Die klassische Filmdramaturgie legt nahe, dass alles, was wir Zuschauer sehen, auch irgendwie zusammengehört. Was immer man uns zeigt, wird noch Bedeutung erlangen: Der Bettler, der eben noch im Bildhintergrund herumstand, ist hernach ein wichtiger Zeuge. Der Revolver in der Nachttischschublade, das Transchiermesser an der Magnetleiste - alles Hinweise auf ein größeres sinnvolles Ganzes. Selbst längere Erzählstränge, die zunächst wie zwei unverbundene Parallelen durch den Film laufen, treffen am Ende des Film mit Sicherheit aufeinander.
Diese Gewissheit hat etwas sehr tröstliches, aber die Vorhersehbarkeit der Ereignisse macht den filmkundigen Zuschauer immer auch ein wenig träge. Oder andersherum: Erst sobald eine Geschichte das logisch aufeinander aufbauende Hintereinander der Ereignisse verweigert, entsteht im Publikum Anspannung und Unruhe. Der Film ist dann plötzlich wieder so unübersehbar wie das Leben, von dem er ja erzählen will.
Sicher ist es dieser Effekt, den der Regisseur Nicolai Rohde erzeugen will, wenn er seinen Film "10 Sekunden" asynchron erzählt: Die Figuren - der Mörder, das Opfer, der Kommissar - beginnen ihre Reise durch die Geschichte nämlich zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Unterzeilen markieren den Fixpunkt: "zwei Wochen, bevor sich das Unglück jährt" steht da. Oder "ein Tag bevor sich das Unglück jährt". Oder: "Am Jahrestag des Unglücks". Wer wann auf wen trifft, bleibt lange unklar.
Nur so viel ist gewiss: Der Flugzeugabsturz vor einem Jahr, bei dem 31 Menschen ihr Leben verloren, weil der Fluglotse zehn Sekunden lang nicht aufpasste, hält die Figuren bis heute in einem Bann. Niemand ist noch so, wie er zuvor war: Der Lotse macht sich trotz eines entlastenden Gutachtens immer noch schwere Vorwürfe, seine Frau hält seine Depressionen schon lange nicht mehr aus.
Der Kommissar hat die Bergung der Opfer seelisch nicht verkraftet. Wie ein unruhiges Tier hastet er durch den Film, als müsse er nachträglich noch etwas wieder in Ordnung bringen, was das Unglück in Unordnung versetzt hatte.
Auch der Mann, der seine Familie bei dem Flugzeugabsturz verlor, hat nicht wieder ins Leben zurückgefunden. Er wird später den traurigen Lotsen erschießen, davon aber auch nicht wieder froh werden können.
In seinem Handlungskern orientiert sich "10 Sekunden" an den tragischen Ereignissen von Überlingen am Bodensee, wo vor acht Jahren nach einer Flugzeugkollision 71 Menschen starben, weil der diensthabende Schweizer Fluglotse für einen Moment von seiner Aufgabe überfordert gewesen war. Der SWR hat im letzten Jahr einen Film aus dem dramatischen Stoff gemacht, der auch den zweiten Teil der Tragödie möglichst faktennah erzählte: Weil sich niemand für dieses Unglück verantwortlich erklärte, reiste ein ossetischer Hinterbliebener an den Bodensee und erstach den Fluglotsen, den er für den Hauptschuldigen hielt, mit zwölf Messerstichen.
Während der Film "Flug in die Nacht" das Unglück von Überlingen mit einer möglichst konkreten Rekonstruktion der Ereignisse begreifbar machen will, konzentriert sich "10 Sekunden" darauf, das Unbegreifliche an diesem Vorfall nachfühlbar zu machen. Weil dem Zuschauer die Kausalität der Ereignisse verwehrt werden, fühlt er sich in dieses Filmleben so geworfen wie die Figuren, die tragischerweise vor einem Jahr für einen kurzen, aber entscheidenden Moment zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sind - und dies bis heute büßen müssen.
Dieser sehr artifizielle Ansatz, über Schuld und Sühne, Verantwortung und Schicksal nachzudenken, braucht nicht nur ein sehr aufmerksames und reflexionsbereites Publikum, sondern auch eine sichere Regie und ein hervorragendes Ensemble, das die Figuren mit der Intensität ihres Spieles über die vielen Auslassungen der Erzählungen hinweg trägt.
Vor allem Sebastian Blomberg als Kommissar und Marie Bäumer als Frau des Fluglotsen gelingt dies mühelos. Filip Peeters als der Mörder aus Verzweiflung bleibt lange eine geheimnisvolle Größe, muss dann aber leider in einer pseudodramatischen Waldszene für den Zuschauer noch einmal alles in einem langen Monolog erklären, was bisher geschehen war, und so motivieren, was noch passieren wird.
Da kann dann auch die sonst sehr präzise Kamera von Hannes Hubach nichts mehr retten. Für ein paar Minuten ist die Tragödie "10 Sekunden" wieder ein schlichter "Deshalb-ist-das-Leben-so-wie-es-ist"-Fernsehfilm. Dabei ist das Leben ja viel häufiger so, wie "10 Sekunden" davor und danach ist: weitgehend undurchschaubar. Aber unbedingt sehenswert.
10 Sekunden, 20.15 Uhr, Arte
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