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Halbmarathon in Frankfurt: Der Uhr entgegen

Mehr als 3700 Profi- und Hobbyläufer gehen beim Halbmarathon in Frankfurt an den Start. Dabei spielt die gelaufene Zeit für die Mehrheit nicht die entscheidende Rolle. Von Stefan Behr

Gedrängel am Start. 3770 haben sich angemeldet - so viele wie nie zuvor (14.03.2010).
Gedrängel am Start. 3770 haben sich angemeldet - so viele wie nie zuvor (14.03.2010).
Foto: Andreas Arnold

Es ist ja oft vom Kampf gegen die Uhr die Rede. Wenn’s ums Laufen geht. Aber nicht beim Frankfurter Halbmarathon. Denn die Uhr ist der beste Freund des Halbmarathonläufers. Und gegen beste Freunde kämpft man nicht.

Es sind vielleicht noch 150 Meter, die die Läufer am Ende, nach 21 Kilometern, im Stadion zurücklegen. 150 Meter, in denen sie auf nichts zulaufen als auf ein großes "Ziel"-Transparent und eine riesige Uhr, die direkt darüber erbarmungslos und riesengroß die Zeit anzeigt. Eigentlich müssten die Läufer verschmelzen mit der Uhr, sich zentaurenhaft, halb Mensch, halb Zeit, über die Ziellinie bewegen. Aber in neun von zehn Fällen gilt der erste Blick der eigenen Armbanduhr.

Halbmarathon

Für den von Spiridon Frankfurt ausgetragenen Halbmarathon, der den Namen des Hauptsponsors Lufthansa trägt, gab es in diesem Jahr mit 3770 Vorgemeldeten so viele Athleten wie nie zuvor.

Start und Ziel waren wieder wie zuletzt vor fünf Jahren am Waldstadion, die Strecke führt jetzt aber nicht mehr ausschließlich durch den Wald, sondern auch durch weite Teile der Stadt, inklusive Museumsufer.

Schnellste über 21 Kilometer waren bei den Männern Edwin Kibowen Cheserek mit 01:08:52, bei den Frauen Simret Restle mit 01:15:33 Stunden. (skb)

Dabei spielt die Zeit bei dem Lauf für die Mehrheit gar nicht die entscheidende Rolle. Die wahren Helden dieses Laufs kann man bestens beobachten, wenn man sich gut 100 Minuten nach dem Start um 10 Uhr bei Kilometer 13 aufstellt, dort, wo sich die Mörfelder Landstraße ihren Weg durch den Stadtwald bricht, Lacks Snack-Treff dem Zuschauer einen unbezahlbaren logistischen Vorteil bietet und ein paar Superreichen-Villen auch noch architektonische Kurzweil bieten.

Wer nach 100 Minuten hier ist, muss sich auch nicht mehr hetzen. Rein sportlich ist die Messe längst gesungen, die Profis und die ernsten Hageren, die man am verkniffenen, an den Thrombosestrümpfen, dem Trinkflaschen bestückten Patronengurt und dem kahlen Kopf (warum eigentlich?) erkennt, sind längst im Stadion und berauschen sich an isotonischen Durstlöschern. Auf der Mörfelder Landstraße hingegen herrscht eine Atmosphäre , wie man sie auf Karnevalsumzügen finden kann.

Papa abklatschen

Viele unterhalten sich. Etliche, das kann man aus den Gesprächsfetzen hören, übers Büro. Die Profi-Zecher von Lacks Snack-Treff winken huldvoll mit ihren Export-Flaschen in Richtung Laienläufer, ein paar winken tatsächlich zurück. Ein etwa fünfjähriger Knabe steht am Wegesrand und klatscht stolz seinen vorbeilaufenden Papa ab. Vielleicht ist aber auch der nächste Läufer sein Papa, denn der wird auch abgeklatscht. Und der nächste, und der nächste. Entweder ist der Junge ein Kind vieler Väter oder ein echter Sportsfreund. Eins ist mal klar: mit der rechten Hand hält der heute keinen Löffel mehr in der Hand.

Im Stadionrund nähert sich die Uhr derweil bedenklich der psychologisch wichtigen Zwei-Stundenmarke. Die Profisportler und ernsten Kahlköpfe verstauen schon ihre Sporttaschen in Volvo-Kombis, rufen sich in nüchternem Stakkato ein paar Eckdaten zu: "1:33, nicht gut drauf heute."

Auf der Zielgeraden aber zeigen die Gesichter mit zunehmender Dauer immer mehr Emotionen: Glück, Spaß, aber auch Schmerz und Qual. Manche fallen mit letzter Kraft durchs Ziel, andere machen ein Mords-Brimborium. "Die sind alle nur wegen dir hier", versichert der Stadionsprecher der unter extremen Kapriolen einlaufenden Nummer 4264, während das Publikum pfeift und johlt. Ein Judoka erreicht das Ziel kurz hinter ihm in voller Kampfmontur. Die Nummer 4316 schnappt sich in der Zielgeraden ihr Kind, beide laufen gemeinsam ein. Sie alle bleiben unter der Zwei-Stunden-Marke, dass zeigen ihnen die große Uhr am Ziel und die kleine am Handgelenk.

Jetzt springt die große Uhr endlich auf die dritte Stunde. Für einen kurzen Moment blicken alle im Stadion sie an. Bis auf die Nummer 1032, die in diesem Moment gerade unter ihr durchläuft. Die blickt auf ihre Armbanduhr.

Autor:  Stefan Behr
Datum:  14 | 3 | 2010
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