In Lettlands Medienlandschaft galt die Zeitung Diena (Tag) bisher als leuchtende Ausnahme. Während die übrigen Blätter meist kritiklos die Haltungen ihrer Geldgeber widerspiegeln oder sich Revolver-Journalismus verschrieben haben, galt Diena als unbestechlich, seriös und unbequem. Sie kritisierte die Machthaber und setzte sich für Minderheiten ein, auch wenn das unpopulär war. Doch nun ist es vorbei mit dem guten Ruf. Im Konflikt mit neuen Eignern haben die namhaftesten Mitarbeiter das Blatt verlassen, und Insider meinen, Diena habe "alle Zukunftsperspektiven verloren". "Das ist das Ende für Diena", fürchtet der Kommunikationsexperte Sergejs Kruks.
Das Medienhaus "Diena Mediji", in dem Diena und das Wirtschaftsblatt Diena Bizness erscheinen, war im Sommer überraschend vom schwedischen Verlag Bonnier an einen neuen Besitzer verkauft worden, über dessen Identität monatelang gerätselt wurde. Schon das widersprach den Prinzipien der Offenheit, zu denen sich die Zeitung sonst bekannte. Auch der Kaufpreis blieb geheim. Erst jetzt enthüllte Herausgeber Aleksandrs Tralmaks, dass die britische Familie Rowland, die unter anderem die Investmentberatungsfirma Blackfish betreibt, das Zeitungshaus erworben hat. Parallel dazu legte er einen Sparplan vor, der die halbe Belegschaft in den Ausstand trieb. Chefredakteurin Nellija Locmele, Redaktionschefin Anita Brauna und Chefkommentator Pauls Raudseps verließen mit elf weiteren Journalisten die Zeitung.
Erst einmal kürzen
"Der Bruch war unvermeidlich", sagt Aivars Ozolins, einer der bekanntesten politischen Journalisten Lettlands. "Wir haben versucht, einen hohen Standard zu halten, aber was wir von den neuen Eignern gesehen haben, war nichts als Bluff." Der Geschäftsplan sah Lohnkürzungen um 40 Prozent vor, obwohl die Gehälter bereits zuvor um 25 Prozent reduziert worden waren. "Die Zeitung hatte zwei Standbeine, Anzeigen und Abonnements. Durch die Wirtschaftskrise ist das eine weggebrochen, und jetzt versucht man, die Blutung zu stoppen, indem man die Hauptschlagader abbindet", sagte Locmele, die vergeblich versucht hatte, den Medienkonzern mit Hilfe anderer Investoren selbst zu übernehmen. "Wer Herausgeber ist, ist nicht wichtig", meint Tralmaks, "wichtig ist, ob Diena profitabel ist oder nicht." Im Vorjahr fiel der Umsatz um elf Prozent, und Diena Mediji machte einen Verlust von 2,7 Millionen Euro.
"Unsere Werte stimmen nicht mit denen des neuen Managements überein", sagte Ozolins, der fürchtet, dass Seriosität und Unabhängigkeit eingebüßt werden. Während diejenigen, die gingen, über Internet-Blogs mit der Öffentlichkeit kommunizieren und die Gründung einer neuen Zeitung nicht ausschließen, wandte sich die neue Chefredakteurin Dace Andersone mit der Versicherung an die Leser, dass "Qualität, Verantwortung und Meinungsfreiheit" unangetastet blieben und Diena weiterhin unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Interessen sein werde. Den Leitartikel schrieb ein Kommentator des Schwesterblatts Diena Bizness.
Probleme hat nicht nur Diena. Auch der englischsprachigen Baltic Times liefen die wichtigsten Journalisten weg, nachdem diese monatelang nicht entlohnt worden waren und die Herausgeber zunehmend Druck machten, dass die Interessen von Anzeigenkunden auch redaktionell beachtet würden. Ein Teil der Abgesprungenen gibt nun den Internet-Informationsdienst Balticreports heraus, während die Baltic Times versucht, durch die Emission von Aktien neues Kapital von den Lesern zu erhalten, was angesichts des Qualitätsverlustes schwer werden dürfte.
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