Es mag albern klingen, was die Bahn angestellt hat, um ihr Image zu pflegen. Dienstleister haben bekanntlich nicht nur manipulierte Studien über die Stimmungslage zum Börsengang lanciert. Sie haben auch noch inkognito Internet-Foren manipuliert und Plattformen wie YouTube mit Videos bestückt, in denen die Bahn gut wegkam. Diese Instrumente waren nicht neu, dafür aber dies: Der Manipulationsversuch wurde von dem Transparenz-Verein LobbyControl aufgedeckt - nicht von Journalisten.
Am Wochenende diskutierte das "Netzwerk Recherche" über den Status quo und die Zukunft seiner Branche. Treffender Titel: "Journalismus zwischen Morgen und Grauen". Auch die PR-Tricks der Bahn standen auf der Agenda. Rasch reifte die Erkenntnis: Sowohl der Erfolg der Bahn, Botschaften in der Presse zu platzieren, als auch die Art und Weise der Enthüllung sprechen nicht gerade für einen Idealzustand des Journalismus.
Selbstkritik äußerte etwa Markus Grill, der für den Stern die Affären um Ratiopharm und Lidl aufdeckte, heute aber für den Spiegel schreibt. Grill sagte, es spreche für sich, dass die PR-Tricks von LobbyControl und nicht von Journalisten aufgedeckt wurden. Sein Fazit: "Der Journalismus dümpelt so vor sich hin."
Er dümpelt nicht nur, er scheint vielerorts auch noch zu bequem, wie PR-Experte Klaus Kocks meinte: "Wir können gar nicht so viel PR produzieren, wie nachgefragt wird." Kocks muss es wissen: Er war einst Kommunikationschef von VW und hat wie kaum ein anderer den Überblick über das Agieren der Manipulatoren. Bedauerlich, dass ihn manch einer ob seiner Offenheit nur für einen Showmaster hält - er weiß Dinge zu erzählen, die so absurd sind, dass man geneigt sein könnte, sie für unterhaltsame Scherze zu halten.
Nun landet auf Internetseiten, in Zeitungen, Zeitschriften und Funk wie Fernsehen freilich auch ungeprüft Unternehmenssprech, weil der Journalismus - gemeinsam mit der Volkswirtschaft - durch eine tiefgreifende Krise torkelt. Denn auch hier gilt: Wo kein Personal, da auch keine Qualität, sprich: keine Kontrolle. Der Chef des Bertelsmann-Ablegers Gruner + Jahr, Bernd Buchholz, begründete den Sparzwang in seinem Haus mit einem Einbruch der Anzeigenmärkte um 30 bis 50 Prozent. Und macht sich immer noch Hoffnungen: "Wer nicht profitabel ist, wird auf Dauer nicht unabhängig bleiben."
Zum branchenweiten Stellenabbau, der längst auch die Qualität der Top-Titel gefährdet, entgegnete Heribert Prantl, ein Starautor der auflagenstarken Süddeutschen Zeitung: "Die Verlage nutzen eine angebliche Not für eine überzogene Notwehr." Prantl wollte auf der Tagung im Hamburger NDR nicht glauben, dass die Krise für seine Kollegen so schlimm ist, wie sie scheint. Vielmehr zeichnete er das Bild einer "Hysterie, die im Journalismus ohnehin besser gedeiht als anderswo". Kollegen würden das eigene Produkt gar "schlecht schreiben - so lange, bis es alle glauben".
Es ist die Forderung nach Besinnung, die Prantl lostrat. Blogs etwa seien gar keine Gefahr für den Qualitäts-Journalismus, wohl aber, wie in den USA, "eine Selbsthilfe", wenn die Presse "zu lange versagt". Prantl wünschte sich deshalb: "Man sollte damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren, die es gar nicht gibt." Der Amateurjournalismus in Blogs sei "am Ende doch eine Chance für eine fruchtbare Zusammenarbeit".
Von seinen Kollegen forderte Prantl ein stabiles Rückgrat, das auch die Krise übersteht. "Ein ordentlicher Journalist würde die Manipulationen der Bahn nicht einfach so hinnehmen, wie das derzeit geschieht", sagte der Innenpolitik-Chef der SZ, der einst Staatsanwalt war.
Prantl wehrte sich gegen vereinzelte Rufe, die kriselnde Presse mit Staatsgeld zu stützen. "Die deutschen Zeitungen brauchen kein Staatsgeld. Sie brauchen aber Verleger und Journalisten, die ihre Arbeit gut machen. Sie brauchen Verleger, die gerne Verleger sind und diese Freude über die Rendite stellen."
Eine Diskussion über die Auslands-Berichterstattung förderte indes wieder genug Anhaltspunkte für den Sparwahn von Sendern und Presse zutage. So sprach der mehrfach ausgezeichnete TV-Reporter Ashwin Raman von einem "Skandal", als er feststellte, dass ARD und ZDF keine festen Studios im afghanischen Kabul eingerichtet haben - "obwohl dort deutsche Soldaten stationiert sind". Stattdessen würden von Fall zu Fall Reporter aus Deutschland für ein paar Tage eingeflogen, die sich mit dem Land und seiner Kultur kaum auskennen. "Afghanistan ist aber mehr als nur Soldaten."
Noch heftiger sind die Beobachtungen des Guardian-Reporters Nick Davies. "Viele verlassen sich inzwischen auf die Dienste von Nachrichtenagenturen, vor allem der Associated Press und von Reuters", sagte Davies, der Auslands-Berichte in Großbritannien unter die Lupe nahm: "Die bauen aber gerade selbst Stellen ab." Nach Davies' Recherchen hätten beide Agenturen in etwa 80 Ländern zudem gar keine festen Büros. Von einer "Quellenarmut" war die Rede. Davies: "Der Journalismus endet so in einem Konsens. Wir erzählen den Leuten weltweit dieselben Geschichten zu denselben wenigen Themen."
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