Immerhin 16 Lebensjahre liegen zwischen Rosemarie Fendel (Jahrgang 1927) und Cornelia Froboess (Jahrgang 1943), die in dem Film ihre jüngere Schwester spielt. Und auch sonst glaubt man als Zuschauer nicht leicht, dass diese beiden Geschwister sein sollen: Die eine so filigran, leise und stets etwas ätherisch. Die anders so handfest und mausgrau und geradeaus. Berlinisch eben. Die Regisseurin Margarethe von Trotta hat sie für ihr Kammerspiel „Die Schwester“ zusammengespannt. Vielleicht, weil es ihr ja gerade darum geht: Um die Verschiedenheit der Charaktere, die die beiden Frauen wie ein Nordseesturm auseinandertreibt. Und die Bande der gemeinsamen Herkunft, die Margot und Wilma nach den regelmäßigen Zerwürfnissen doch immer wieder aufeinander zu spült wie auflaufendes Wassers einer Meeresflut.
Wie lange genau die beiden Schwestern in ihrer kleinen Wohnung zusammenwohnen, lässt Drehbuchautor Johannes Reben im Ungewissen. Aber es muss schon eine Weile sein. Wilma und Margot haben sich sichtbar eingerichtet – in ihrer Lebensgemeinschaft wie in ihrer Einsamkeit.
Margarethe von Trotta lässt ihr Zimmerdrama mit einer der wenigen Außenaufnahmen beginnen: Auf einem Spaziergang begegnet Margot einem Straßengaukler. Angezogen von der heiteren Atmosphäre, die Gregor (Matthias Habich) verbreitet, kauft sie ihm einen kleinen Mischlingswelpen ab. Zuhause angekommen ist sofort Schluss mit lustig. Am Schreibtisch sitzt Wilma und zählt Geld, hustet, zählt Geld, hustet wieder. Später wird man erfahren, dass ihr die Berührung mit Geldscheinen Asthmaanfälle verursacht. Überhaupt ist Wilma nicht gut zurecht. Ihre Beine sind gelähmt. Auf Krücken quält sie sich durch die Etagenwohnung. Die Benutzung eines Rollstuhls lehnt sie ab. Wie Wilma überhaupt eine Meisterin darin ist, alle Bewegungen in ihrem Leben instinktiv abzuwehren. Ein Blick genügt Margot: Sie gibt den kleinen Hund im Tierheim ab. Und trifft einen Entschluss: Sie wird ausziehen. Ein eigenes Leben beginnen. Besser mit 80 als nie!
Zu diesem Zeitpunkt ist dem Zuschauer schon klar, dass Margot ihr Vorhaben kaum in die Tat wird umsetzen können. Sie ist einfach zu filigran, zu leise, zu ätherisch, um sich gegen den Tatmenschen Wilma durchzusetzen. Denn die erträgt zwar Margots leise tretende Anwesenheit nur schwer, kann sich aber ein Leben ohne ihre große Schwester auch nicht vorstellen. Und so schmiedet Wilma einen ausgesprochen hintersinnigen Plan: Sie will Margot so glücklich machen, dass die gar nicht mehr ausziehen will.
Spätestens jetzt wird dem Zuschauer bewusst, warum der Film nicht „Die Schwestern“, sondern „Die Schwester“ heißt: Es schlägt Wilmas große Stunde, als sie im Internet für ihre Schwester eine Kleinanzeige aufgibt: „Ehemalige Altistin sucht Begleitung für gemeinsame Konzertbesuche“. Es wird Wilmas großer Auftritt, als der somit erneut in Margots Leben tretender Verehrer Gregor zum ersten Mal bei den Schwestern zu Gast ist. Wie eine Puppenspielerin bewegt die gelähmte Wilma die Seelen der anderen. Lässt sie aufeinander zugehen und bringt sie wieder auseinander. Ganz wie es ihre gefällt. Margot weiß das und kann doch nichts dagegen tun. Gregor ahnt das und lässt sich doch auf eine heikle Ménage à trois ein.
Wer drei so unterschiedliche, aber gleichermaßen hochkarätige Schauspieler zusammenbringt wie Rosemarie Fendel, die Zeit ihres Lebens mit der Fernsehkamera geflirtet hat, Cornelia Froboess, die die emphatische Präsenz von der Münchner Theaterbühne mit in die Filmkulisse trägt, und Matthias Habich, der gleich beides ist – sensibler Kamerafreund und tosender Bühnenmensch – erhofft sich von diesem Ensemble natürlich Synergieeffekte: einen Furor der Spielfreude. Ein insgeheimes Wetteifern um die Gunst des Publikums. Eine Dichte der Inszenierung.
Aber nichts davon ist der Inszenierung von Regisseurin Trotta gelungen. Eher neutralisieren sich die verschiedenen Temperamente, als dass sie sich aneinander entzünden würden. Allzu lässig spielt Habich seinen armen Tropf, der bei den Schwestern einen Unterschlupf sucht. Eine Spur überdosiert führt uns Cornelia Froboess die Bitterkeit ihrer Wilma vor Augen. Ein wenig zu verhuscht wirkt Rosemarie Fendel, als dass man ehrlich mit ihr mitleiden würde. Umgekehrt hätte es vielleicht ein Schauspielfest werden können: Die Fendel einmal böse, die Froboess einmal ganz still. Der Habich dazwischen. Staunend über diese beiden seltsamen Damen. So aber ist vieles arg auf den Effekt hin ausgedacht
Die Schwester, 20.15 Uhr, ARD
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