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14. Oktober 2012

Ironman Hawaii: Nur Jacobs ist schneller als Raelert

 Von Julian Berndt und Jörg Winterfeldt
„So muss es sein, du schaffst es körperlich und mental, dich zur Ziellinie zu quälen und danach fällt alles zusammen“: Andreas Raelert.Foto: dpa

Beim Ironman auf Hawaii, wo die Naturwissenschaften ad absurdum geführt werden, zählen deutsche Athleten zu den Hauptdarstellern. Andreas Raelert schrammt am erhofften Triumph vorbei.

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Beim Ironman auf Hawaii, wo die Naturwissenschaften ad absurdum geführt werden, zählen deutsche Athleten zu den Hauptdarstellern. Andreas Raelert schrammt am erhofften Triumph vorbei.

Kona –  

Nachts, wenn die Normalität in die Kleinstadt auf Hawaii allmählich zurückkehrt, bleibt ein Gefühl wie nach einer Zirkusvorstellung. Als hätten Artisten gerade reihenweise Kunststücke vorgeführt, die bis dahin unmöglich zu sein schienen. Der Reihe nach wurden vorher die Regeln der Naturwissenschaften ad absurdum geführt: Die Biologie staunte, wie streikende Muskeln mit Willenskraft in Gang gehalten wurden, die Chemie rätselte über den unmöglichen Stoffwechsel von Ausdauerathleten und die Physik ließ sich reihenweise von zahllosen Siegen über die Schwerkraft verblüffen.

Der halbe Erdball trennt Deutschland von Kailua-Kona auf Big Island, selbst von Kaliforniens Westküste sind es noch knapp fünf Flugstunden. Aber ein Mal im Jahr verschaffen die besten Langstreckentriathleten der Welt dem abgelegenen Ort sein wichtigstes Sportereignis: nämlich die Ironman-Weltmeisterschaften.

Zwar wird nach 3,8 Kilometern Schwimmen im Pazifik und 180 Kilometern Radrennen sowie einem abschließenden Marathon von 42,195 Kilometern durch die vulkanische Landschaft bei Frauen und Männern der härteste Athlet mit einem traditionellen polynesischen Blumenkranz geehrt, doch gilt die Teilnahme – fast beispiellos im Sport – im Triathlon schon dann als Erfolg, wenn der Athlet es schafft, die Ziellinie zu überqueren.

Vier Deutsche unter den ersten Sechs

Frenetisch bejubeln Einheimische und die angereisten 20.000 Fans aus aller Welt jeden Ankömmling, selbst das Meer nebenan scheint Applaus zu spenden, wenn die Wellen mit Getöse gegen die Steinmauern krachen. „Man muss bereit sein, in den Krieg zu ziehen, wenn man zu einem Ironman fährt“, hat die zierliche Amerikanerin Mary Beth Ellis am Samstag in Kona gesagt, nachdem sie Fünfte geworden war.

Das war nicht so martialisch gemeint, wie es klingt. Der größte Feind steckt bei über acht Stunden Wettkampf in jedem Triathleten: Ein großer Wille vermag einen Körper weiter voranzutreiben, wenn die Muskeln Mattheit signalisieren und der Kopf überlegt, der Müdigkeit klein beizugeben.

Der Samstag hat bewiesen, dass Deutschland ganz erstaunliche Qualitäten darin an den Tag legt, härteste Frauen und Männer hervorzubringen. Ob das tatsächlich nur am Willen liegt oder aber unter Zuhilfenahme aller modernen Erkenntnisse von Biologie, Chemie und Physik so gewesen ist, sei einmal dahingestellt.

Gemeine Götter

Hinter dem australischen Sieger Pete Jacobs bewältigte jedenfalls der Rostocker Andreas Raelert die Distanz als Zweiter, Sebastian Kienle aus Knittlingen als Vierter, der Münchener Faris Al-Sultan als Fünfter und Timo Bracht aus Frankfurt als Sechster. Bei den Frauen landete die Regensburgerin Sonja Tajsich beim Triumph der Engländerin Leanda Cave vor der Schweizerin Caroline Steffen auf dem vierten Rang. „Das liegt daran“, behauptet Raelert, „dass Triathlon in Deutschland sehr populär ist, auch weil Deutsche auf Hawaii schon große Erfolge gefeiert haben.“

Der Tag der vielen kleinen Dramen hatte mit einer Feierlichkeit begonnen, die erst vom folgenden Spektakel vom Ruch des Kitsches entbunden wurde. Als die Sonne hinter den Bergen allmählich hoch genug stieg, um mit ihren Strahlen einen golden schimmernden Streifen über den Ozean zu ziehen, kam die amerikanische Nationalhymne zum Vortrag. Danach knallte ein tiefer Donner durch die Romantik, als kehre Käpt’n James Cook nach 230 Jahren mit seinen Kanonen zurück, um sich für seinen Tod auf der Insel zu rächen. Tatsächlich löste das Startsignal gut acht Stunden Tortur aus: Erst kraulten die Männer und fünf Minuten später die Frauen durch das klare Wasser, so dass die vielen bunten Fische um ihr Leben bangen mussten.

Vom Wind, der später heftig auf der Radstrecke wehte, war da noch ebenso wenig zu spüren wie von der Hitze, die am Mittag 36 Grad Celsius erreichte. „Die Götter waren heute gemein“, sagte die Siegerin Leanda Cave, „ein Glück, dass ich das mag.“

Kienle im Pech

Der spätere Zweite Raelert war um drei Uhr aufgestanden, nachdem er „die Nacht überhaupt nicht geschlafen hatte vor Nervosität und Aufregung“. Beim Schwimmen, eigentlich eine seiner Stärken, verlor er fast vier Minuten auf den Sieger Jacobs. Auch auf dem Rad kam er nicht richtig in Schwung. Da schien der Hawaii-Neuling Kienle zu überraschen bei der Tour über die Schnellstraße nach Norden, die erst durch triste Lava in eine üppige Vegetation mit kräftigem Grün am Wendepunkt in Hawi führt.

An der vom Ziel entferntesten Stelle gab der Belgier Marino Vanhoenacker Kienle das Zeichen, einen gemeinsamen Ausbruchsversuch zu wagen. Das ist ein kompliziertes Unterfangen, weil Windschattenfahren absolut verboten ist, so dass gleich die beiden topplatzierten Frauen Zeitstrafen von jeweils vier Minuten kassierten. Ohne Konsens kann das auch im wüsten Streit enden: Der Freiburger Andreas Böcherer etwa, drehte sich zwischenzeitlich mal nach hinten um und beschimpfte den seiner Meinung nach unlauter von seiner Windverdrängung profitierenden Verfolger unflätig.

Irres Gefühl

Vanhoenacker und Kienle ließen das Feld fix hinter sich, bis die Götter oder auch nur das Schicksal sie schließlich heimsuchten: Nach weiteren 15 Kilometern hatte Kienle einen Platten, büßte gut acht Minuten ein, „weil ich zu doof war, den Reifen zu wechseln“, wie er sagte. Vanhoenacker ging selbst die Luft aus, er stieg zwölf Kilometer vor Kona aus dem Rennen aus.

Während Jacobs die Führung übernahm, brachte Raelert sich mit der besten Laufzeit ins Rennen zurück. Dass er es von Position zehn noch auf zwei schaffte, wie schon 2010, erstaunte nur ihn selbst nicht. Der Rostocker bringt jene Ironman-Inbrunst mit, die das Publikum fasziniert (wenn es bereit ist, jegliche biochemischen Fragen hinten anzustellen). Als er hinter Jacobs, der zwei Kilometer lang im sicheren Vorsprung die Fans am Rand mit High Five abgeklatscht hatte, durch die Massen vor dem Laden von Maui Diver Jewellery und dem Whalers General Store auf den Zielbogen zulief, drückte ihm einer eine Deutschlandflagge in die Hand.

Auf der Ziellinie glitt Raelert ermattet zu Boden, als wolle er nicht ein Fall für die Siegerehrung, sondern für den Notarzt werden. „So muss es sein, du schaffst es körperlich und mental, dich zur Ziellinie zu quälen, und danach fällt alles zusammen“, sagte Raelert eine Stunde später am Pool. „Das Sichtfeld fällt zusammen, du hast ein Kribbeln, überall, im Mund und in den Fingern. Das ist ein irres Gefühl eigentlich.“

Nicht bei allen arbeitet der Körper gehorsam mit: Die Australierin Mirinda Carfrae, die beste Läuferin im Feld, war etwa zehn Kilometer vor dem Ziel drauf und dran, Siegerin Cave zu überholen: „Mein Kopf hat gesagt, geh jetzt vorbei, aber mein Körper hat keine Reaktion mehr gezeigt.“

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