.
Ein Marathon dient nämlich längst auch als Marketinginstrument im modernen Städtekampf, und still und leise hat sich Frankfurt hinter Berlin als zweitgrößtes Event etabliert. Eines soll indes besser laufen als vor vier Wochen beim Rennen in der Hauptstadt, wo das Führungsfahrzeug dem späteren Sieger Geoffrey Mutai (2:04:15) eine falsche Zeit anzeigte. Der in Berlin beheimatete Kopp verspricht: „Wir benutzen eine andere Technik, unserem Auto können die Topläufer vertrauen.“ Patrick Makau tat es bereits. (mit dpa)
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