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Ironman-EM: Morgens ist die Welt noch in Ordnung

Eisenmänner: Der Familienvater Thomas Tzschentke will unbedingt einen Slot für Hawaii. Und der Lokführer für den Spiridon-Express kennt die Radrunde mittlerweile wie kein Zweiter. Von Frank Hellmann

Bereit für den Ironman: Thomas Tzschentke.
Bereit für den Ironman: Thomas Tzschentke.
Foto: Christoph Boeckheler

Es ist noch nicht einmal halb sieben Uhr morgens. Die Vögel zwitschern, um diese Zeit liegt eigentlich ganz Frankfurt samstags noch im Tiefschlaf. Die Sonne wirft ihre erste Strahlen auf die getünchte Fassade des stadtbekannten Eroscenters "Sudfass". Ein Auto mit polnischem Kennzeichen fährt auf der Flößerbrücke über den Main, biegt rechts in die Oskar-von-Miller-Straße in Richtung käufliche Liebe ab.

Die zwei Insassen wirken irritiert, als sie Männer in hautenger Radfahrerkluft erblicken, die sich an einem Bauzaun versammeln − vielleicht hat das Duo im klapprigen Wagen leicht bekleidete Damen erwartet. Die Radfahrer am Flussufer sind mit sich selbst beschäftigt. "Freunde, wir sind ein bisschen spät dran", ruft Thomas Tzschentke und blickt streng auf seine Uhr.

Radfahren
Der Ironman

Zweite Disziplin beim Ironman. Länge: 180 Kilometer. In Frankfurt führt die Strecke vom Langener Waldsee in Richtung Stadt, wo ein zweimal zu fahrender Kurs von 84 Kilometern durch Main-Kinzig-Kreis und Wetterau beginnt. Drei nennenswerte Steigungen: Bergen-Enkheim, Hühnerberg (Wachenbuchen) und Heilsberg (Bad Vilbel). Die Radstrecke gilt als schnell, aber windanfällig.

Bester Radfahrer im Vorjahr war der spätere Sieger Chris McCormack, der nach 4:26:16 Stunden vom Rad stieg, was einem Mittel von 40,6 km/h entspricht. Die Japanerin Kumi Murakami ließ sich hingegen 8:17 Stunden lang Zeit.

Die meisten Triathleten sitzen mehr als die Hälfte der Zeit eines Ironmans auf dem Rad. Weil nur die Beinmuskulatur strapaziert wird, ist der Energiebedarf geringer als beim Schwimmen oder Laufen. Pro Stunde werden zwischen 350 und 500 Kilokalorien verbraucht.

Name: Thomas Tzschentke (43 Jahre)

Wohnort: Frankfurt Bergen-Enkheim

Beruf: Vertriebsingenieur

Größter sportlicher Erfolg: Finisher Frankfurt Ironman 2006 (10:31 Stunden) und 2007 (9:44), Frankfurt Marathon 2007 in 2:55 Stunden

Trainingsaufwand: bis zu 27 Stunden pro Woche

Ziel beim Ironman Frankfurt: Ca. 9:30 Stunden und Qualifikation in der ALtersklasse M 40 für Hawaii

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Mit jeder Minute, die jetzt verloren geht, nimmt der Verkehr auf der Hanauer Landstraße zu, der großen Ausfallstraße gen Osten. Die Radler wollen pünktlich um 6.24 Uhr starten - so stand es mit mahnendem Unterton auch in der Mail, die an das Dutzend möglicher Mitfahrer gegangen war. Die Männerrunde hat es eilig, dem Hort weiblicher Verlockung den Rücken zu kehren - warum aber trifft man sich gerade dort? "Kennt jeder und liegt ideal auf der Strecke", erklärt Tzschentke.

Dann strampelt der 43-Jährige los - der Spiridon-Express nimmt seine Fahrt auf. Die radelnde Interessensgemeinschaft bringt die Ironman-Runde durch Mainz-Kinzig-Kreis und Wetterau in höchstem Tempo und mit möglichst wenig Haltepunkten hinter sich; zuletzt in immer neuen Bestzeiten. Der Schnitt für mehr als 150 Kilometer steht neuerdings bei 34,9 Stundenkilometern, obwohl die wellige Strecke - anders als im Wettkampf - natürlich nicht abgesperrt ist und an den roten Ampeln (meistens) artig gehalten wird.

Das Trainingskonzept ist einfach, aber effektiv

"Unser Training zahlt sich aus? Geil, oder?", hatte Tzschentke in die Rundmail geschrieben. Was auch heißt: Wer nicht bestens trainiert ist, hängt und hechelt gnadenlos hinterher. "Ich kannte keine gute Radrunde − also trainierte ich auf der Wettkampfstrecke" Mitfahrer wie Lutz Richter, Volker Frank, Frank Poggendorff oder Sven Pommerenke haben genug Kilometer in den Beinen. Für sie ist Tzschentke Organisator und Tempomacher in Personalunion.

Der Lokführer des Spiridon-Express’ hatte den rastlosen Konvoi vor mehr als zwei Jahren eher aus der Not auf die Straße gestellt. "Ich war Neuling und kannte keine gute Radrunde. Also trainierte ich einfach auf der Wettkampfstrecke." Und weil irgendwann das hohe Tempo so reizte, suchte er in der Triathlon-Abteilung des Frankfurter Laufklubs Spiridon Gleichgesinnte.

Zuvor hatte der Bergen-Enkheimer schon einen Freund mit ähnlich strammen Waden schätzen gelernt: Andreas Klause. "Unser Trainingskonzept ist einfach, aber effektiv: Wenn wir zusammenfahren, dann immer Vollgas. Mittlerweile kennen wir auf der Runde jeden Winkel, jede Welle." Nur zwei Pausen werden gemacht - pinkeln, Bananen und Müsliriegel kauen, flachsen. Unterwegs gilt: Männer müssen nicht so viel reden. Gestrampelt wird vor allem an den Wochenenden.

Der angehende Eisenmann Tzschentke absolvierte zuletzt ein knallhartes Programm: so genannte Koppeleinheiten; samstags 175 Kilometer Radfahren und 32 Laufen, sonntags noch mal 200 (Rad) und 14 Kilometer (Laufen). Überlebt und überstanden. "Mich kann jetzt nichts mehr schocken." Den Ironman geht Tzschentke mit Akribie und mindestens so großem Ehrgeiz wie mancher Profi an. Er und Klause haben schon zwei- beziehungsweise viermal das Ziel am Römer erreicht, doch es fehlten bislang wenige Minuten zur Glücksseligkeit: die Qualifikation für Hawaii.

Nicht viel mehr als 9:30 Stunden, nur anderthalb mehr als beim Sieger, darf diesmal die Tortur dauern, sonst reicht’s nicht für die WM auf Big Island. "Da wollen wir hin", sagt Modellathlet Tzschentke, dessen 78 durchtrainierte Kilo sich auf 1,84 Metern verteilen. Tassen, Kappen und T-Shirts mit dem Logo des Szenetreffs Lava Java im Mekka Kailua-Kona wurden beschafft. "Damit wir unser Ziel nie aus den Augen verlieren." 25 Startplätze ("slots") werden in ihrer Altersklasse vergeben - für Tzschentke ist es so etwas wie der letzte Versuch.

Springsteen zum Aufwärmen

Mit der Familie sei alles abgesprochen: "Dieses Jahr lassen mich meine Frau Simone und meine Töchter Josefine, Johanna und Elisabeth noch gehen." Nächstes Jahr nicht mehr. "Um sich richtig vorzubereiten, muss man Single oder arbeitslos sein", sagt Boris Hartig, Ironman in spe, "am besten aber beides." Da ist es schon eine Meisterleistung, wie der in einem IT-Unternehmen beschäftigte Tzschentke Beruf, Familie und Sport in Einklang bringt.

Dass sich in den vergangenen Monaten die Prioritäten verschoben haben, verhehlt er nicht. Und doch will er die Erlebnisse nicht missen. "Es gibt kaum was Schöneres, als in der Gruppe bei Sonnenaufgang über die Landstraße zu fliegen. Und die Ausfahrt um zwölf Uhr hinter sich zu haben." Danach sei er zuletzt noch fit genug gewesen, den Rasen zu mähen und die Wäsche zu waschen. Da klingt Stolz durch.

Wenn übernächsten Sonntag im Langener Waldsee die Ironman-EM startet, darf Tzschentke mit 300 ähnlich ambitionierten Alterklasse-Athleten direkt nach den Profis um 6.45 Uhr ran. Eine Viertelstunde vor der Masse. "Das hilft mir sehr." So wie die Teilnahme des acht Jahre jüngeren Bruders Stefan. Höhepunkt des Aufwärmprogramms wird der Besuch des Springsteen-Konzerts am Freitag im Frankfurter Stadion sein. "Dort", sagt Thomas Tzschentke, "hole ich mir den letzten Kick, um Hawaii zu packen."

Autor:  Frank Hellmann
Datum:  24 | 6 | 2009
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