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"Die Leute sind hochnervös"

Wenn die Finanzwelt verrückt spielt, lechzen die Deutschen nach Information.

Informationsbeschaffung per Multitasking.
Informationsbeschaffung per Multitasking.
Foto: getty

Michael Opoczynski hat seinen Urlaub vorzeitig beendet. Seine Sendung, das ZDF-Verbrauchermagazin "Wiso", sollte nicht mitten in der Finanzkrise noch eine weitere Woche auf ihr Gesicht verzichten. Und so stand Opoczynski gestern Abend gleich in einer Sonderausgabe für Zuschauerfragen bereit. Das dürfte sich gelohnt haben, denn schon eine Woche zuvor registrierte die ZDF-Medienforschung, dass mehr Menschen als sonst "Wiso" sahen.

In Zeiten der Verunsicherung wächst der Hunger nach Information. Und so stiegen bei vielen TV-Sendungen jüngst die Zuschauerzahlen. Zwar zeigten die irritierten Verbraucher für "Tagesschau" und "Tagesthemen" wie für "heute" und "heute journal" kein größeres Interesse als in ruhigen Zeiten. Doch bei monothematischen Sendungen, zu denen auch "Wiso" zählt, sieht das anders aus: Als etwa Maybrit Illner fragte "Wie groß ist die Gefahr für Jobs und Geld?" schalteten gleich zehn Prozent mehr Zuschauer ein.

Anne Will ("Turbo-Kapitalisten außer Rand und Band") und Frank Plasberg ("Wenn die Angst das Geld frisst") fanden deutlich mehr Zulauf als sonst. Die "ZDF Spezials" zum Thema sahen ebenfalls mehr Menschen als üblicherweise nach der 19-Uhr-Ausgabe von "heute" dranbleiben. Im "ZDF-Morgenmagazin" stand am Donnerstag und Freitag vergangener Woche Dauer-Experte Wolfgang Büser bereit. An beiden Tagen erreichten die Redakteure jeweils knapp 1 300 Anrufe - deutlich über dem Schnitt. Und als gestern im "ARD-Morgenmagazin" Finanztest-Chef Hermann-Josef Tenhagen zu Gast war, liefen gar 1 600 Anrufe auf.

Während ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender konstatiert, die Leute seien "hochnervös" und sein "Morgenmagazin"-Leiter Ulf Röller ebenfalls von einer "großen Verunsicherung" spricht, sind ARD und ZDF auch im Netz stärker als bisher gefragt. Jörg Sadrozinski, Chef von tagesschau.de, registriert "gewaltigen Zugriffssteigerungen": Statt pro Tag im Schnitt 550 000 Besucher kommen schon mal 700 000 vorbei.

Auch beim ZDF ist von gestiegenen Zugriffen die Rede. Vor allem bei Chats. Das passt wiederum in die Beobachtung: Zuschauer und Leser goutieren offensichtlich vor allem Angebote, bei denen sie ihre Fragen loswerden können.

Während die Verkaufs-Zählungen von Zeitungen und Zeitschriften erst mit etlichen Wochen Verzögerung bekannt werden, sind längst weitere Gewinner der Finanzkrise bekannt: die Internetportale der Verlage. Marktführer "Spiegel Online" meldete für den September, in dem Lehman Brothers pleite ging, 576 Millionen einzelne Seitenabrufe. Rekord. Und auch das Angebot der FR wurde so häufig abgerufen wie nie zuvor.

Profiteure der Finanzkrise sind die nicht-gebührenfinanzierten Medien deswegen aber noch lange nicht. Erste Unternehmen vie Viacom und CBS haben ihre Anleger bereits gewarnt: Zwar sei mit einer höheren Resonanz zu rechnen. Aber weil auch die Werbebranche zittere, dürften Anzeigenbuchungen zurückgehen. Und so könnte die Krise am Ende doch auch die Medien treffen.

Autor:  DANIEL BOUHS
Datum:  14 | 10 | 2008
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