kalaydo.de Anzeigen

Wie sich Sportler gefährden: Fataler Testosteronstoß

Eine Studie belegt, dass Ausdauersportler zu oft zu viele Schmerzmittel vor Wettkämpfen nehmen. Sie erhält angesichts der zu klärenden Verantwortung für die beiden Todesfälle beim Zugspitzlauf 2008 Aktualität. Von Jan Christian Müller

Manchen kann es nicht extrem genug sein: Läufer im Himalaya.
Manchen kann es nicht extrem genug sein: Läufer im Himalaya.
Foto: getty

Professor Kay Brune steigt selbst gern auf Berge, langsam und stetig, denn der 68-Jährige weiß, wie fatal die Folgen von Überbelastung sein können. Brune arbeitet am Institut für Klinische und Experimentelle Pharmakologie und Toxikologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und hat gemeinsam mit einigen Kollegen eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht. Eine Studie, die angesichts der derzeit gerichtlich zu klärenden Verantwortung für die beiden Todesfälle beim Zugspitzlauf 2008 Aktualität erhält.

Im Jahr zuvor, beim Zugspitzlauf 2007, war es zu teils massiven Protesten von Teilnehmern gekommen, weil die Strecke wegen eines Kälteeinbruchs mit Rücksicht auf die Gesundheit der Athleten verkürzt worden war, Rücksicht, die viele Sportler selbst auf ihre Gesundheit nicht nehmen wollten. "Mein Verständnis dafür ist sehr gering", sagt Mediziner Brune, "ich bezeichne solche Menschen im Zusammenhang mit Sport überspitzt als ,nicht zurechnungsfähig´."

Professor Kay Brune hat in einer Studie  viel Unvernunft bei Breitensportlern

entdeckt.
Professor Kay Brune hat in einer Studie viel Unvernunft bei Breitensportlern entdeckt.
Foto: k&p

Brune und Kollegen haben sich zwar nicht mit Ausdauersportlern beschäftigt, die bis zum Tod unterkühlt waren, aber ihre Recherche zum Einsatz von Schmerzmitteln im Breiten- und Leistungssport legt Zeugnis ab über eine entweder verblüffend rücksichtslose oder aber höchst naive Einstellung zum eigenen Körper - über eine Mentalität jedenfalls, die die eigenen Grenzen nicht anerkennen will.

Beim Zugspitzlauf dürften die betroffenen Athleten gewaltig unterschätzt haben, wie gefährlich niedrige Temperaturen wegen des, so Brune, "extrem hohen Wärmeverlusts durch die intensive Durchblutung der Haut und der Muskulatur" für Leib und Leben sein können. Doch auch bei normaler Witterung nehmen sehr viele Ausdauersportler völlig unnötig erhebliche Gefahren auf sich.

Das Ärzteteam ließ für seine Studie 1024 Teilnehmer des Bonn-Marathons 2009 danach befragen, ob sie bereits vor dem Rennen Schmerzmittel zu sich nähmen, um die Pein erträglich zu halten. Kaum zu glauben: Fast zwei Drittel bejahten, "weit über 60 Prozent, ein überraschender und völlig neuartiger Befund", wie Brune betont und ergänzt: "Männer scheinen besonders gefährdet. Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass sie viel häufiger und in sehr viel höherer Dosierung Schmerzmittel einnehmen als Frauen." Der Arzt kann sich "das nur durch einen Testosteronstoß erklären, der das rationale Denken ausschaltet". Ähnlich könnte es beim Zugspitzlauf zugegangen sein.

Die Einnahme von Schmerzmitteln ist dabei laut Brune völlig sinnlos, das hätten vergleichende US-Studien bei einem Ultramarathon ergeben: "Die meisten Menschen glauben, sie hätten hinterher keine Schmerzen, wenn sie vorher etwas einnehmen. Dem ist nicht so." Allenfalls sei es "akzeptabel, wenn auch nicht empfehlenswert, bis zu 600 Milligramm Ibuprofen nach der Belastung und nach Aufnahme von ausreichend Flüssigkeit und Salz einzunehmen, also allerhöchstens drei Tabletten à 200 Milligramm."

Schmerzmittel vor der körperlichen Anstrengung seien dagegen schädlich. Der Professor erläutert die Abläufe: "Das Herz-Kreislauf-System muss mit Hochleistung arbeiten, die Niere muss die bei der Belastung entstehenden, zusätzlichen Schadstoffe ausscheiden, und der Darm sollte in dieser Zeit in der Lage sein, Wasser und Salze aufzunehmen. Das aber geschieht nicht. Der Körper konzentriert seine Blutreserven auf die Muskulatur und das Herz. Hochgradig belastete Organe wie Niere und Darm erleiden eine Mangeldurchblutung, die durch die Einnahme von Schmerzmitteln zusätzlich verstärkt wird. Die Grenz- und Schutzfunktion des Darms wird gestört und Bakterien und ihre Gifte gelangen in den Körper. Der Allgemeinzustand verschlechtert sich." Zudem würden die inneren Organe durch Stöße und Schüttelbewegungen zusätzlich gestört.

Schwere Zwischenfälle sind deshalb nicht nur bei der riesigen Schar der Amateursportler bekannt geworden: Die Marathon-, Ultramarathon- und Ironman-Teilnehmer Stephanie Ehret, Julie Ann White, Paula Radcliffe und Derek Clayton erlitten nach Angaben der Mediziner schwere Magen-Darm-Blutungen. Clayton wird in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts nach seinem Lauf zum Marathon-Weltrekord in den späten 60ern so zitiert: "Ich urinierte große Mengen Bluts, ich übergab mich mit schwarzem Schleim und schied schwarzen Durchfall aus." Für den Experten Brune eine typische Reaktion des Körpers: "Langstreckenathleten, die bereits vor dem Start Schmerzmittel einnehmen, verlieren deshalb auch durch die Niere und durch den Magen-Darm-Trakt oft massiv Blut. Folge: "Blutiger Urin oder blutiger schwarzer Stuhl."

Für noch größer hält der Toxikologe aber die Gefahr für weniger gut trainierte und betreute Sportler. Es sei "auffällig, wie viele relativ Untrainierte an Marathons teilnehmen und sich der Gefahr der Gesundheitsschädigung aussetzen. 90 Prozent der Teilnehmer an Marathonläufen sind letztlich Laien, die beweisen wollen, wie toll sie sind, die sich durch die Rennen quälen, viele in Unkenntnis der drohenden Folgen."

Autor:  Jan Christian Müller
Datum:  8 | 12 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Sport-Spezial: Marathon
Deutsche Meisterin im Halbmarathon: Simret Restle-Apel aus Kassel.
Halbmarathon DM 
4030 Läufer nehmen am Frankfurter Halbmarathon teil - das ist Rekord.
Halbmarathon in Frankfurt 
Frankfurter Halbmarathon 

FR-Sportredaktion live

Sport-Ticker @ Twitter
Ergebnisdienst

Von Basketball bis Volleyball: Ergebnisse und Statistiken zu Spielern und Vereinen - bis zur Kreisklasse.