Wer die Neckarbrücke in Eberbach nur benutzt, um von der L590 auf die B37 zu kommen oder umgekehrt und nicht wirklich nach rechts und links schaut, macht einen großen Fehler. Nur wenige Überquerungen bieten im Neckartal zwischen Heidelberg und Heilbronn ein so einmaliges Panorama. Marienhöhe, Ohrsbergturm, Itter- und Boxberg erheben sich vom Fuße der Burgenstraße. Ein sattgrüner Blickfang.
Timo Bracht läuft immer und immer wieder über die Brücke des 15.000-Einwohner-Ortes, ohne nach rechts und links zu schauen. Muss er ja auch nicht. Keiner ist in der Region wohl mehr Strecken oder Wege abgelaufen wie der hier beheimatete Triathlet, der gerade eine scheinbar krude Einheit absolviert. Nördlich bei der Uferstraße den Anstieg zur Brücke hoch, über den Betonstreifen neben der Fahrspur rüber, um das Ruderhaus rum und dann in einer Schleife am Neckarradweg wieder rauf.
Dritte Disziplin beim Ironman über die Marathon-Distanz von 42,195 Kilometer. In Frankfurt führt die Strecke über vier Runden an beiden Seiten des Mains entlang auf einer Runde liegen sieben Verpflegungsstellen.
Bester Läufer war im Vorjahr Timo Bracht in 2:42:32 Stunden - eine Fabelzeit beim Ironman. Hobby-Triathleten gehen am Ende weite Teile der Strecken, benötigen fünf, sechs Stunden.
Den höchsten Energieumsatz benötigt das Laufen, weil viele Muskelgruppen beansprucht werden, das Körpergewicht getragen wird. Pro Stunde werden 700 bis 1000 Kalorien verbraucht.
Name: Timo Bracht (33 Jahre)
Wohnort: Eberbach
Beruf: Triathlon-Profi (seit 2004)
Größter sportlicher Erfolg: Beim Frankfurt Ironman Erster (2007), Zweiter (2006) und Dritter (2008)
Trainingsaufwand: 30 - 35 Stunden pro Woche
Ziel beim Ironman Frankfurt 2009: "Der Titel ist drin" (Timo Bracht)
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Eine Runde 1250 Meter. "Das mache ich sechsmal", erklärt der 33-Jährige. Manchmal kommt es vor, dass gleichzeitig ein Bus an ihm vorbeifährt, der mit seinem übergroßen Konterfei lackiert ist. Der Linienbus der Stauferstadt - übernächsten Sonntag bringt er Brachts Fans zum Ironman-Start am Langener Waldsee. Bracht schmunzelt über den Bus. "Ich bin halt hier ein Held."
Einer, der sich akribisch auf den Wettkampf in Frankfurt vorbereitet etwa mit speziellen Brückenläufen, die nach Ansicht seines Trainers Ralf Ebli zur Vorbereitung unerlässlich sind. Denn wer ein Ironman am Main werden will, muss nicht über sieben Brücken gehen, wohl aber insgesamt achtmal über die Friedensbrücke im Westen und die Flößerbrücke im Osten Frankfurts laufen (oder gehen).
Das bringt der Vier-Runden-Marathonkurs mit sich. "Man kann den Rhythmus für die An- und Abstiege trainieren", sagt Ebli. "Das Profil meiner Neckarbrücke ist ähnlich", weiß Bracht und blickt auf seine GPS-Uhr. "Ich schaffe es, dass die Übergänge so harmonisch wie möglich werden. Bei meinem ersten Ironman hatte ich nach den Brückenquerungen noch Krämpfe bekommen."
"Wenn die Schraube fest ist, drehe ich nicht mehr dran", sagt der tüftelnde Triathlet
Bracht hat sein Training noch methodischer, noch diffiziler, noch vertrackter gestaltet. Er arbeitet seit Ende 2007 mit Ebli zusammen, dem früheren Triathlon-Bundestrainer, der auch Heimtrainer von Kurzdistanz-Weltmeister Daniel Unger war. Bracht ließ sich als diplomierter Sportwissenschaftler davon überzeugen, sein bis dato individuell gestaltetes (Mammut-)Programm umzustellen.
Insofern, dass weniger oft mehr ist. "Ich überziehe nicht mehr. Wenn die Schraube fest ist, drehe ich nicht mehr dran." Beispiel Laufen: Wo andere in Hochphasen 120, 150 Kilometer ablaufen, integriert der zweifache Familienvater in den 70 oder 80 per pedes zurückgelegten Wochenkilometern lieber intensive individuelle Reize. "Bewegungsökonomie und Körperspannung" heißen die Zauberworte.
Wenn Spaziergänger verharren, um den 69 Kilo leichten Modellathleten zu bewundern, zu begrüßen (oder zu fotografieren), dann fällt selbst dem Laien der aufrechte, druckvolle Laufstil mit dem nach vorne gelagerten Schwerpunkt ins Auge. Bracht selbst spricht vom "Sparsamlaufstil", nebenbei vermittele die Haltung auch Selbstbewusstsein.
So etwas ist nicht naturgegeben, sondern das Ergebnis eines speziellen Lauftrainings. Ebli hat Bracht eingetrichtert, dem sich nur weniger Topathleten in ihrer manischen Trainingshatz unterwerfen: "Lieber einen Qualitätskilometer mehr und einen Alibikilometer weniger."
Sein gezügelter Zögling ist felsenfest davon überzeugt, dass übernächsten Sonntag die Europameisterschaftsentscheidung erst beim Laufen fällt. "Der Marathon ist die wichtigste Disziplin geworden: Der schnellste Läufer wird auch als Erster über die Ziellinie gehen", glaubt der Tüftler der Szene.
Demnach hätte der Triathlet, der in diesem Jahr nicht nur die langen Kompressionsstrümpfe, sondern auch einen Einteiler mit eigens eingenähter Kompressionshose trägt, beste Gewinnchancen: 2007 und 2008 lief der flotte Familienvater die mit Abstand beste Marathonzeit - fabelhafte 2:42:32 Stunden im Vorjahr. "Und er kann noch schneller werden", meint Ebli, "ich halte bei ihm 2:40, 2:38 für möglich."
Die Tendenz geht ohnehin zum High-Speed-Marathon beim Ironman vorbei scheinen die Zeit, dass Heroen wie Normann Stadler auf dem Rad so kräftig in die Pedale treten, dass sie zehn, zwölf Minuten Vorsprung vom Rad übers Laufen retten. Mal angenommen, dass keine unerlaubten Helfer aus den Hexenküchen der dopingbelasteten Sportwelt mitmachen, wird der Schlüssel zum Sieg sein, sich solch eine Kraftausdauer angeeignet zu haben, um auf dem zweiten Marathon-Teil nicht nur die Geschwindigkeit zu halten, sondern sie auch noch zu steigern.
"Von den kürzeren Strecken kommen brutale schnelle Jungs rein", erläutert Ebli eingedenk der in Frankfurt startenden Newcomer Terrenzo Bozzone (70.3-Weltmeister) und Andreas Raelert (Sieger Ironman Arizona). Sie sind genau wie Vorjahressieger Chris McCormack furchtbar starke Läufer. Bracht weiß das. "Im Rennen werde ich alles oder nichts rennen müssen." Und auch auf den Mainbrücken bestimmt nicht rechts oder links schauen.