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Doping der Freizeitsportler: Pillen für den Körperkult

Mischa Kläber, Sportwissenschaftler der TU Universität Darmstadt, meint, dass weit mehr als eine Million Menschen in Fitnessstudios oder Sportvereinen ihren Körper mit Pillen, Pülverchen und Spritzen aufmotzen.

Doping im Freizeitsport ist keine Seltenheit. Nicht nur Pillen, sondern auch ganz normales Voltaren wird gern geshcmiert.
Doping im Freizeitsport ist keine Seltenheit. Nicht nur Pillen, sondern auch "ganz normales" Voltaren wird gern geshcmiert.
Foto: ddp

Doping ist nicht nur im Leistungssport ein Thema, auch immer mehr Freizeitsportler greifen zu Medikamenten, um ihre Fitness zu steigern oder um besser auszusehen. Mischa Kläber, Sportwissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt, geht davon aus, dass weit mehr als eine Million Männer und Frauen in Fitnessstudios oder Sportvereinen ihrem Körper mit Pillen, Pülverchen und Spritzen auf die Sprünge helfen. "Das fängt meist harmlos an", sagt der 32-jährige Mitarbeiter des Instituts für Sportwissenschaften. Meist mit Energie-Drinks, Eiweiß-Riegeln, Nahrungsergänzungspräparaten oder Kreatin-Kuren für die Muskelkraft. "Der Schritt hin zu Hormonen, Stimulanzien und anderen illegalen Dopingmitteln ist dann nicht mehr weit."

Interviews mit Sportlern

Kläber war selbst zehn Jahre Trainer in einem Sportstudio, befasst sich seit Jahren mit der Thematik. Für seine Doktorarbeit hat er nun eine Studie erstellt und rund 80 Interviews mit Sportlern und Studios in Darmstadt und Frankfurt geführt. Darunter mit bundesweiten Sporteinrichtungen, Bodybuilding- und Gesundheitseinrichtungen. "Die Situation im Breiten- und Freizeitsport hat sich stark zugespitzt", sagt der Experte, der seine Arbeit auch dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages vorgestellt hat.

Kläber hat die Szene aufgeschreckt. Vor allem die Zahl von weit mehr als einer Million Betroffenen hat Reaktionen ausgelöst. Der Wissenschaftler spricht von einer Schätzung und beruft sich auf Studien, die schon 1998 davon ausgingen, dass 16 Prozent der sechs Millionen Fitness-Studiokunden Medikamente nehmen. Heute liegt die Zahl der Studiomitglieder bei rund sieben Millionen. Kläber rechnet konservativ mit jedem siebten Mitglied, das seinen Körper mit legalen und illegalen Mitteln stählt. "Aber aufgrund der Verschwiegenheit der Szene gehe ich sogar von einer weit höheren Zahl aus."

Ähnliche Erhebungen gibt es unterdessen auch für die Laufbewegung: Danach gehen 48 Prozent aller Marathon- und Triathleten mit starken Schmerzmitteln an den Start und ins Training.

Für den 32-Jährigen ist die Zahl jedoch nicht der eigentliche Knackpunkt. Er betont, dass der Großteil der Freitzeitsportler "sauber" trainiere. Er will jedoch das "heikle Thema" Doping im Freizeitsport in die Öffentlichkeit bringen. Medikamentenmissbrauch beschränke sich eben nicht nur auf Leistungssportler. "Die Gesellschaft an sich wird immer medikamentenfreundlicher", sagt er und sieht dieses Phänomen nicht nur im Sport.

Kläber geht es um das Akzeptanzverhalten in der Gesellschaft, um das Verstehen der Szene, das Nachvollziehen der Doping-Netze, das System selbst. Er betont den "qualitativen Ansatz" seiner Arbeit. Seine Studie zeigt, dass Studios und Vereine oft regelrechte Verschiebebahnhöfe sind für Medikamente. Selbst in so genannten Gesundheitsstudios sei das nicht anders, haben seine Interviews mit Betroffenen ergeben.

Doping sei keine isolierte Entscheidung. Es gebe teils gut organisierte Netzwerke in den Studios, die Neulinge einweisen und ihnen auch Medikamente verschafften. Immer häufiger seien auch Ärzte und Apotheker darin verstrickt. Über das Internet könne man sich die Mittel sogar gekühlt nach Hause senden lassen. "Das ist ein Milliardengeschäft", sagt Kläber.

Sind es bei Männern Muskelkraftsteigernde Präparate, greifen Frauen eher zu Fett reduzierenden Mitteln. Kläber hat viele Betroffene gesprochen, die offen über ihre Medikamenteneinnahme sprechen. "Sie sehen darin keine Sucht, sondern meinen, alles unter Kontrolle zu haben und das Doping durch gesunde Ernährung und viel Bewegung zu kompensieren." Gesundheitliche Nebenwirkungen bis hin zu möglichen Krebserkrankungen durch Anabolika blenden die Meisten aus.

Kläbers Studie soll demnächst in Buchform erscheinen. Mit dem Bildungsstand der Betroffenen, betont er, hat Doping übrigens nichts zu tun. "Darunter finden Sie auch Ärzte und Studierte."

Autor:  Astrid Ludwig
Datum:  12 | 1 | 2010
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